Vier außergewöhnliche Heiligabend-Geschichten

Die Geschichte des 24.12.

Was geschah am 24. Dezember? Was den Tag so besonders macht, ist freilich die Geburt Jesu Christi vor 2013 Jahren. Doch an Heiligabend geschahen auch andere bewegte Dinge: Legendäre Lieder wurden komponiert, Soldaten legten ihre Waffen nieder und drei Männer feierten Weihnachten so fern der Heimat, wie nie jemand zuvor.

DORTMUND

, 23.12.2013, 17:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Reginald Aubrey Fessenden ist Erfinder, und zwar mit Herzblut. Rund 500 Patente hat er sich im Laufe seines Lebens ausstellen lassen – nur wenige Menschen haben noch mehr. Und ähnlich wie viele andere Wissenschaftler zu der Zeit, wir befinden uns an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, ist er fasziniert von der drahtlosen Übertragung von Signalen – Radiowellen. 1902 fasst der damals 36-Jährige den Entschluss, eine Firma zu gründen, um von seiner Funkstation in Brant Rock in Massachusetts in den USA Signale in das ganze Land zu schicken. Am 24. Dezember 1906 wagt er zu Weihnachten ein Experiment mit seiner Apparatur: Er sendet ein kleines Radioprogramm in die Welt. Zunächst spielt er eine Schallplatte, Ombra mai fu von Händel, zum Abschluss liest er aus der Bibel. Dazwischen spielt der Radio-Pionier „Stille Nacht, heilige Nacht“ auf der Violine, das 88 Jahre zuvor von einem gewissen Joseph Mohr in Österreich geschrieben wurde. Es war die erste Ausstrahlung einer gemischten Radiosendung in der Geschichte an ein größeres Publikum. Und das Publikum war viel größer als Fessenden geglaubt hatte. Sein Sender schickte das Signal viel weiter als er berechnet hatte. Die Sendung wurde noch auf Schiffen in der Karibik, tausende Kilometer entfernt, empfangen.

Mythen und Sagen ranken sich um den 24. Dezember im Kriegsjahr 1914 und die Weihnachtsfeiern an der Westfront. Fest steht: Viele Ereignisse lassen sich nicht mehr rekonstruieren und Quellen widersprechen sich. Dennoch spiegelt das, was in der kollektiven Erinnerung geblieben ist, den zutiefst menschlichen Wunsch nach Gesellschaft, Friede und Geborgenheit am Weihnachtsfest wider. „Bis Weihnachten sind alle wieder daheim“. In diesem Glauben waren die Soldaten im Sommer in den Krieg gezogen. Die Realität war eine andere. Die Schlachten eines halben Jahres machten aus Enthusiasmus Ernüchterung. Der Morgen des 24. Dezember ist klar, der Regen der vergangenen Tage hat aufgehört. Nur vereinzelt sind an der Front noch Schüsse zu hören. Englische und deutsche Soldaten rufen sich über die Front hinweg zu, dass sie jeweils ihre Gefallenen bergen wollen. Kurz darauf gehen sie in das Niemandsland zwischen den Gräben, um ihre toten Kameraden zu holen. Es wird nicht geschossen und es geschieht etwas erstaunliches: Die Soldaten beider Kriegsparteien kommen ins Gespräch, verhandeln und einigen sich schließlich, für einige Tage die Waffen ruhen zu lassen. Aus Kriegern werden plötzlich Menschen, es wird Tabak getauscht, gesprochen, ein deutscher Leutnant berichtet später, es habe sogar ein Fußballspiel gegeben (3:2 für Deutschland). Angeblich schenken deutsche Soldaten ihren britischen Kontrahenten zwei Fässer Bier, die britischen Soldaten sollen sich mit Pudding revanchiert haben. Und ein deutscher und ein französischer Soldat sollen sich gemeinsam betrunken haben und der Deutsche brachte seinen Kumpan, der etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, anschließend wieder zurück zu seiner Stellung. Wie gesagt, es ist heute schwer nachzuprüfen, was echt und was Mythos ist. Doch zwei Dinge sind belegt: Erstens, dass spätestens im Januar die Kämpfe wieder begannen, in deren weiterem Verlauf Millionen ihr Leben ließen. Zweitens, dass Überlebende des „Weihnachtsfriedens“ alle zu dem gleichen Urteil kommen. So, wie es auch der Veteran Murdoch Wood 1930 vor dem britischen Parlament sagte: „Wenn wir uns selbst überlassen worden wären, es wäre nie ein weiterer Schuss abgefeuert worden.“

So weit von ihren Lieben entfernt wie die Besatzung der Apollo 8, musste noch kein Mensch Weihnachten feiern. William Anders, James Lovell und Frank Borman waren am 21. Dezember 1968 mit einer Saturn-V-Rakete gestartet und hatten ihr Raumschiff nach zwei Erdumkreisungen in Richtung Mond gelenkt, den Apollo 8 insgesamt zehnmal umkreisen sollte. Am Morgen des 24. Dezembers taucht das Raumschiff aus dem Schatten des Mondes wieder auf und die drei Astronauten sehen etwas Einzigartiges: die am Horizont des Mondes aufgehende Erde – „Earthrise“. „Von hier aus gesehen ist die Erde eine grandiose Oase in der weiten Wüste des Weltalls“, sagt Jim Lovell. Während des Rückflugs zur Erde, die sie am 27. Dezember wohlbehalten erreichen, senden die drei eine Weihnachtsbotschaft, die mit den Worten endet: „Und von der Besatzung der Apollo 8: Wir schließen mit einem gute Nacht, viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.“