Vom Arbeiterkind zum Professor? Das soziale Umfeld prägt noch immer die Karriere

Karriere

Eine Wissenschaftskarriere ohne akademisches Elternhaus: Das ist immer noch nicht selbstverständlich. Die Gründe dafür sind nicht nur finanzieller Natur. Eine Coachin hat Tipps für Arbeiterkinder.

von Anja Schreiber

, 27.02.2021, 09:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein Studium oder eine akademische Karriere? Für manche Menschen stellt sich diese Frage nach wie vor nicht. Denn wer keinem universitären Umfeld entstammt, hat es häufig schwerer an der Uni Karriere zu machen. (Symbolbild)

Ein Studium oder eine akademische Karriere? Für manche Menschen stellt sich diese Frage nach wie vor nicht. Denn wer keinem universitären Umfeld entstammt, hat es häufig schwerer an der Uni Karriere zu machen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Ein Studium oder eine akademische Karriere? Für manche Menschen stellt sich diese Frage nach wie vor nicht. Denn wer keinem universitären Umfeld entstammt, hat es häufig schwerer an der Uni Karriere zu machen.

Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Hurrelmann hat so eine Biografie: Sein Vater war erst Matrose, später Schiffsführer, seine Mutter Hausfrau. Der 77-jährige profilierte Bildungs- und Jugendforscher ist ein oft interviewter Experte. Doch den Unterschied in der Herkunft merkt er bis heute: „Vor allem beim scheinbar so entspannten Small Talk fühle ich mich deplatziert. Wenn ich zum Beispiel mit einem Sektglas in der Hand beim Neujahrsempfang des Unidirektors stehe, laufen mir schon mal die Schweißperlen übers Gesicht.“

Arbeiterkinder leiden oft am Hochstaplersyndrom

Viele Arbeiterkinder haben das Empfinden, an der Universität fehl am Platz zu sein, das ist die Erfahrung der Berlinerin Dr. Monika Klinkhammer, Coach für Wissenschaftler: „Obwohl sie hoch qualifiziert sind, fühlen sie sich inkompetent und minderwertig. Sie leiden nicht selten am Hochstaplersyndrom.“ Dieses psychologische Phänomen führt dazu, dass Betroffene unter massiven Zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Erfolgen leiden. „Dabei haben diese Menschen im Gegensatz zu echten Hochstaplern ihre Qualifikationen wirklich und rechtmäßig erworben!“

Netzwerke und Beziehungen fehlen oft

Dr. Christina Möller, Vertretungsprofessorin für Soziologie an der Fachhochschule Dortmund, forscht seit Jahren zum Thema Arbeiterkinder in der Wissenschaft und kennt ihre besondere Situation: „Diesen Menschen fehlt oft Selbstsicherheit … im Unterschied zu Personen aus höheren Schichten, die sie oft wie selbstverständlich haben.“

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Außerdem bringt der Nachwuchs aus akademisch geprägten Familien oft noch kulturelles Kapital mit. Das kann zum Beispiel der Klavierunterricht oder der Privatschulbesuch sein. „Abgesehen davon verfügen Arbeiterkinder nicht über die gleichen Netzwerke und Beziehungen wie die Sprösslinge höherer Schichten.“ Und gerade die seien für eine wissenschaftliche Karriere wichtig.

Finanzen: Eher Sicherheit als Risiko

Möller sieht aber auch ökonomische Gründe, warum nur wenige Akademiker mit niedriger sozialer Herkunft den Aufstieg in den Wissenschaftsbetrieb schaffen. „Anders als der Nachwuchs aus bürgerlichem Hause finden Arbeiterkinder bei ihren Eltern kaum finanzielle und ideelle Unterstützung.“ Deshalb schreckt sie oft auch das finanzielle Risiko einer wissenschaftlichen Karriere ab. „Sie setzen verstärkt auf Sicherheit“, betont die Mitherausgeberin des Buches „Vom Arbeiterkind zur Professur“.

