Walser beklagt Kultur des «Rechthabenmüssen»

In Deutschland herrscht nach Ansicht des Schriftstellers Martin Walser eine Kultur des «Rechthabenmüssens» mit oft heuchlerischen Moralvorstellungen.

München (dpa)

02.07.2008, 20:28 Uhr / Lesedauer: 1 min

Der Schriftsteller Martin Walser blickt vor seinem Haus in Nußdorf bei Überlingen in die Ferne.

Der Schriftsteller Martin Walser blickt vor seinem Haus in Nußdorf bei Überlingen in die Ferne.

Sowohl in Diskussionen in Politik und Wirtschaft als auch im Kulturbetrieb müsse stärker bedacht werden, dass es immer mindestens zwei Seiten einer Wahrheit gebe, sagte Walser («Tod eines Kritikers») am Mittwoch in München laut Redemanuskript beim 60-jährigen Jubiläum der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. «Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr», sagte Walser, der Akademie-Mitglied ist.

Als Beispiel nannte Walser den Siemens-Korruptionsskandal. «Neuestens hat die Verdächtigungsbereitschaft den Siemens-Konzern entdeckt», sagte er. Es sei bekannt, dass sich Firmen auf der ganzen Welt ihre Aufträge mit Hilfe von Bestechung besorgten. So sei es auch bei Siemens gewesen. Dabei hätten sich allerdings keine Manager persönlich bereichert. Bis 1998 seien solche Praktiken in Deutschland nicht einmal strafbar gewesen. «Aber Staatsanwälte und Medien finden diese Praxis unter allen Umständen kriminell. Mich erinnert dieser Reinheitseifer an das katholische Gebot, das den ehelichen Geschlechtsverkehr nur erlaubt, wenn er stattfindet zur Fortpflanzung.»

Nur wenn die Menschen sich bewusst seien, dass ihre Meinung immer auch vom Zeitgeist beeinflusst sei und sie es schaffen würden, die Gegenmeinung gleich mitzudenken, sei eine «Kultur des Nichtmehrrechthabenmüssens» möglich, sagte Walser.

Die Akademie der Schönen Künste in München wurde 1948 als «oberste Pflegestelle der Kunst» in Bayern gegründet. Ziel ist die Förderung von Musik und Literatur sowie bildender und darstellender Kunst. Zu den Mitgliedern gehören bekannte Schriftsteller wie Rafik Schami und Uwe Timm.

Bei der öffentlichen Jahressitzung zum 60-jährigen Bestehen der Akademie wurden mehrere neue Mitglieder aufgenommen. Zu den Mitgliedern in der Abteilung Bildende Kunst gehören von nun an Magdalena Jetelová und Heinz Pfahler. Aufgenommen wurden zudem die Schriftsteller Michael Maar, Meir Shalev und Paul Wühr sowie die Musiker Ludwig Finscher und Josef Anton Riedl.

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