Was macht eigentlich Fabian Hambüchen?

Nach dem Turnen

Eineinhalb Jahre sind vergangen, da gelang Fabian Hambüchen in Rio de Janeiro der große, der ganz große Triumph: Er holte olympisches Gold am Reck, die Krönung einer ohnehin furiosen Karriere, die perfekte Endstation. Aber auch nach seinem Karriere-Ende wird sein Leben nie langweilig.

DORTMUND

, 07.01.2018, 05:18 Uhr / Lesedauer: 4 min
Was macht eigentlich Fabian Hambüchen?

Fabian Hambüchen lässt es auch nach seinem Karriereende nicht ruhiger angehen. © picture alliance / Tobias Hase/d

Pünktlich auf die Minute kommt der verabredete Anruf, doch wenig später muss Fabian Hambüchen das Gespräch schon wieder kurz unterbrechen. Aus dem Auto vor ihm an der roten Ampel war die Fahrerin zu ihm geeilt und bat höflich um eine Autogrammkarte. Freundlich und verbindlich erfüllte der 30-Jährige den Wunsch, er mag solche Momente, „schön, wenn man immer noch erkannt wird“.

Seit Deutschlands Vorzeigeturner seine Karriere bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro mit dem Spitzenplatz auf dem Siegerpodest krönte, steht „Goldturner“ auf seiner Homepage: Glück, Dankbarkeit, Stolz, vielleicht auch Trotz, von allem etwas soll es wohl heißen.

Hambüchen dreht auf

Ende 2016 wurde er zum Sportler des Jahres gewählt, es war auch so etwas wie die Ehrung für ein Lebenswerk. Andere Sportler wären danach auf Tauchstation gegangen, hätten sich mit Schwung aus der Öffentlichkeit herausgezogen, hätten den Wunsch nach einem ruhigen, beschaulichen Leben gelebt. Fabian Hambüchen aber, der doch seinen Rücktritt von der Turnmatte angekündigt hatte, drehte danach eigentlich erst richtig auf. Quer durch die Lande besucht er die Talkshows, ließ sich die Schulter operieren, damit er doch wieder Spitzensport in der Halle zeigen kann, er intensivierte sein Studium an der Sporthochschule Köln, er schrieb ein Buch mit dem Titel „Den Absprung wagen – stürzen, aufstehen, siegen lernen“.

Was macht eigentlich Fabian Hambüchen?

Der Goldturner nach seinem letzten Wettkampf in Ludwigsburg. © dpa

Was er denn nun in erster Linie sei: Autor, Student, Talkshowgast, Werbeikone, oder doch noch Sportler? „Es sind alles schöne Sachen, richtig gute Projekte“, sagt er ein wenig ausweichend, außerdem halte er ja noch Vorträge, spreche über mentales Training. Aber um es dann doch auf den Punkt zu bringen: „Das Turnen ist immer noch das A und O, es befriedigt mich am meisten.“

Aber dieses Buch, das vor wenigen Wochen auf den Markt gekommen ist, das lässt er beim Plaudern immer wieder durchschimmern, das ist ihm eine Herzensangelegenheit. In Kolumnen und Blogs hatte er seit vielen Jahren Einblicke in seine Gedankenwelt erlaubt, vor allem im Olympia-Jahr war noch mal eine intensive und bewegte Zeit dazugekommen, „deshalb ist das Buch auch eine tolle Erinnerung an diese Jahre“.

Ein Buch über Erfolge und Rückschläge

Kaum jemand wisse, was ein Athlet in 15 Jahren Hochleistungssport investiere, „was wirklich dahintersteckt“, nun habe er, „der sich nie den Mund hat verbieten lassen“, eine große Plattform gefunden, wo er über Erfolge und Rückschläge berichten durfte, wo er über Gefühle und auch richtig dunkle Momente schreibt, wo er den Leser mit auf die Reise nimmt, wie man gerade aus Niederlagen gestärkt herausgehen kann, wie man mit hartnäckigen Schmerzen umgehen muss. Wer das Buch in die Hand nehme, „dem will ich auch etwas mit auf den Weg geben, jeder kann für sich etwas herauspicken, was er auf sein Leben übertragen kann“.