Umfassende Daten über Arbeiterkinder, die in der Wissenschaft Karriere gemacht haben, gibt es bis heute nicht. „Es existieren nur einige wenige Einzelstudien“, betont Möller. Dazu gehört Möllers eigene Dissertation von 2015, in der sie die Herkunft der Professoren an den Universitäten in NRW untersuchte. Das Ergebnis zeigt, wie gering der Anteil an Arbeiterkindern ist, aber auch, dass es große Unterschiede zwischen den Fächern gibt.

Soziale Herkunft in Zahlen

Von allen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern, die zwischen 1991 und 2000 berufen wurden, hatten nur 12 Prozent eine niedrige soziale Herkunft, aber 30 Prozent eine hohe. Ähnlich sah es im Berufungszeitraum von 2001 bis 2010 aus. In dieser Zeit hatten sogar nur 10 Prozent eine niedrige soziale Herkunft, dagegen 38 Prozent eine hohe.

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In den Rechtswissenschaften ist der Prozentsatz an Hochschullehrern mit niedriger und mittlerer sozialer Herkunft mit 21 Prozent am geringsten. Auch in der Humanmedizin ist er mit 28 Prozent gering. In der Fächergruppe Psychologie, Erziehungswissenschaft und Sonderpädagogik zeigt sich dagegen ein anderes Bild: In diesen Fächern kommen 46 Prozent aus niedriger und mittlerer Herkunft. Auch wenn also die soziale Durchmischung in den Fachdisziplinen unterschiedlich ist, kommt Möller zu dem Schluss: „Zum Großteil kommt die Professorenschaft aus der oberen Mittel- und Oberklasse.“

Vom Dieb zum Professor

Doch die Undurchlässigkeit des Bildungssystems zeigt sich nicht erst im Wissenschaftssystem. Das musste auch Klaus Hurrelmann feststellen, der damit schon im Gymnasium konfrontiert wurde: „In den 1950er-Jahren erlebte ich den Dünkel meiner Mitschüler. Deren Väter waren Ärzte und Anwälte. Als Ehrgeizling mit guten Noten wurde ich ausgegrenzt.“ Diesen Mitschülern wollte er beweisen, dass er kein Streber war. „Deshalb beging ich Diebstähle. Als ich aufflog, kam ich vors Jugendgericht. Ich wurde zu vier Wochenenden Gefängnis verurteilt. Außerdem wurde ich aller weiterführenden Schulen Niedersachsens verwiesen.“

Doch Hurrelmanns Bildungsgang war damit nicht zu Ende. Er machte doch noch in einem anderen Bundesland Abitur. Dann studierte er Soziologie, Psychologie und Pädagogik. „Ich wollte verstehen, was mir passiert war.“ 1971 wurde er promoviert, 1975 habilitiert. Bald darauf folgte eine Professur an der Universität Essen. Heute ist Hurrelmann Senior Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Mit seiner Herkunft geht er inzwischen gelassen um: „Ich kompensiere das – so weit möglich – mit meinem eigenen Stil. Ich bin freundlich, aufgabenbezogen, zuverlässig, pünktlich und hilfsbereit.“ Außerdem habe er sich in all den Jahren eine Sensibilität für soziale Konstellationen bewahrt.

Tipps für Arbeiterkinder mit wissenschaftlichen Ambitionen

Monika Klinkhammer, Coach für Wissenschaftler, hat Tipps für Arbeiterkinder, die in der Wissenschaft Karriere machen wollen:

  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie zu einer Minderheit gehören. Verdrängen Sie diese Tatsache nicht!
  • Seien Sie stolz auf Ihren beruflichen und sozialen Aufstieg, aber auch auf Ihr Durchhalte- und Leistungsvermögen.
  • Schöpfen Sie Selbstbewusstsein aus Ihrem besonderen biografischen Hintergrund. Sehen Sie sich nicht als defizitär an!
  • Reden Sie mit vertrauten Personen und Kollegen mit ebenfalls nicht akademischer Herkunftsfamilie über die Bedeutung der sozialen Herkunft, des Leistungsvermögens und der Karriere.
  • Wenn Sie sich in einer beruflichen Situation unsicher oder deplatziert fühlen, suchen Sie sich innere Erfolgsbilder als „Anker“, indem Sie sich zum Beispiel an reale Erfolgssituationen erinnern.
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