Wann die Nationalität nennen? - Presserat tagt

Mahnung zur Vorsicht aus Köln

Wann sollen Journalisten die Herkunft von Verdächtigen nennen - und wann nicht? Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln wird viel darüber diskutiert. Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies mahnt zur Vorsicht bei der Veröffentlichung der Nationalität von Tatverdächtigen. Journalisten beraten bald in dieser Frage.

BERLIN

von Ingrid Wielens und dpa

, 11.02.2016, 16:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zahlreiche Menschen waren am Silvesterabend in Köln auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Später wurden Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt.

Zahlreiche Menschen waren am Silvesterabend in Köln auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Später wurden Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt.

"Die Sorge ist doch, dass man durch die Nennung der Nationalität einen Beitrag dazu leistet, dass hier im Augenblick alles über einem Kamm geschert wird“, sagte Mathies in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Mir tut das weh. Als Polizist habe ich den Auftrag, Menschen zu schützen. Und wir wissen doch, welche Auswirkungen das hat."

"Nur wenn es zum Verständnis der Straftat wichtig ist"  

Wenn die Nationalität zum Verständnis der Straftat wichtig sei, dann solle sie genannt werden, aber nicht generell.

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Seit den Übergriffen der Silvesternacht und der anschließenden Kontroverse über die Frage, ob die Polizei die nordafrikanische Herkunft der Verdächtigen verschleiert habe, sei der Spielraum der Polizei hier allerdings kleiner geworden. "Sie sehen ja, wie sich rechte Gruppen die derzeitige Diskussion zunutze machen", sagte der Kölner Polizeipräsident.

Pressekodex auf dem Prüfstand?

In Deutschland regelt der Pressekodex diese Frage für Journalisten. Konkret beschäftigt sich die Diskriminierungsrichtlinie 12.1 mit der Frage, wann in der Berichterstattung über Straftaten zum Beispiel Nationalitäten genannt werden sollten.

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Die Richtlinie 12.1 im Pressekodex besagt: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte." 

Sitzung am 9. März: Beratungen über Auslegung

Mit dieser Richtlinie, genauer: der Auslegung dieser Richtlinie will sich der Presserat in seiner Sitzung am 9. März nun befassen. Das Thema der Sitzung sei unabhängig von den Kölner Silvester-Übergriffen geplant gewesen, sagte Sprecherin Edda Eick. Die Richtlinie stehe nicht davor, gekippt zu werden. Es gebe keine Anträge, etwas zu ändern. Stattdessen solle über die Auslegung in der Praxis gesprochen werden. "Der Grundgedanke der Richtlinie, Minderheiten zu schützen, steht nicht zur Disposition", so Eick weiter.  Es gebe immer wieder Gespräche, wie man die Richtlinie auslege, zum Beispiel zur Frage, wie man Minderheiten definiere, sagte Eick. Das sei ein beständiges Thema.

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Der Deutsche Presserat ist eine Institution zur Selbstkontrolle der Medien. Seine Basis ist ein Verein, dem zwei Verleger- und zwei Journalistenorganisationen angehören.

Beschwerden mit Kritik an Nennung, aber auch an Nicht-Erwähnen 

Zu Medienberichten über die Ereignisse der Kölner Silvesternacht habe der Presserat im Januar rund 25 Beschwerden erhalten. Darunter gebe es sowohl Kritik für die Nennung der Nationalität oder Herkunft der mutmaßlichen Täter wie auch für das Nicht-Erwähnen, sagte Eick.

In Köln wurden in der Nacht zum 1. Januar am Hauptbahnhof massenweise Frauen sexuell bedrängt und bestohlen. Auch Vergewaltigungen wurden angezeigt. Unter den mutmaßlichen Tätern sollen viele Männer nordafrikanischer und arabischer Herkunft gewesen sein.

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