Übergriffe auf Offizielle: Unparteiische sind Opfer

Gewalt im Amateurfußball

Der Fußballkreis Arnsberg setzt am Sonntag alle Kreisligen aus. Grund dafür sind häufige Angriffe auf Schiedsrichter. Ein vielerorts bekanntes Phänomen. Dem Kreis und dem Schiedsrichterausschuss geht es jetzt vor allem darum, ein Zeichen gegen ausufernde Gewalt zu setzen.

Dortmund

, 08.11.2017, 12:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Übergriffe auf Offizielle: Unparteiische sind Opfer

Gewalt gegenüber Unparteiischen ist im Amateur- wie im Profifußball ein Problem. Gerade in den unterklassigen Ligen wird vermehrt ein Anstieg der Vorfälle verzeichnet. Der Kreis Arnsberg setzt jetzt sogar einen kompletten Kreisliga-Spieltag aus, um auf das Problem hinzuweisen. © imago

Es ist der 15. November 2014. Der Amateurfußball-Schiedsrichter Helmut Dohse aus Essen greift wie jedes Wochenende nachmittags zu seiner Pfeife und bläst lautstark zum Anpfiff eines Kreisligaspiels. Doch was etwa fünf Minuten vor Abpfiff geschieht, ist ihm so vorher noch nicht widerfahren. Nachdem der mittlerweile 59-Jährige einem Spieler die Gelb-Rote-Karte zeigt, schlägt der Sünder Dohse nieder. Der Kopf des Schiedsrichters prallt auf den harten Ascheplatz, Dohse ist kurzzeitig bewusstlos und muss ins Krankenhaus – doppelter Kieferbruch.

Zwei Wochen im Krankenhaus

„Es war eine sehr harte Zeit im Krankenhaus“, sagt der leidenschaftliche Schiedsrichter. Zwei Wochen ist er im Krankenhaus geblieben. Aber trotz all der Widrigkeiten nach einer Operation mit dem Resultat eines verdrahteten Kiefers hat Dohse gewusst: „Ich mache weiter.“

Die Geschichte des Essener Schiedsrichters ist kein Einzelfall, der Fußballkreis Arnsberg hat jetzt den kompletten kommenden Kreisligaspieltag wegen ähnlicher Zwischenfälle abgesagt. Ein junger Schiedsrichter ist im Kreis am vergangenen Wochenende tätlich angegangen worden. Den Verantwortlichen des Kreises reicht es, sie haben in den letzten Wochen immer häufiger Anfeindungen von Amateurfußballern gegenüber Schiedsrichter beobachtet.

Faustschlag gegen Schiedsrichter

„Uns geht es darum, etwas anzuzeigen, ein Zeichen zu setzen“, sagt Reinhard Pietz, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses Arnsberg. Die Entscheidung sei ein „Zusammenschluss mehrer Vorfälle“ aus den letzten Wochen. Am 1. Oktober habe es bereits einen Faustschlag gegenüber eines Schiedsrichters gegeben, so Pietz weiter. Auf den Plätzen herrsche eine Stimmung, „die man nicht mehr gutheißen kann - Kopfstöße, Beschimpfungen übelster Art“. Tätlichkeiten gegenüber Schiedsrichtern habe es in den letzten Jahren so nicht gegeben, sagt Pietz.

Eins will Pietz aber auch herausstellen. Es gehe bei der Aktion nicht allein um Gewalt und Anfeindungen gegenüber Schiedsrichtern. Auch das Verhalten der Spieler untereinander oder zwischen Verantwortlichen der gegnerischen Mannschaften spiele bei der Entscheidung, den nächsten Kreisliga-Spieltag abzusagen, eine Rolle. Dohse sieht das Vorgehen aus Arnsberg positiv. Ihm gefällt es, dass so mal ein Signal gesetzt wird.

