Warum Nilgänse auf Menschen losgehen

Polizei und Feuerwehr angegriffen

"Die Gänse flogen aggressiv direkt auf mich zu, zielten mit den Schnäbeln auf mein Gesicht. Ich war total fertig." Der Schreck sitzt Marina Raabe noch immer in den Knochen. Am Sonntag war die 33-Jährige in Bochum-Werne nur knapp zwei Nilgänsen entkommen. Polizei und Feuerwehr griffen die Tiere ebenfalls an. Ist so ein Verhalten normal? Was kann man tun, wenn man selbst angegriffen wird? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

WERNE

, 14.03.2016, 15:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bei den Gänsen handelte es sich um ein Paar mit Küken, das offenbar seinen Nachwuchs verteidigte. Die Tiere standen auf der Kreyenfeldstraße in Bochum-Werne direkt neben der evangelischen Kirche, als Marina Raabe am Sonntagmorgen gegen 8.30 Uhr ihren Wagen parkt. Sie wollte in das Mehrfamilienhaus neben der Kirche. "Ich war von den Gänsen noch mindestens fünf Meter entfernt, als zuerst nur der Ganter plötzlich aggressiv auf mich zugeflogen kam", erzählt sie.

"Ich habe versucht, mich umzudrehen und mein Gesicht zu schützen", sagt sie. Der plötzliche Angriff schockiert die 33-Jährige Bochumerin. Zumal nun beide Tiere auf sie los gehen. "Sie waren dermaßen aggressiv, nur weil ich eine dicke Jacke, eine Mütze und Stiefel anhatte, wurde ich nicht verletzt." Die Gänse bissen in die Kleidung, drangen aber nicht durch.

Polizei und Feuerwehr kapitulieren

Was tun? Die 33-Jährige flüchtet ins Haus, ruft die Polizei. "Ich habe mir vorgestellt, was passiert, wenn Kinder nichts ahnend vorbeikommen", sagt Marina Raabe. "Oft spielen hier Kinder im Hof." Auf ihrem Weg zurück zum Auto schlägt sie einen riesigen Bogen um die Tiere, empfängt die Beamten im Auto. Die sind zunächst skeptisch, können nicht glauben, dass sie wegen der zunächst noch friedlichen Tier-Familie - die inzwischen vor der Kirche steht - gerufen wurden. Doch dann werden auch sie zur Zielscheibe der wütenden Nilgans-Eltern - und rufen die Feuerwehr. Und auch die kapituliert. Alle Versuche, die Tiere einzufangen, scheitern.  

Das war insofern ein Problem, weil in der evangelischen Kirche um 10 Uhr ein Gottesdienst stattfand und die angriffslustigen Tiere inzwischen vor dem Haupteingang Position bezogen hatten. Der Plan der Feuerwehr, die Gänse mit einem Netz einzufangen, scheiterte, weil man die Tiere dabei verletzt hätte. Zwischenzeitlich waren der gesamte Kirchvorplatz und sämtliche Wege zum Haupteingang der Kirche abgesperrt. Der Gottesdienst fand dennoch statt: Die Besucher nutzen einen Nebeneingang. Und als Polizei und Feuerwehr unverrichteter Dinge abzogen, machten sich schließlich auch die Gänse von dannen.  

Was bei einem Angriff zu tun ist

Glücklicherweise wurde am Sonntag niemand schlimmer verletzt. Nur ein Feuerwehrmann erlitt Blessuren bei dem Versuch, die Tiere einzufangen. Alle anderen Beteiligten kamen mit dem Schrecken davon. Doch was kann man tun, wenn man selbst von Gänsen angegriffen wird? "Am besten ist, man drängt sie zurück, nimmt zur Not einen Stock zu Hilfe", sagt Prof. Dieter Hasselmann, Vogelexperte beim Naturschutzbund (NABU), "natürlich nur zum Abdrängen und zur Abschreckung". Am besten ist es aber, schon vorher ausreichend Distanz zu den Vögeln zu halten.  

Ist so ein angriffslustiges Verhalten normal? Im Prinzip ja. "Bei den Nilgänsen handelt es sich um eine Art zwischen Gänsen und Enten", erklärt Prof. Dieter Hasselmann, Hobbyornithologe und NABU-Mitglied, "sie sind hochbeiniger und auch aggressiver als andere Gänse". Seit sich die Nilgänse vermehrt in den Städten ausbreiteten, hätten sie ihre Scheu vor den Menschen verloren. "Sie wissen: Menschen tun ihnen nichts". Daher liege die Hemmschwelle für einen Angriff dann auch niedriger. Im Grunde schützen die Tiere aber nur ihren Nachwuchs - ein völlig normales Verhalten.

Nilgänse stammen aus Afrika und sind in Sachen Lebensraum sehr flexibel. Sie brüten in Höhlen, Bäumen, am Boden aber auch in Storchennestern. Zur Brutzeit gelten sie als sehr aggressiv, vor allem anderen Entenvögeln gegenüber.
Kanadagänse: Nicht zu verwechseln sind die Nilgänse mit Kanadagänsen. Diese sind in vielen Städten bereits zur Plage geworden. In Bochum sind Scharen von Kanadagänsen vor allem den Erholungssuchenden am Ümminger See und am Kemnader See vertraut.