Vollbärtige Cecilia Bartoli bei Salzburger Pfingstfestspielen

Starsopranistin Cecilia Bartoli debütiert bei den Salzburger Pfingstfestspielen in der Hosenrolle des Ritters Ariodante und begeistert das Publikum wieder einmal mit ihrer Wandlungsfähigkeit. Erinnerungen an den ESC kommen auf.

Salzburg (dpa)

von Von Georg Etscheit, dpa

, 03.06.2017, 14:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Cecilia Bartoli debütierte bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Foto: Monika Rittershaus/SALZBURGER FESTSPIELE/dpa

Cecilia Bartoli debütierte bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Foto: Monika Rittershaus/SALZBURGER FESTSPIELE/dpa

Als die ersten Probenfotos von der Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels Oper "Ariodante" bei den diesjährigen Salzburger Pfingstfestspielen veröffentlicht wurden, wollte man seinen Augen nicht trauen.

Ist er/sie es oder ist er/sie es nicht? Sind die Pfingstfestspiele, ein Ableger des weltberühmten Sommerfestivals, jetzt in der Sphäre des Eurovision Song Contest angekommen? Was nach dem letztjährigen Ausflug ins Musical mit Festspielintendantin Cecilia Bartoli als nicht völlig überzeugender Maria in Leonard Bernsteins "West Side Story" nur folgerichtig gewesen wäre.

Doch nein, es war nicht der österreichische Sänger und Travestiekünstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, der einem als vollbärtiger Ritter Ariodante im tief dekolletierten Kleid gegenübertrat, sondern wieder einmal die enorm wandlungsfähige Cecilia Bartoli, die unter den Fittichen von Regisseur Christof Loy aus Händels Hosenrolle eine kurzweilige Bühnenshow auf der Höhe der Gender-Debatte macht. Das Publikum im Haus für Mozart tobte nach der Eröffnungspremiere der Festspiele am Freitagabend.

Die barocke Oper liebte das "Verwirr"-Spiel der Geschlechter. Bei der Premiere von "Ariodante" im Jahre 1735 wurde die Titelfigur von einem Kastraten gesungen, sein Gegenspieler Polinesso von einer Altistin. Dies war vor allem der ungeheuren Begeisterung des damaligen Publikums an Koloraturen in hohen und höchsten Lagen zuzuschreiben, die soweit ging, dass in der barocken Opera seria fast keine Männer mehr auftraten. Aus heutiger Sicht ein krasser Fall von Diskriminierung.

Loy interpretierte dieses eher marktmäßige Phänomen aus der moralisierenden Sicht des 21. Jahrhunderts, in dem sich neben anderen vermeintlichen Gewissheiten auch die Geschlechterrollen im Gender-Mainstreaming aufzulösen scheinen. Dieser Dekonstruktions- und Rekonstruktionsprozess war im Verlauf der vierstündigen Oper an Bartolis Outfit und ihren Bühnenaktionen abzulesen. Sie begann als vollbärtiges Mannsbild in Ritterrüstung und Stulpenstiefeln, verwandelte sich dann in ein androgynes Conchita-Wurst-Mischwesen und mutierte zum Schluss zur echten Frau, allerdings mit der ironischen Attitüde eines Zigarre paffenden Machos.

Das einzige echte (?) Mannsbild auf der Bühne war Polinesso, Herzog von Albany, ein intriganter Machtmensch, der eine teuflische Intrige anzettelt, um Ariodante und seine Geliebte, die schottische Prinzessin Ginevra (bravourös und zu Recht umjubelt: Kathryn Lewek) auseinanderzutreiben und den Ritter vom Thron fernzuhalten. Dabei stehen sich das Prinzip echter, mitfühlender Liebe, verkörpert von Ariodante und Ginevra, und zu Emphatie unfähiger Selbstliebe, verkörpert von Polinesso mit der schneidenden Stimme des Countertenors Christophe Dumaux, unversöhnlich gegenüber.

Loy ist kein Dekonstruktivist, kein politischer Visionär, sondern ein Meister psychologischen Feinschliffs, der mit geringen bühnentechnischen Mitteln und ausgetüftelter Personenregie ein Höchstmaß an Spannung zu erzeugen versteht. Das gelingt am besten, wenn er, wie an diesem Abend, brillante Sängerschauspieler zur Hand hat. Allen voran Cecilia Bartoli, die als liebestoller Thronanwärter mit Slapstick-Qualitäten ebenso überzeugt wie als zwischen dem Verlangen nach Selbstzerstörung und Rache hin und hergerissenem Opfer von Polinessos Intrige. Ein Kabinettstück besonderer Art ist die große Arie "Die Liebe wird von den Flügeln der Treue getragen", zu der Polinesso Ariodante mit Orangenlikör abfüllt, mit fatalen Folgen für die Standfestigkeit des beschwipsten Ritters.

Gespielt wurde an diesem Abend die Urfassung, inklusive der von Händel noch vor der Uraufführung aus dramaturgischen Gründen entfernten Balletteinlagen. Loy machte daraus mit seinem ansonsten, wie gewohnt, sehr minimalistisch arbeitenden Bühnebilder Johannes Leiacker ein ironisches, opulentes Barock-Theater auf dem Theater. Das Originalklang Orchester "Les Musiciens du Prince" aus Monaco legte unter Gianluca Capuano mehr Wert auf fließende Melodik und mitunter tiefschwarze Zwischentöne als auf rastlose Motorik. Die "Musiciens du Prince" sind eine der jüngsten Schöpfungen der Allround-Künstlerin und Organisatorin Bartoli, die dafür keinen Geringeren als Fürst Albert II. von Monaco gewinnen konnte. 

Homepage Salzburger Pfingstfestspiele