Verschwörungserzählungen: Der Kitt der Corona-Demos

Coronavirus

Zehntausende, die auf den ersten Blick nicht viel gemein haben, demonstrieren in Berlin. Was sie eint, ist der Glaube an düstere Verschwörungen. Diese Mentalität macht die Corona-Proteste gefährlich.

Berlin

02.09.2020, 06:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
Eine Regenbogenfahne weht auf der Berliner Corona-Demo neben einem Schild, auf dem zum Sturz der Regierung aufgerufen wird. Was vereint diese Menschen?

Eine Regenbogenfahne weht auf der Berliner Corona-Demo neben einem Schild, auf dem zum Sturz der Regierung aufgerufen wird. Was vereint diese Menschen? © picture alliance/dpa

Dicht gedrängt stehen sie vor dem Brandenburger Tor. Auf einer kleinen Bühne behauptet ein Redner, in Deutschland herrsche eine „Meinungsdiktatur“, die dem Dritten Reich sehr nahekomme. „Die Politik ist nichts weiter als die Unterhaltungsabteilung der Hochfinanz und der Pharmaindustrie“, ruft er und das Publikum jubelt.

Das Publikum: Männer und Frauen, die zum Protest aus ganz Deutschland nach Berlin gereist sind. Manche wirken bürgerlich, andere wie Hippies. Viele haben Kinder dabei. Rechtsextreme und „Reichsbürger“ sind unter ihnen, ein bekannter Holocaustleugner interviewt am Rand Demonstrationsteilnehmer für seinen Youtube-Kanal.

Es geht dabei gar nicht mehr um links oder rechts. Es geht nur noch um „wir“ gegen „die da oben“. Und um die Überzeugung, dass dunkle Mächte dieses Land und seine Menschen fest im Griff haben. Sie selbst aber, die Querdenker, sind diejenigen, die alles verstanden haben. Nicht erst seit Corona. Die eingangs beschriebene Szene ist nicht vom vergangenen Wochenende – sie spielte sich bereits vor einem Jahr in der Hauptstadt ab.

Am Anfang war der Impfprotest

Rund 2000 Menschen protestierten am 14. September 2019 bei strahlendem Sonnenschein in Berlin gegen die geplante Masernimpfpflicht für Kita- und Schulkinder. Doch die Bilder der bunt gemischten, relativ kleinen Menge aus dem vergangenen Jahr helfen, zu verstehen, wie sich die weitaus größeren Proteste gegen die Corona-Maßnahmen und die Bundesregierung zusammengebraut haben, an denen sich allein am vergangenen Samstag laut Polizeiangaben rund 38.000 Menschen in Berlin beteiligt haben.

Auch hier bot sich ein für viele überraschend buntes Bild. Friedensfahnen und Räucherstäbchen neben Reichsfahnen und aggressivem Gebaren. So viel ist klar: Längst nicht alle Demonstranten waren Rechtsextreme, auch wenn Gewalttäter vom rechten Rand das öffentliche Bild dominierten. Doch was eint diese Menschen, die so unterschiedlich wirken? Ist es bloß die legitime Kritik an den weitreichenden Maßnahmen, mit denen Bund und Länder seit Monaten versuchen, der Pandemie Herr zu werden?

Nein, da ist noch mehr. Es ist der Glaube an Verschwörungserzählungen, der immer mehr Menschen auf die Straße bringt.

Dass das Coronavirus Sars-Cov2 harmlos und die Pandemie bloß erfunden sei, ist eine dieser Erzählungen. Dass die Regierenden das Virus gezielt nutzten, um die Bevölkerung zu unterdrücken und die Demokratie abzuschaffen, gehört ebenfalls dazu. Die Psychologin Pia Lamberty sieht solche Verschwörungserzählungen gar als den Kitt der Corona-Demos, der die verschiedensten Gruppen zusammenhält.

Für die Verschwörungsideologen stecken Politiker, Journalisten und Wissenschaftler alle unter einer Decke – und gehören alle eingesperrt.

Für die Verschwörungsideologen stecken Politiker, Journalisten und Wissenschaftler alle unter einer Decke – und gehören alle eingesperrt. © picture alliance/dpa

Dieses Phänomen ist nicht neu. Bei den Impfprotesten kamen ebenfalls Menschen zusammen, die glauben, dass eine unheilvolle Allianz aus Politik und Pharmakonzernen sie mit „Zwangsimpfungen“ vergiften will. Und auch bei den sogenannten Friedensmahnwachen, die sich im Jahr 2014 vielerorts als Reaktion auf den Konflikt in der Ukraine bildeten, demonstrierten Menschen unterschiedlichster politischer Strömungen, deren gemeinsamer Nenner der Glaube an Verschwörungen in der Weltpolitik war. Viele, die sich an diesen Protesten beteiligten, sind auch bei den Corona-Protesten an vorderster Front mit dabei. „Wir“ gegen „die da oben“.

Wie sehr das Verschwörungsweltbild die Proteste prägt, war am vergangenen Samstag weithin sichtbar. Auf dem Transparent zweier Demonstranten stand in groß aufgesprühten Buchstaben „Fake Virus“. „Stoppt den Putsch des Merkel-Regimes gegen unser Grundgesetz“, hatte jemand anderes auf sein Plakat geschrieben.

Eine Gruppe von Demonstranten trug Schilder mit sich, auf denen nicht nur Politiker wie Jens Spahn und Angela Merkel, sondern auch der Microsoft-Gründer und Philanthrop Bill Gates und die ZDF-Journalistin Dunja Hayali in Häftlingskleidung abgebildet waren. Auf jedem der Schilder prangte der Schriftzug: „Schuldig“. Politiker, Medien und mächtige Eliten vereint gegen das Volk – diese Vorstellung ist nicht nur unter den Corona-Demonstranten weit verbreitet.

