Um 0.30 Uhr lief der letzte Wagen vom Band

Opel in Bochum

Eine Ära ist zu Ende: Im Bochumer Opel-Werk, das in stolzen Zeiten bis zu 22.000 Menschen beschäftigt hat, lief das letzte Auto vom Band. Für die Stadt und 3000 Mitarbeiter ein bitterer Tag.

Bochum

05.12.2014 / Lesedauer: 3 min
Um 0.30 Uhr lief der letzte Wagen vom Band

Im Bochumer Opel-Werk wurde in der Nacht zum Freitag das letzte Auto gebaut.

Am Werkstor gab es nach der letzten Produktionsschicht aber auch herbe Kritik von Beschäftigten: Opel habe das Werk „vor die Hunde gehen lassen“ und zuletzt nicht einmal mehr das Dach repariert, so dass es hereinregnete, sagte ein Mitarbeiter. Das Werk sei geopfert worden. Nach der Entscheidung zur Werksschließung in Bochum hatte Opel in jüngster Zeit Millioneninvestitionen in die verbleibenden Standorte angekündigt. Die Produktion des Zafira wird von Bochum nach Rüsselsheim verlagert. Opel will bis 2016 wieder in die Schwarzen Zahlen kommen.

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In Bochum stehen rund 3000 Beschäftigte vor einer ungewissen beruflichen Zukunft. Die meisten von ihnen wechseln für maximal zwei Jahre in eine Transfergesellschaft mit zunächst vollem und später auf 80 und dann 70 Prozent reduziertem Gehalt. Auf dem riesigen Werksgelände bleibt nur ein Ersatzteillager des Autokonzerns mit insgesamt 700 Beschäftigten.

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Die Geschichte des Opel-Werks

52 Jahre Opel-Werk in Bochum bedeuten auch 52 Jahre bewegte Geschichte - die Freitag zu Ende geht. Am frühen Freitagmorgen um 00:30 Uhr lief der letzte Wagen vom Band. Das ist das Ende einer Ära - und bedeutet für die rund 3000 Beschäftigte eine ungewisse berufliche Zukunft. Die Geschichte des Opel-Werks in Bildern.
05.12.2014
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Das war der Anfang: Am 12.04.1962 war das Richtfest für die neuen Bochumer Opelwerke I und II. Die Anlagen, in denen täglich 1000 Wagen des neuen Modells Opel Kadett produziert werden sollten, wurden in einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren und einem Kostenaufwand von über einer Milliarde Mark errichtet. © Foto: Heinz Ducklau
Der Opel-Vorstandsvorsitzende Nelson J. Stork (l) und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) besichtigten am 10.10.1962 die Montagehalle des neuen Opel-Werks in Bochum. Das neue Automobilwerk der Adam Opel AG wurde an diesem Tag fertiggestellt, im Juli 1963 lief die Produktion des Opel Kadetts A an. © Foto: Horst Ossinger
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsient Heinz Kühn (r) und die Opel-Direktoren Ralph Mason und Glenn betrachten am 18.06.1969 den 2.000.000. Kadett, der an diesem Tag vom Band lief.© Foto: Wilhelm Bertram
Produktionsstopp am 09.12.1971: Wegen eines Streiks im Stuttgarter Bezirk gibt es Zulieferungsschwierigkeiten. Seit der letzten Nachtschicht auf den Donnerstag (09.12.1971), stehen die Montagebänder still. Insgesamt 11 000 von 19 000 Opel-Beschäftigte sind damit ohne Arbeit. Arbeitgeber und IG Metall befürchten ein erhebliches Anwachsen der Kurzarbeiter- und Arbeitslosenzahl in der nordrhein-westfälischen Metallindustrie für die kommende Woche, wenn der Streik im Stuttgarter Bezirk nicht bald zu Ende geht.© Foto: Wilhelm Bertram
Die Fliessbänder stehen seit Donnerstagmorgen (09.12.1971) still. 11 000 Beschäftigte sind ohne Arbeit. Die übrigen stellen zunächst noch Ersatzteile her. Wie lange im Bochumer Opel-Werk nicht produziert werden kann, hängt von der Dauer des Arbeitskampfes in Nordwürtemberg-Nordbaden ab.© Foto: dpa
Feierstunde: Nachdem der fünfmillionste Opel am 23. April 1975 im Werk vom Band gelaufen war, stiftete das Werk den 5.000.001. Opel der Aktion Sorgenkind.© Foto: dpa
Ein Arbeiter überprüft am 6.1.1998 die noch unlackierte Karosserie eines neuen Opel Astra Caravan. Seit dem 5. Januar läuft hier die neue Generation des Astra vom Band. In den ersten Schichten werden rund 200 Fahrzeuge gebaut, bis Jahresmitte wird die Tagesproduktion auf 1500 Autos gesteigert. Ein umfangreiches Kontrollprogramm soll die Qualität der Autos verbessern. Es umfasst eine Überprüfung der Zulieferteile, der Fertigungstoleranzen und besondere Messprogramme für Fahrwerk, Bremsen, Motor und andere Bauteile. © Foto: Franz-Peter Tschauner
Opel-Mitarbeiter Harry nimmt am 24.03.2014 an einer Protestkundgebung der IG Metall zur geplanten Schließung des Bochumer Opelwerkes vor dem Ruhrstadion in Bochum teil. Noch haben die Mitarbeiter Hoffnung. © Foto: Rolf Vennenbernd
Auch Rainer Einenkel, Betriebsratsvorsitzender von Opel Bochum, steht am 24.03.2014 am Rande einer Protestkundgebung der IG Metall zur geplanten Schließung des Bochumer Opelwerkes vor dem Ruhrstadion in Bochum.© Foto: Rolf Vennenbernd
Auf der Heckscheibe eines geparkten Opels vor dem Werk in Bochum steht am 10.09.2014 "Das ist mein letzter Opel - Der ist noch aus Bochum".© Foto: Roland Weihrauch
Rund 3000 Mitarbeiter stehen durch die Schließung des Opel-Werks vor einer ungewissen Zukunft.© Foto: Bernd Thissen
Rudi Schirmacher, Wirt der Bürger-Klause, zapft Bier für die Gäste. Die Kneipe war seit 1962 Anlaufstelle für viele Opelaner ob vor Schichtbeginn, nach der Schicht oder in der Mittagspause. © Foto: Roland Weihrauch
Eine Ära geht zu Ende: Am 05.12.2014 geht ein Opel-Arbeiter geht in Bochum vor dem Werk entlang. Hier lief in der Nacht zum Freitag das letzte Auto vom Band. Zum Jahresende schließt das Werk.© Foto: Oliver Berg
Am Werkstor gab es nach der eltzten Produktionsschicht auch herbe Kritik von den Beschäftigten: Opel habe das Werk "vor die Hunde gehen lassen". Das Werk sei geopfert worden. © Foto: Oliver Berg
Zum Ende des Jahres schließt das Opel-Werk. © Marius Becker (dpa)
Der Opel-Arbeiter Antonio Gonzalez verlässt am Freitag das Opel Werk. Er muss sich jetzt nach einem neuen Job umsehen. © Foto: Oliver Berg
Die Mitarbeiter von Opel kommen jetzt für maximal zwei Jahre in eine Transfergesellschaft. In dieser Zeit bekommen sie zunächst ihr volles, später ein auf 80 und dann auf 70 Prozent reduziertes Gehalt. © Foto: Oliver Berg
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Das Land Nordrhein-Westfalen will auf dem Gelände in den nächsten Jahren neue Gewerbebetriebe ansiedeln. Die Entwicklungsgesellschaft „Bochum Perspektive 2022“, an der Opel mit 49 Prozent beteiligt bleibt, rechnet dafür zunächst mit rund 50 Millionen Euro Aufwand - verteilt über acht Jahre.

