Vermes´ Mediensatire: Ich bin das Volk!

Westfälisches Landestheater

"Er ist wieder da": Hitler auf der Bühne des Westfälischen Landestheaters. Guido Thurk spielt ihn mit Bravour. Wer möchte, sieht bloß den Nazi-Hampelmann, der komödiantisches Gemeingut ist. Diese Inszenierung geht allerdings tiefer.

CASTROP-RAUXEL

, 01.02.2015 / Lesedauer: 2 min
Vermes´ Mediensatire: Ich bin das Volk!

Sensenbrink von der TV-Produktion (Thomas Zimmer, l.) amüsiert sich über den Comidian Hitler (Guido Thurk).

Im Nachhinein will man Timur Vermes' Buch in Schutz nehmen gegen die Kritik, es erschöpfe sich in Kalauern und Verniedlichung. Hallo - wir sprechen von Roman-Lektüre, nicht von einem Traktat akademischer Faschismus-Analyse!

Dabei steckt auch in der unmerklich gekürzten Bühnenfassung von Regisseur Gert Becker eine ausgewachsene Medien- und Gesellschaftssatire, reitet auf der Posse die ein oder andere unbequeme Wahrheit mit. Ist unsere Medienlandschaft etwa nicht von der "Hitleritis" infiziert? Adolf Superstar auf allen Kanälen?

Braunes Faszinosum

Das braune Faszinosum als Quotenhit. Hier setzen Buch und Uraufführung an. In vollem "Wichs" erwacht der Führer im Berlin von heute. Zur Machtergreifung braucht er ein Podium. Fernsehfritzen, die ihn für einen Comedian halten, verschaffen es ihm. Hitler macht Furore, räumt auf YouTube die Klicks ab. Die alten Muster verfangen noch. Ich bin das Volk!

Guido Thurk spielt köstlich

In schnarrenden Tiraden läuft Guido Thurk zu großer Form auf. Köstlich, wie er die Pfeifen von der NPD abkanzelt, einer Reporterin Paroli bietet, seine Führerfaust auf und ab saust.

Burghard Braun (gut) gibt den Ich-Erzähler Hitler, kommentiert, reflektiert. In Elke Königs bunkergrauem Bühnenbild entrollen sich Sitcom-artige Szenen, voll mit den böse funkelnden Dialogen des Buches. Volk- und Rasse-Pathos im Jargon von "Mein Kampf", von der Entourage des "TV-Hitlers" als Ironie verstanden.

Das hat Biss, die Pointen sitzen, das Timing stimmt. Manchmal entwickelt das Stück mehr Schärfe als das Buch: Der türkische Witzbold ist unverkennbar Bülent Ceylan.

Wenn dann Vermes' Hitler kaum verklausuliert von deutscher Kollektivschuld spricht, bleibt einem wirklich das Lachen im Halse stecken. Deutscher Traum und deutsches Trauma im Spiegel einer brillanten Groteske.

Termine: 13.2. Hamm, Kurhaus, 14.2. Witten Saalbau, 18.2. Lünen, Heinz-Hilpert-Theater