Verführung im Liebesbaum

Theater Dortmund

Die Oper "Faust" von Charles Gounod ist in diesem Jahr die Lieblingsoper der Theater - und das ganz ohne Jahrestag. Die Oper Dortmund hat dieser Renaissance mit der Premiere am Samstag eine Fassung hinzugefügt, die musikalisch selbst die Salzburger Neuinszenierung zum Teil in den Schatten stellt, die das Auge aber nicht verwöhnt.

DORTMUND

, 18.09.2016 / Lesedauer: 3 min
Verführung im Liebesbaum

Ein Traumpaar – auch in der Oper von Gounod: Faust (Lucian Krasznec) und Margarethe (Eleonore Marguerre)

Man schaut im Dortmunder Opernhaus drei Stunden in einen tristen Keller-Bunker mit großen, runden Löchern. Ein Baum, der verkehrt herum vom Bühnenhimmel schwebt, ist ein Zeichen für das blühende Leben.

Der Teufel bittet auch in John Fulljames' Inszenierung zum Tanz und zieht die Fäden, aber eigentlich erzählt der Co-Direktor von Covent Garden London die Geschichte konsequent aus Sicht des alten Faust. Der agiert die ganze Zeit mit, darf auch vier Sätze sprechen.

Verblüffend ist die Wandlung vom Sänger (Tenor Lucian Krasznec) in den Schauspieler (starke Leistung in der fast stummen Rolle: David N. Koch), aber in vielen Szenen stört der alte Faust: Wenn er sich mit Gesten einmischt, weil er seine Jugendsünde bereut, angesungen und einbezogen wird.

Die Gretchenfrage

Warum Kostümbildnerin Julia Kornacka den Opernchor als Party-Gesellschaft so schäbig anzieht - auch wenn die Menschen in Margarethes Dorf aus ärmlichen Verhältnissen stammen - ist wohl eine Gretchenfrage.

Raum für schöne Effekte bietet das Bühnenbild von Magdalena Gut: Wenn der Baum mit Margarethe und Faust abhebt und zum fliegenden Baum wird. Oder wenn Margarethe am Schluss statt auf dem Schafott zu stehen wie eine Fliege an der Wand klebt. Der Kindsmord bleibt in der Inszenierung im Verborgenen, obwohl Margarethe zuvor auf der Bühne fast eine Sturzgeburt erlebt.

Wegen seiner Luxus-Sängerbesetzung lohnt sich der Dortmunder "Faust" unbedingt. Karl-Heinz Lehner ist ein Traum-Mephisto mit starkem, hochpräsentem Bass, aus dem das Teuflische blitzt. So elegant das Böse zu verkörpern, ist wahnsinnig gut. Und von der Regie ein netter Einfall, ihn als Krankenschwester in die Geschichte einzuführen.

Juwelenarie

Eleonore Marguerre knüpft als Margarethe an den großen Erfolg ihrer Traviata an, singt lupenrein die Juwelenarie, zeigt sehr schön das Mädchenhafte des blonden Gretchens und später die Verzweiflung der von der Gesellschaft in den Wahnsinn getriebenen Frau.

Faust ist die Dortmunder Abschiedsrolle von Lucian Krasznec, der auch im französischen Fach mit biegsamem, lyrischem und in der Höhe souverän sicherem Tenor glänzt. Auch Valentin (Gerardo Garciacano) und Siebel (Ileana Mateescu) sind erstklassig besetzt.

Morbider Walzer

Motonori Kobayashi führt die Dortmunder Philharmoniker differenziert durch die Partitur, grenzt Mephistos Klangwelt sehr scharf gegen die von Margarethe und Faust ab und lässt in den Walzerszenen das Morbide durchschimmern. Hörenswert.

Termine: 21./30.9., 2./9./15.10., 3./11.11.; Karten: Tel. (0231) 5027222.