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Für die Region ist der Opel-Rückzug ein schwerer Schlag. Die Entscheidung sei „sehr bitter“ für die direkt Betroffenen und die Stadt, hatte die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) in dieser Woche gesagt. Die SPD-Politikerin zeigte sich verärgert darüber, dass sie zu der Jubilarfeier im Werk - anders als in früheren Jahren - nicht eingeladen worden sei. Sie hätte den Beschäftigten dabei gern noch einmal gedankt. Rund die Hälfte der Opel-Beschäftigten wohnt in Bochum. Scholz will ihnen nun einen Brief schreiben. Bochum leidet mit aktuell 9,4 Prozent Arbeitslosenquote unter überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit. Die Stadt hatte in der Vergangenheit bereits andere schwere Schläge zu verkraften wie den Rückzug des Handyherstellers Nokia mit 2300 Beschäftigten im Jahr 2008. Das Opelwerk war einst in Vorzeigeprojekt des Strukturwandels an der Ruhr: Das Werk war auf früherem Bergbaugrund errichtet worden, als im Revier das Zechensterben begann. Ruhr-Bischof Franz-Josef Overbeck versicherte den Opel-Mitarbeitern die Solidarität der Kirche. Hier gehe es um den schmerzhaften Verlust von Existenzsicherheit und Lebensperspektiven, schrieb er in einem Brief an den Werksdirektor Manfred Gellrich und den Betriebsratsvorsitzenden Rainer Einenkel. Einenkel hatte Opel wegen der Werksschließung sogar verklagt. Er wirft dem Autobauer unzureichende Information des Aufsichtsrates zu den Schließungsplänen vor. Dazu gibt es kommenden Freitag (12.12.) einen Verkündungstermin beim Landgericht Darmstadt. Die ausscheidenden Mitarbeiter bekommen neben der Transfergesellschaft Abfindungen - nach Gewerkschaftsberechnung im Schnitt 125 000 Euro pro Person, die aber versteuert werden müssen. Insgesamt kostet die Schließung des Werkes das Unternehmen nach unterschiedlichen Rechnungen von Gewerkschaft und Betriebsrat zwischen 550 und 700 Millionen Euro. 

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