Was nehmen Dortmunder eigentlich mit ins Freibad? Handtuch, Sonnenmilch und das Handy zum Zeitvertreib. Aber wer denkt noch daran, ein Buch einzupacken? Wir haben uns umgeschaut.

Dortmund

, 23.07.2018, 14:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es dauert einen kurzen Moment, bis sich Ina Tews aus ihrem tranceartigen Lesefluss reißen lässt. Zurück in der Realität spricht sie von ihrer Vorliebe für klassische Romane. Und davon, dass ihr im Alltag viel zu wenig Zeit bleibt, diese zu lesen.

Die 30-Jährige ist eine von wenigen, die an diesem heißen Nachmittag im Dortmunder Volksbad zum Buch greifen. Mittlerweile sind Smartphones, Tablets und sogar türkische Wasserpfeifen zum beliebten Freibad-Accessoire mutiert. Aber dazu später.

Was fasziniert den seltenen Lese-Fan also noch am gedruckten Buch? „Wenn ich lese, kann ich abschalten, alles um mich herum vergessen“, sagt Ina Tews. In ihrer Hand: ein Roman von Harper Lee aus den 60er-Jahren. In ihrem rechten Ohr ein weißer Kopfhörer – den linken hat sie nur für das Gespräch heraus genommen. Begeistert erzählt sie von „Wer die Nachtigall stört“ – ein Geschichte vom Aufwachsen mit Rassismus in den amerikanischen Südstaaten.

Beim Lesen im Freibad kann Ina Tews endlich abschalten.

Beim Lesen im Freibad kann Ina Tews endlich abschalten. © Aileen Kierstein

Eine Empfehlung für das perfekte Freibad-Buch? Die hat die Dortmunderin nicht. „Das ist ja immer Geschmackssache“, sagt sie. Eine spannende Geschichte solle aber schon dahinter stecken.

Das Buch als Lautlos-Knopf

Einen Krimi oder Thriller würden auch Dana Stauss und Helga Bauer empfehlen. Für die beiden Freundinnen gebe es nichts besseres, als sich in einer fesselnden Geschichte zu verlieren. Jussi Adler-Olsen und Jo Nesbo finden sie gut. „Da muss man sich aber genügend Zeit und Ruhe für nehmen“, wirft Dana Stauss ein.

Ruhe im Freibad? „Das richtige Buch schaltet den Lärm aus – von ganz allein“, sagt sie und widmet sich wieder ihrem skandinavischen Schmöker.

Nur wenige Meter weiter ist die zehnjährige Tomke Freudenau auf ihrer Decke in ihr Buch vertieft. Ein seltenes Bild an diesem Nachmittag – die meisten Kinder sind im und am Wasser beschäftigt. Doch Tomke nimmt sich gerne diese Zeit. „Mia und der Traumprinz für Omi“ genießt ihre volle Aufmerksamkeit. Und auch die von Mama Silke. „Es ist mir wichtig, dass meine Tochter noch mit richtigen Büchern aufwächst. Zuhause lesen wir alle sehr viel“, erzählt die Dortmunderin.

Silke Freudenau legt viel Wert darauf, dass ihre Tochter Tomke noch gebundene Bücher liest.

Silke Freudenau legt viel Wert darauf, dass ihre Tochter Tomke noch gebundene Bücher liest. © Aileen Kierstein

Die perfekte Freibadlektüre für Mutter und Tochter? „Eine, die uns beiden gefällt und uns zum Lachen bringt“, sagt sie und fügt hinzu, dass es auch ab und zu mal ein Jugendbuch sein dürfe.

Buch versus Wasserpfeife

Ja, es gibt sie noch. Die Liebhaber bedruckter Seiten, Lesezeichensammler und Zeitreisende. Sie sind nur rar gesät.

Dafür lassen sich im Volksbad aber noch ganz andere Trends entdecken. Im hinteren Teil der Liegewiese steigt Rauch auf. Drei junge Männer liegen nebeneinander auf dem Rücken und ziehen genüsslich an ihrer Shisha – einer türkischen Wasserpfeife. Dass die ein ungewöhnliches Freibad-Mitbringsel ist, wissen sie. Aber die Pfeife sei ihr Mittel, um abzuschalten. Lesen würden sie auch ab und zu. „Im Flugzeug zum Beispiel – aber nur weil ich da nicht rauchen kann“, scherzt einer von ihnen.

Abschalten: Das Wort fällt in allen Gesprächen. Die Zeit im Freibad nutzen sie, um sich für eine Weile keine Gedanken über den Akkustand des Smartphones zu machen. Abschalten in den begrenzten Zeiträumen ohne Bildschirm vor der Nase, ohne Nachrichten-Ticker und Status-Updates.

Und für die wenigen Leser im Volksbad ist genau diese Optionslosigkeit wichtig: Lesen. Weiterblättern. Lesen. Auch für Ina Tews, die sich nur wenige Bruchteile nach der Störung auch den linken Hörer ins Ohr steckt und sich wieder in ihrem Buch verliert – in den amerikanischen Südstaaten – als wäre nie etwas passiert.

Was die Redaktion empfiehlt

Nicht nur im Freibad – auch im Urlaubsgepäck sollten Bücher keinesfalls fehlen. Die Kulturredaktion gibt Tipps:

Wer einen Krimi von Charlotte Link einpackt, hat Lesestoff für gleich mehrere Urlaubstage dabei. „Die Betrogene“ bietet 640 Seiten Spannung und ist als Taschenbuch (Blanvalet, 10,99 Euro) erhältlich. Praktisch: Die Handlungsstränge werden kapitelweise abwechselnd erzählt, sodass man das Buch auch mal aus der Hand legen kann.

Wenn es ein wenig mehr Liebe sein soll, ist Jojo Moyes immer eine gute Wahl – und mit 544 Seiten auch schön dick: „Ein Bild von Dir“ (Rowohlt, 14,99 Euro) ist eine Spurensuche um zwei Paare in zwei Jahrhunderten – verbunden durch ein Gemälde. Klassisch geschrieben und schön zu lesen.

Perfekt für einen Kurztrip sind die Taschenbuch-Romane von Paulo Coelho. „Der Alchimist“ (Diogenes, 10 Euro) umfasst nur 172 Seiten und begleitet den andalusischen Hirten Santiago auf der Suche nach einem versprochenen Schatz. Er findet dort zu sich selbst und entdeckt dabei auch immaterielle Bereicherungen wie die Liebe.

Simon Becketts „Totenfang“ (Wunderlich, 10,99 Euro) wurde lange erwartet. Ganze 560 Seiten können jeden entspannten Urlauber ans Badehandtuch fesseln. Ein solider David Hunter Fall – der fünfte der Bestseller-Reihe. Packend und mit einer Menge Überraschungen.

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