Verlorener Sohn kehrt nach 25 Jahren zurück

Im Kino: "Lion"

Ein Fünfjähriger verirrt sich in einen Zug nach Nirgendwo und fährt 1600 Kilometer bis nach Kalkutta. Mutterseelenallein irrt er durch die Fremde, kann sein Dorf nicht benennen und wird adoptiert. Saroo wächst in Australien auf, als Wohlstandskind des Westens. 25 Jahre später findet er auf Google Earth einen Bahnhof, der ihm bekannt vorkommt. Er fliegt nach Indien und trifft seine Mutter. Keine Romanschnulze, sondern eine wahre Geschichte, die der Film "Lion" erzählt.

28.02.2017 / Lesedauer: 2 min
Verlorener Sohn kehrt nach 25 Jahren zurück

Tasmaniens Strand mag schön sein, doch Saroo (Dev Patel) muss immerzu an Indien denken.

Gefühlskino der besonderen Sorte. Unsentimental in der Machart, und doch herzzerreißend. Als Saroo auf der staubigen Straße seiner Kindheit auf eine Gruppe Frauen zugeht, bekommt man feuchte Augen. In diesem Moment glauben wir wirklich an das Gute und Schöne, an den lieben Gott und seine Wunder.

Würde "Mother and Child Reunion" von Boney M. aus den Boxen schmalzen, man hätte nichts dagegen. Tut es aber nicht. Regisseur Garth Davis und Drehbuchautor Luke Davies beweisen, dass der Weg zum Herz des Zuschauers nicht über Pathos und Gefühlsdusel führen muss.

Ein goldiger Junge

Harscher Realismus hilft auch. Durch diese Brille sehen wir das ländliche Indien. Saroos Familie ist arm, die Mutter schuftet im Steinbruch. Saroo und sein Bruder klauen Kohle von Zügen, tauschen sie gegen Milch und tragen die stolz nach Hause. Sunny Pawar als Saroo ist eine Entdeckung, ein goldiger Junge, der unsagbar traurig gucken kann, aber tapfer seinen Weg geht. Im Gewusel von Kalkutta schläft er bei Straßenkindern, entkommt Kinderschändern, landet im Waisenhaus. Diese Episoden sind superb inszeniert und gefilmt, Blicke sagen mehr als Worte.

Träume von Indien

Ein Ehepaar (Nicole Kidman, David Wenham) holt den Jungen nach Tasmanien. Auch als komplexes Familienporträt besticht der Film. Dev Patel ("Slumdog Millionaire") spielt den erwachsenen Saroo, der trotz aller Liebe von "Mom und Dad" in seinem Leben fremdelt und von Indien und seiner Mutter träumt.

Ein großartiger Film, toll gespielt, mit einer Musik (Volker Bertelmann, Dustin O’Halloran), die Sehnsucht und Heimweh atmosphärisch zart zum Klingen bringt.