Ein Warnlicht blinkt, das Auto bremst, eine Reparatur ist fällig. Viele VW-Diesel-Fahrer haben das nach dem Software-Update erlebt. VW erkennt keinen Zusammenhang, Experten aber sehr wohl.

Dortmund

, 20.07.2018, 08:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Probleme, die Autofahrer mit ihrem VW-Diesel nach einem Software-Update haben, treten nahezu zwangsläufig auf. Diese Meinung vertritt Prof. Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie. Besonders im Blick dabei: das Abgasrückführungsventil (AGR), dessen Reparatur rasch einen vierstelligen Betrag verschlingt.

Experte: Lasst die Autos wie sie sind

„Ein Abgasrückführungsventil – das ist wirklich sensible Technik, die auch ohne Software-Update irgendwann ausfallen kann. Aber es ist nicht verwunderlich, dass das Problem durch ein Software-Update verschärft wird. Das ist Physik, das ist Chemie und es ist vollkommen klar, dass die Ausfallrate größer wird“, sagte Koch unserer Redaktion. Weil die technischen Zusammenhänge viel zu komplex seien, als dass die Entwickler sie unter Druck in kürzester Frist lösen könnten, habe er im Diesel-Untersuchungsausschuss den Politikern auch den Rat gegeben: „Lasst diese Autos, wie sie sind.“ Gehör fand er nicht.

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Im Elbtunnel liegengeblieben

Zahlreiche Diesel-Besitzer berichteten unserer Redaktion gegenüber vom Ausfall des AGR. Beispiel Martina Lohrmann (37) aus Dortmund. Sie war mit ihrem Mann und der kleinen Tochter Mira auf dem Weg nach Hamburg, als ihr VW Caddy plötzlich schlapp machte, eine Warnlampe aufleuchtete. „Ausgerechnet im Elbtunnel“, erzählt Martina Lohrmann von jenem Tag, dem 21. April 2017. Die Dortmunderin konnte das Gaspedal noch so feste treten – ihr Diesel schlich nur noch über die Fahrbahn.

Sie fuhr ihren Caddy, Baujahr 2011 und 71.000 Kilometer auf dem Buckel, in die nächste Werkstatt. Dort stellte man fest: Das Abgasrückführungsventil ist defekt und muss ersetzt werden. Reparaturkosten im vierstelligen Bereich. „Die haben dort sofort nach dem Software-Update gefragt“, erzählt Martina Lohrmann. Das hatte sie zwei Monate zuvor aufspielen lassen, nachdem sie dazu von VW aufgefordert worden war.

VW trägt alle Kosten

Als das klar war, beruhigte der Werkstatt-Mann die Caddy-Fahrerin. Sie müsse sich wegen der Reparaturkosten keine Sorgen machen, die werde VW übernehmen. „Der Wagen stand zwei Wochen lang in der Werkstatt, weil das Ersatzteil nicht sofort lieferbar war. Wir haben ohne Probleme einen Leihwagen bekommen, kostenlos. Die Leute in der Werkstatt waren sehr freundlich. Auch für die Reparatur haben wir nichts gezahlt. Wir haben uns schon sehr gewundert.“

Hunderte Fälle

So wie Martina Lohrmann erging es in den vergangenen eineinhalb Jahren vielen VW-Kunden, die nach einem Software-Update mit ihrem Diesel-Pkw und einem defekten AGR liegen blieben. Ohne lange Diskussionen übernahm VW die Reparaturkosten, die Kunden waren zufrieden und das Thema spielte in den Medien kaum eine Rolle.

„Nur die Spitze des Eisbergs“

Dabei ist die Zahl der Betroffenen nach Angaben der Verbraucherschutzplattform MyRight, die nach eigenen Angaben knapp 40.000 VW-Kunden mit Dieselfahrzeugen vertritt, beachtlich. Bei einer MyRight-Befragung berichteten Anfang des Jahres 572 Kunden von Problemen mit dem AGR: „Aber wir sehen da nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Jan-Eike Andresen, Leiter der Rechtsabteilung von My Right, auf Anfrage. „Hier gibt es ein Problem, das VW nicht in den Griff bekommt. VW versucht offenbar, das Problem gut zu verschleiern, indem man die Reparaturkosten schnell kulant übernimmt.“

Bekannte Probleme

Mit einer solchen Vermutung liege man wahrscheinlich richtig, sagt Anja Smetanin, Pressesprecherin des Auto Clubs Europa (ACE) in Berlin. „Dass es Probleme mit dem Abgasrückführungsventil nach einem Software-Update geben kann, ist uns bekannt. ACE-Mitglieder sind diesbezüglich an uns herangetreten“, sagt Smetanin. Um wie viele Fälle es sich handle, könne sie aber nicht sagen.

Ein ADAC-Sprecher berichtet von einer „niedrigen dreistelligen Anzahl von Fahrzeugen“, bei denen das Problem aufgetreten sei. Allerdings habe VW bereits vor dem Software-Update bei den entsprechenden Motoren mit „relativ vielen Pannen durch Probleme mit dem AGR zu kämpfen“ gehabt. Deren Zahl sei nicht signifikant gestiegen. „VW möchte durch die unkomplizierte Bezahlung von Schäden vermutlich das verloren gegangene Vertrauen wieder zurückgewinnen. Eine Verschleierung wahrer Probleme sehen wir nicht“, sagt der ADAC-Sprecher.

VW bestreitet Zusammenhang

VW beteuert, dass das Software-Update „keine negativen Auswirkungen auf den Betrieb oder die Wirksamkeit des AGR-Systems“ habe – eine Einschätzung, der Experte Prof. Koch deutlich widerspricht. Wie Nicolai Laude, Kommunikations-Direktor des VW-Konzerns, berichtet, habe es auch vor dem Update „sporadische Beschwerden in Bezug auf das AGR-System“ gegeben. Mögliche Probleme beim AGR-System stünden „nicht im Zusammenhang mit den Software-Updates“.

Es gebe keinen Grund, über das Vermeiden einer öffentlichen Diskussion zu spekulieren, sagt Laude. VW habe immer gesagt, dass man sich um jeden Kunden kümmere und bei Beschwerden jeden Einzelfall prüfe und eine „kundenorientierte Lösung“ suche. Das gelte ganz besonders vor dem Hintergrund des Versprechens, das VW seinen von einer Umrüstung betroffenen Kunden als „vertrauensbildende und kostenlose Maßnahme“ bei Beschwerden zugesagt habe, sagt Laude.