Ungewöhnliche Inszenierung in Unnas Lindenbrauerei

Theater zum Steinkohle-Aus

Das Aus des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet sehen viele Menschen auch mit Wehmut. Ein hochklassiges Theaterstück im Kühlschiff der Lindenbrauerei Unna setzte den Fokus anders. Im Mittelpunkt: Kolumbien

Unna

, 05.08.2018, 17:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ungewöhnliche Inszenierung in Unnas Lindenbrauerei

Sabine Köhler und Heiki Ikkola brachten „Carbon“ nach Unna. In dieser Szene zeigen sie den Schweinehirten Jörgen. © Marcel Drawe

Der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet – er hatte keine Zukunft mehr. Una das, obwohl er so viele Krisen und auch die beiden Weltkriege überlebt hatte. Er war sogar Symbol der Hoffnung für den Wiederaufbau. In diesem Jahr nun wird die letzte Zeche in NRW geschlossen. Das Theater „Cie. Freaks und Fremde“ gastierte aus diesem Anlass mit dem Stück „Carbon“ im Kühlschiff der Lindenbrauerei.

So groß das Kühlschiff ist, so klein war das schwarze Zelt, in dem Sabine Köhler und Heiki Ikkola Theater spielten. Was als Figurentheater angekündigt war, war vielmehr: Mit jeder Menge Technik, der eigenen Schauspielkunst, Videos und Scherenschnitten faszinierte die Theatergruppe das Publikum. Das war klein, da, das Zelt nur weinige Sitzplätze bietet. Wer einen der Plätze ergattert hatte, erlebte eine „Weltreise der Kohle“.

Größter Steinkohle-Tagebau der Welt

Das mag überraschen, liegt Deutschland doch aktuell so sehr im Fokus, wenn es um die Kohle geht. Das Theater nutzte die Geschichte der Kohle in Deutschland aber vor allem, um auf ein gravierendes Problem am anderen Ende der Welt hinzuweisen, in Kolumbien. Dort wird die indigene Bevölkerung vom Boom der Kohle, vor der immer größeren Ausweitung der Zechen, bedroht. „Cerrejón“ heißt der größte Steinkohle-Tagebau der Welt, viele kolumbianische Dörfer wurden dafür bereits dem Erdboden gleich gemacht. Was vielen Kolumbianern Hoffnung auf ein besseres Leben machte, ist zur Gefahr geworden. Das Absurde: Die Kohle wird vor allem für Kraftwerke in Deutschland gebraucht, wo der Kohleabbau endet.

Industrielles Zentrum Europas

Bevor die Reise der Kohle die Theaterbesucher nach Kolumbien führte, brachte „Carbon“ ihnen aber die Geschichte der Kohle näher. Wie sie entstand, indem Naturlandschaften entstanden und wieder vernichtet wurde, wie die Zeit aus den Rückständen der Lebewesen von einst feste Strukturen machte. Diese Kohle entdeckte in „Carbon“ der Wittener Schweinhirt Jörgen, der ein Feuer machte und am nächsten Morgen immer noch glühende Steine vorfand. Er zeigte die „Wundersteine“. Kohle wurde begehrt.

1850 gab es im Ruhrgebiet bereits 300 Zechen. Im Theaterstück zeigt eine schnelle Folge von immer wiederkehrenden Videosequenzen, in monotonen Bergbaugeräuschen wie lauten Schlägen und Klingeln. Erst an der Ruhr, später auch an der Emscher und dann an der Lippe wurde gefördert. Kohle, das war Hoffnung. Und die Kohle machte das Ruhrgebiet zum industriellen Zentrum Europas.

Scheinbar jede Krise schien die Kohle zu überstehen, sogar die beiden Weltkriege. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Boom, Gastarbeiter wurden gebraucht. Doch die Kohlekrise 1959 läutete das Ende des Kohlebergbaus ein. Steinkohle gab es günstiger – etwa aus den USA. An der Ruhr, aber auch an der Saar, in Lothringen und Großbritannien machten Zechen dicht. In Deutschland folgte 2006 das Aus der Steinkohle-Subvention – und nun schließt also die letzte Zeche in NRW.

Dass Deutschland aber weiter auf Kohle setzt – wenn auch in hochmodernen Kraftwerken, ist die Kritik, die das Theater üben will. Die Botschaft. Der Dreck entsteht nicht mehr vor der eigenen Haustür, sondern am anderen Ende der Welt – zum Beispiel in Kolumbien. Dort werden Menschen ausgebeutet. Doch darüber spricht in Deutschland niemand.