Nicht aus der Ruhe bringen lassen

Fabian Hambüchen spricht gern von der mentalen Kraft, von der Gabe, im entscheidenden Moment ganz bei sich zu sein. „Das alles hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin!“ Es helfe, sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen, vielleicht auch mal über den riesengroßen Schatten zu springen.

Im Frühjahr 2016 peinigte ihn eine schwere Schulterverletzung so sehr, dass die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen nur noch eine Fata Morgana war. Doch der Wille, nicht aufgeben zu wollen, war größer, der Glaube, ganz oben auf dem Treppchen landen zu können, er war immer da. Fabian Hambüchen besiegte die letzten Zweifel, er ignorierte die Schmerzen, soweit es ging, er wollte, und am Ende konnte er auch. Weil er dieses eine große Ziel hatte, weil er es sich selbst und allen Anderen beweisen wollte.

Fabian Hambüchen ist ein Mensch, der gern spricht, weil er auch gern nachdenkt, der sich gern öffnet, auch wenn er sicher noch ein paar Reserven hat. Aber diese vielen tollen Momente, die ihm der Sport gegeben habe, davon wolle er keinen missen. Ob es mehr Lust, mehr Sucht, mehr Qual war? Alles habe seinen Platz in seiner Karriere, meint er, „alles gehört dazu“.

Mit dem Sport noch längst nicht fertig

Und so war er mit dem Sport, auch wenn er nach dem Olympiasieg das Ende seiner internationalen Karriere verkündet hat, längst noch nicht fertig. Mit seinem Team KTV Obere Lahn stand er in der Bundesliga wieder auf der Matte, „es macht einen Riesenspaß, mit den Jungs in der Halle zu sein“, nach seinem ersten Auftritt jubelte er „Wahnsinn, ein tolles Gefühl, endlich wieder zurück zu sein“. So spricht keiner, der innerlich Abschied genommen hat.

Oder doch? Am ersten Wochenende im Dezember turnte er in Ludwigsburg, der „Altmeister“ führte seine Riege zum dritten Platz bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften. „Mit der Vorstellung hätte er locker die letzte WM am Reck gewonnen“, sagte nach dem Wettkampf Manager Klaus Kärcher. Seit dem Februar steht das Gold-Reck von den Sommerspielen in Rio de Janeiro in Wetzlar, hier holte sich Fabian Hambüchen Selbstvertrauen und Feinschliff. Hier hatte er das Gefühl, „ich könnte wieder all das machen, was ich in Rio gezeigt habe.“ Dieses Rio-Reck, es schwinge einfach ein wenig anders.

„Es war eine geile Zeit“

Aber es war eben ein besonderer Tag in Ludwigsburg. Fabian Hambüchen war aufgeregt wie selten, er hatte sogar sein Mannschaftstrikot zu Hause vergessen, zum ersten Mal in seiner Karriere. Mutter Beate laufen nach der Übung die Tränen über das Gesicht, und Fabian Hambüchen verkündet endgültig seinen Abschied. Das sei er also gewesen, sein letzter Wettkampf, „es war eine geile Zeit“. Es ist ein Bad der Emotionen, und ein wenig schlucken muss der 30-Jährige auch. Natürlich weiß er, dass 2019 in Stuttgart, seinem Wohnzimmer, die WM ausgetragen wird, aber nein, es gebe keinen Rücktritt vom Rücktritt, „dabei bleibt es jetzt, ich kann die Leute ja nicht verarschen“.

Natürlich wird er weiter trainieren, „ich muss mich einfach bewegen“, aber er will die Lockerheit, die Freude am Sport genießen. Und er will sich auf den Weg machen, einen neuen Lebensrhythmus zu finden, zurücklehnen und Mußestunden pflegen, das muss er erst noch lernen. Aber als Leistungssportler, „da bist Du es gewohnt, Dir immer neue Ziele zu stecken, und ich werde mir immer neue Herausforderungen suchen, das kriege ich nicht raus“. Im Frühjahr 2018 werde er bei den Olympischen Winterspielen für Eurosport auf Sendung gehen, und dann ist da ja noch das Studium, das er spätestens 2020 beenden wolle. Langweilig wird ihm sicher nicht, und seine Autogrammkarten werden weiter ganz hoch im Kurs stehen.