Verführung pur

Schauspielhaus Bochum

Schein und Sein - wie wunderbar Theater mit der Vorstellungskraft des Menschen spielen kann, demonstriert Jan Neumann in seiner so intelligenten wie unterhaltsamen Inszenierung von "Gefährliche Liebschaften". Hier sind nicht nur die Figuren, sondern auch die Zuschauer Verführte, Manipulierte, Komplizen.

BOCHUM

, 23.04.2017, 14:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
Daniel Stock als Vicomte de Valmont und Therese Dörr als Marquise de Merteuil sind großartige Verführer und Intriganten, am Ende aber werden sie von der Liebe besiegt.

Daniel Stock als Vicomte de Valmont und Therese Dörr als Marquise de Merteuil sind großartige Verführer und Intriganten, am Ende aber werden sie von der Liebe besiegt.

Wer denkt nicht gleich bei dem Stück, das auf dem Briefroman von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782 beruht, an den Film mit Glenn Close und John Malkovitch. Am Schauspielhaus Bochum ist der Film schnell vergessen.

Neumann hat keinen Respekt vor dem Vorbild. Er nimmt nichts und alles ernst und geht verschwenderisch mit den Möglichkeiten des Theaters um.

Dreistündiger Theaterabend

Wo anfangen, wo enden bei der Beschreibung des dreistündigen Theaterabends, der schon im Foyer mit einer bewusst schauerlichen Karaokevorstellung des jungen Liebespaars beginnt. Bei den opulenten Kostümen von Nini von Selzam, die ans Rokoko anknüpft und sogar einen Vogelkäfig in eine gepuderte Perücke integriert?

Bei der Wassermelone, die in den Armen der naiven Cecile ein Sinnbild der Jungfräulichkeit ist und die natürlich zerplatzen wird? Oder bei der großen Irritation, mit der Neumann die Zuschauer zu Beginn aus ihrem Komfortstuhl holt?

Werbung für Organspende

Warum in aller Welt spricht Daniel Stock, der doch eigentlich den verführerischen Vicomte de Valmont spielen soll, plötzlich über die Bedeutung von Organspenden? Und kann es sein, dass die Frau, die er da aus der dritten Reihe holt, wirklich nur eine Zuschauerin ist - oder doch die tugendhafte Madame de Tourvel?

Ab diesem Punkt sind die Zuschauer bereit, sich verführen zu lassen. In einem Moment glauben sie den Menschen da auf der Bühne die echten, wahren Gefühle, lassen sich hinreißen von dem gefährlichen Spiel mit der Liebe. Und im nächsten Moment akzeptieren sie mit Gelächter, dass da plötzlich wieder nur Schauspieler sind, die sich zur Pause in der Kantine verabreden.

Gleich acht gute Schauspieler

Das alles kann nur mit guten Schauspielern gelingen. Davon hat Neumann gleich acht, die alle ihren großen Auftritt haben bis hin zu Roland Riebeling, der als beredter Diener diesmal kein einziges Wort sagt.

Allen voran begeistern Therese Dörr und Daniel Stock, die immer wieder vor dem roten Bühnenvorhang ihre Pläne schmieden. Sie ist die Marquise de Merteuil, die mit einem unverschämt breiten Lächeln ihr Intrigenspiel vorantreibt, die sich frei fühlt von allen Zwängen und aus purer Lust Menschen ins Verderben schickt. Stock als Vicomte de Valmont steht ihr als kongenialer Verbündeter in nichts nach.

Opfer der Liebe

Es ist ein großes Vergnügen den beiden zuzusehen. Am Ende wird ausgerechnet die Liebe ihnen zum Verhängnis. Aber macht nichts: Ist ja alles nur ein Spiel. Aber was für eins. Wer wissen will, was Theater vermag, der sollte sich von "Gefährlichen Liebschaften" verführen lassen.

Termine: 28.4., 5./25./ 30.5.; Karten: Tel. (0234) 33335555.

Lesen Sie jetzt