Politiker als Marionetten

„38 Prozent der Deutschen haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Verschwörungsmentalität“, sagt Pia Lamberty, die seit Jahren die Anziehungskraft von Verschwörungserzählungen erforscht. Diese Mentalität beinhalte mehr als nur den Glauben an einen bestimmten Mythos. Lamberty beschreibt sie als „ideologische Perspektive auf die Welt“, als „generalisiertes Vorurteil gegenüber ‚denen da oben‘“. Die 38 Prozent hat übrigens die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Studie ermittelt – im vergangenen Jahr, noch vor der Corona-Pandemie.

Weitere Erkenntnisse dieser Studie: Ein Drittel der Deutschen glaubt, dass Politiker nur Marionetten dahinterstehender Mächte sind, jeder Vierte geht davon aus, dass Politiker und Medien unter einer Decke stecken. 18 Prozent der Deutschen, erklärt Lamberty, glaubten außerdem an Verschwörungserzählungen über Impfungen.

Auch während der Corona-Pandemie hätten bereits Studien den Verschwörungsglauben in Deutschland abgefragt, ergänzt sie: „In der Gesamtschau dieser Studien würde ich sagen, dass ungefähr ein Viertel der Bevölkerung an Verschwörungserzählungen über Corona glaubt.“ Da wirkt die Zahl von rund 38. 000 Demonstranten geradezu überschaubar.

„Potenzial von relativ vielen Menschen, die dazu bereit sind, Gewalt zu nutzen“

Und doch gibt alles zusammen Anlass zur Sorge: Der Glaube an Verschwörungen gehe mit einem Rückzug aus der Demokratie einher, erklärt die Psychologin, „mit einem stärkeren politischen Zynismus und auch mit einer stärkeren Gewaltbereitschaft“. Ein Viertel derer, die eine stärkere Verschwörungsmentalität haben, sei tendenziell gewaltbereit – auch das ist eine Erkenntnis der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Nicht jeder, der an Verschwörungen glaubt, greife zur Waffe, „aber wir haben ein Potenzial von relativ vielen Menschen, die in letzter Konsequenz dazu bereit sind, Gewalt zu nutzen, um ihre politischen Ziele durchzusetzen“.

Auch bei den Demonstrationen am Samstag kam es mehrfach zu Gewalt: Vor der russischen Botschaft griffen Hunderte Demonstranten Polizisten an, widersetzten sich ihrer Festnahme, manche warfen mit Glasflaschen. Später am Tag stürmten Hunderte über Absperrungen vor dem Reichstagsgebäude und postierten sich Flaggen schwenkend und Parolen skandierend auf den Treppen des Parlamentsgebäudes. Auch dort wurden Polizisten angegriffen.

In beiden Fällen waren es vor allem Neonazis und „Reichsbürger“, die sich versammelt und die Eskalation gesucht haben. Auch ihr Weltbild ist geprägt von wilden Verschwörungserzählungen: Deutschland sei kein souveräner Staat und noch immer von den Alliierten besetzt, die Bundesrepublik sei bloß eine Firma. Lange wurden „Reichsbürger“ belächelt und als skurrile Spinner abgetan – bis eine Reihe von Gewalttaten für eine veränderte Wahrnehmung sorgte.

Bei den Berliner Corona-Protesten konnten die „Reichsbürger“ trotzdem mitlaufen, ohne dass sich Veranstalter oder Mitdemonstranten wahrnehmbar an ihnen und ihren schwarz-weiß-roten Flaggen gestört hätten. Vielmehr noch: Selbst die Veranstalter sprachen in „Reichsbürgermanier“ davon, eine „Verfassunggebende Versammlung“ ausrufen und das Grundgesetz neu schreiben zu wollen.

Die Mär vom „absolut Bösen“

Vom Verschwörungsglauben gehe nicht nur die unmittelbare Gefahr gewalttätiger Attacken aus, erklärt Pia Lamberty, vielmehr könnten „Verschwörungserzählungen ein Radikalisierungsbeschleuniger sein. Sie kreieren das ‚absolut Böse‘ und lassen einen selbst als Widerstandskämpfer erscheinen. Außerdem immunisieren Verschwörungsmythen gegen Kritik und machen eine kritische Auseinandersetzung unmöglich.“

Eine inhaltliche Debatte darüber, ob Deutschland wirklich besetzt ist, ob Bill Gates alle mit Impfungen vergiften will oder die Bundesregierung heimlich eine Diktatur eingeführt hat? Kaum möglich. „Jeder, der die Verschwörungserzählung kritisiert, wird entweder als naives Schlafschaf abgestempelt oder zum Teil der Verschwörung erklärt“, so Lamberty.

Was es heißt, zum Mitverschwörer erklärt zu werden, das erleben etwa Wissenschaftlerinnen wie sie, die aufgrund ihrer Arbeit immer wieder Drohungen erhalten. Und das erleben auch Politiker wie Jens Spahn. Der Bundesgesundheitsminister suchte nach einer Wahlkampfveranstaltung in Bergisch Gladbach am Samstag den Dialog mit aufgebrachten Demonstranten. Statt sich auf ein Gespräch einzulassen, brüllten sie ihn jedoch so lange unflätig und beleidigend an, bis er sich umdrehte und zum Auto ging. Versuch gescheitert.

Die Vorstellung, man müsse einfach nur mit den Menschen reden und sie „abholen“, hält Pia Lamberty deshalb für falsch. „Das hat bei Pegida nicht funktioniert, und das wird jetzt auch nicht funktionieren“, sagt sie. „Ich würde mir wünschen, dass da ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. Es sollten klare rote Linien gezogen werden, wenn Werte und Normen unserer Gesellschaft angegriffen werden.“

RND

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