Rückendeckung für die Aktion

Vom Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen (FLVW), der für die Amateurligen zuständig ist, erhält der Kreis Arnsberg für die Aktion Rückendeckung. „Eine Generalabsage ist immer die Ultima Ratio. Wir können die Beweggründe jedoch zu einhundert Prozent nachvollziehen und unterstützen die Entscheidung der spielleitenden Stelle im Kreis Arnsberg zum Wohle unserer Schiedsrichter“, sagt Präsident Gundolf Walaschewski. Vorfälle wie jüngst im FLVW-Kreis Arnsberg seien keine Ausnahme, bestätigt auch er, und: „Insgesamt sieht es so aus, dass wir in dieser Saison eine deutliche Steigerung bei diesen Vorfällen zu verzeichnen haben.“

Auch in anderen umliegenden Kreisverbänden zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. „Bei uns häufen sich die Spruchkammersitzungen bezüglich Vorfällen gegenüber Schiedsrichtern auch“, sagt Horst Weischenberg, Vorsitzender des Fußballkreises Unna/Hamm. Vor Kurzem ist einem Schiedsrichter von einem Spieler eine Tasche ins Kreuz geworfen worden, sagt er. 14 Monate ist der Amateurkicker daraufhin gesperrt worden. Die Maßnahme aus Arnsberg kann er verstehen: „Es ist das Letzte, einen jungen Schiedsrichter anzugreifen.“

Immer mehr Tätlichkeiten

Der Vorsitzende der Kreisspruchkammer des Verbandes Hamm/Unna, Eberhard Petri, bestätigt Weischenbergs Gefühl. Es gebe immer mehr Tätlichkeiten gegenüber Schiedsrichtern, weiß er. „40 bis 60 Prozent unserer Arbeit beschäftigt sich damit“, sagt er und bestätigt das mit Zahlen. In der vergangenen Saison hat die Kreisspruchkammer 84 Verurteilungen ausgesprochen, 45 wegen Tätlichkeiten, Bedrohungen oder unsportlichem Verhalten gegenüber Unparteiischen. Einzig im Kreis Dortmund gäbe es aktuell kein ähnliches Phänomen.

„Wir hatten vor Jahren ähnliche Fälle und haben rigoros durchgegriffen“, sagt der Vorsitzende des Dortmunder Fußballkreises, Jürgen Grondziewski. Dadurch habe sich die Lage im größten Kreis des FLVW beruhigt.

Zahlen zeigen erschreckendes Bild

Dennoch: Die Zahlen aus Unna/Hamm zeigen ein erschreckendes Bild und lesen sich auch in den Jahresberichten des Deutschen Fußball-Bundes zum Thema „Gewalt im Amateurfußball“ ganz anders. In der Saison 2016/17 seien „99,51 Prozent der Spiele störungsfrei“, heißt es auf der Internetseite des Verbandes. Die Zahl der geschädigten Schiedsrichter hat im Vergleich zur Vorsaison aber zugenommen.

Verzeichnet der DFB für die Spielzeit 15/16 bei gut 1,3 Millionen online erfassten Amateurspielen im ganzen Bundesgebiet 2954 betroffene Schiedsrichter, liegt die Zahl für die Saison 16/17 bei 3008. Ein Anstieg der Anfeindungen gegenüber Unparteiischen - wenn auch nur ein geringer - ist auch in den Statistiken zu finden. Die Dunkelziffer ist höher, harmlosere Beleidigungen gegenüber Schiedsrichter werden von diesen häufig gar nicht mehr vermerkt.

„Müssen über Punktabzug nachdenken“

„Ich glaube, dass wir auch über andere Sanktionsmaßnahmen nachdenken müssen. Diese könnten sein, nicht nur die betroffenen Spieler zu bestrafen, sondern auch mal über einen Punktabzug für Mannschaften nachzudenken, wenn diese nicht in der Lage sind, ihre Spieler zu disziplinieren“, sagt FLVW-Präsident Walaschewski.

Eine Kollektivstrafe ist für Schiedsrichter Dohse kein Allheilmittel - sein Angreifer ist übrigens lebenslang gesperrt worden. Eher sieht er die Verantwortlichen und Trainer in der Pflicht. „Vieles kommt doch auch von Außen. Die Trainer müssen sich reflektieren und Gelassenheit demonstrieren“, so seine Meinung. Es gibt viele Ansatzpunkte für dieses Problem. Ein erstes Signal ist vom Kreis Arnsberg gesetzt worden. Weitere Taten müssen folgen.

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