Virtuoses Live-Kino nach Houellebecq-Roman

Theater Dortmund

Sehen, wie es gemacht wird. Vor unseren Augen entsteht eine Trickfilm-Collage. Kameras fahren Pappkulissen ab. Vier Sprecher bewegen Scherenschnitte. Und wir sitzen davor und staunen, weil das Ergebnis einfach zauberhaft ist.

DORTMUND

, 29.03.2015, 14:48 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Schauspieler Bettina Lieder und Andreas Beck bewegen Scherenschnitte und sorgen so für animierte Bilder.

Die Schauspieler Bettina Lieder und Andreas Beck bewegen Scherenschnitte und sorgen so für animierte Bilder.

Großes Live-Kino am Samstag im Schauspielhaus Dortmund. Nils Voges (Konzept, Buch, Regie) von der Künstlergruppe Sputnic brachte "Die Möglichkeit einer Insel" von Michel Houellebecq auf Bühne und Leinwand. Die Methoden einer Lotte Reiniger paaren sich mit Comic, Video, Modellbau.

Viele Rädchen greifen ineinander. Das Stück ist ein technisch-logistischer Kraftakt, präzises Timing bei Bildgestaltung, Ton und Text wird verlangt. Trotzdem wirkt alles verblüffend leicht und spielerisch. Kompliment an Bastler, Zeichner, Sound-Gestalter und Operateure.

Illusionsmaschine

Hut ab vor den hochkonzentrierten Akteuren auf der Bühne. Andreas Beck, Bettina Lieder, Frank Genser und Merle Wasmuth sprechen diverse Rollen, hauchen Charakteren Leben ein. Gleichzeitig legen sie Folien auf Tricktische, bringen Münder manuell in Bewegung, lassen den Hund mit dem Schwanz wedeln.

Die Vier sind Motor, Stimme, Hand und Hirn einer Illusionsmaschine, die uns in ein Science-Fiction-Szenario entführt. Auf der verwüsteten Erde streunen verwilderte Horden durch die Trümmer der Zivilisation.

Kulturträger sind die Neo-Menschen, die nach genetischer Optimierung Fotosynthese betreiben und jeder für sich in abgeschotteten Arealen leben. Wer stirbt, wird durch ein Duplikat ersetzt. Die "Ahnenreihe" führt von Daniel 1 zu Daniel 25.

Vom Absterben der Menschlichkeit

Der Pessimist Houellebecq erzählt vom Absterben der Menschlichkeit. Liebe, Leid, Gefühle sind ausgemerzt. Eine Sekte, die Weltreligion wurde, propagiert die Freiheit in Gleichgültigkeit. Daniel 25 studiert das Leben des Ur-Daniels, der das Glück noch im Arm einer Frau suchte. Daniel 25 weiß nichts vom Glück, kennt nur Dopamin und Körperchemie.

Ästhetisch ein Genuss, was das Quartett im Priester-Ornat an Bildern produziert. Humor blitzt auf: Szenen vom Kongress der Auserwählten haben satirischen Biss, gleiches gilt für den Pharma-Werbespot. Intelligent und virtuos die Handhabung der Technik, stark die Sprechleistung. Unbedingt sehenswert, bravo!

 

Termine: 4./16.4., 10./ 20./30.5., 5./19.6.; Karten: Tel. (0231)5027222.

 

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