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Lebendig und sauber: So sollen alle Gewässer in der EU bis 2027 sein. Die Umsetzung dieses Ziels bleibt an den Kommunen hängen. In Schwerte hat man dafür zunächst mal eine Treppe gebaut.

06.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Freies Schwimmen für freie Fische: Dort, wo die Ruhr durch Schwerte fließt, ist das seit 2014 Realität. Kein Stauwehr stoppt Bachforellen, Eschen & Co. mehr im Schwerter Bereich der Ruhr. Ungestört können sie hier wieder die Ruhr flussauf und flussab schwimmen.

Rund fünf Millionen Euro haben die Wasserwerke Westfalen (WWW) investiert, um ihre fünf Laufwasserkraftwerke zwischen Menden-Echthausen und Westhofen mit Fischtreppen auszustatten. Bis zu 65 kleine Wasserbecken sind dort wie flache Stufen angeordnet, auf denen die Tiere jeweils einen Höhenunterschied von zehn Zentimetern überwinden. Für die Aale wurden zusätzliche Aalrohre verlegt.

Völlige Bewegungsfreiheit gibt es für Fische noch nicht

„Die Fischtreppen sind von 2011 bis 2014 fertig geworden“, berichtet Unternehmenssprecherin Tanja Vock. Als letzte sei die Anlage in Villigst gebaut worden: „Damit ist die Ruhr in unserem Bereich komplett durchgängig.“ Die Fische nutzen die wiedergewonnene Wanderungsmöglichkeit auf den 60 Flusskilometern auch kräftig.

Bei Tests wurden jeweils 100 bis 150 Exemplare gezählt, die gerade die Treppen heraufschwammen. Vollständige Bewegungsfreiheit haben die Wasserlebewesen allerdings trotz allen Aufwands bislang noch nicht. Bei Essen-Kettwig und ausgerechnet auch bei der Mündung in den Rhein seien bislang an der Ruhr noch keine Fischtreppen verfügbar, sagt Tanja Vock.

So funktioniert eine Fischtreppe:


Dass die WWW so viel Geld in die Hand nehmen, um den Fischen das Leben zu erleichtern, hat mit ihr zu tun: Der EU-Wasserrahmenrichtlinie, beschlossen am 22. Dezember 2000.

Die Idee: Bis 2015 sollten alle Flüsse, Bäche und Seen in Europa Standards erfüllen, die bezeugen: Die EU-Gewässer sind lebendig und sauber. Verantwortlich für die Umsetzung der Ziele sind in erster Linie die Kommunen.

Und eines der Ziele der Richtlinie war es, die Flüsse wieder durchgängig zu machen, damit Fische wie der Aal oder Lachs wieder zu ihren Laichplätzen kommen. Denn rund 15.000 Querbauwerke versperren den Wanderfischen allein in NRW den Weg.

Zum Beispiel Wasserkraftwerke, die aber erwünscht sind im Erneuerbaren Energiemix der Zukunft. 427 Wasserkraftwerke erzeugen in Nordrhein-Westfalen klimafreundlichen Strom, der jährlich für knapp eine Viertel Million Menschen reicht. Welches Interesse überwiegt? Wie lassen sich die Interessen in Einklang bringen? Fischtreppen stellen eine Lösung dar, um die Ziele der Richtlinie, die sich teilweise widersprechen, zu erreichen.

Wasser hat ein gutes Gedächtnis

Und eigentlich sollten diese Ziele bereits im Jahr 2015 erreicht sein: Lebendig und sauber sollten sie sein, die Flüsse, Bäche und Seen in ganz Europa.

Doch die Realität sieht trotz des positiven Beispiels Schwerte anders aus. Unsere Gewässer sind in einem schlechten Zustand. Wasser hat ein extrem gutes Gedächtnis, Schwerindustrie, intensive Landwirtschaft und pharmazeutische Erzeugnisse haben Spuren hinterlassen.

„Das bisher Erreichte ist tatsächlich nicht zufriedenstellend“, sagt Joachim Drüke. Er ist bei der Bezirksregierung Arnsberg zuständig für die planerische Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie.

Diese Qualität haben die Flüsse in NRW:


Die Richtlinie gibt ein klares Ziel vor: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss“, heißt es darin. Und das neue Ziel heißt 2027 statt 2015.

Das Problem: Etliche Jahre war die wirtschaftliche Nutzung der Gewässser in Nordrhein-Westfalen wichtiger als der ökologische Wert. Bäche und Flüsse waren, so scheint es heute, dazu da, Abwasser aus den Fabriken und Siedlungen zu spülen.

„Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss“
Aus der EU-richtlinie

Das Wasser diente und dient als Kühlwasser für die großen Kohle-Kraftwerke, als Abfluss für das salzhaltige Grubenwasser aus dem Bergbau. Nordrhein-Westfalen ist ein dicht besiedeltes Land, die Flächen werden intensiv genutzt.

Um dies zu ermöglichen, wurden die Bäche und Flüsse erheblich verändert. Die Läufe verlegt oder begradigt, Ufer befestigt oder eingedeicht, Bauwerke für Wasserstandsregulierung oder Wasserkraftnutzung errichtet.

Die Folge: Kaum ein Gewässer ist noch in einem natürlichen Zustand. Und es gibt im ganzen Land nur sehr wenige Seen, die natürlich entstanden sind. Der Rest ist menschengemacht, durch den Abbau von Rohstoffen, durch Stauanlagen oder sie wurden gezielt angelegt.

Auch die Lippe war einmal ein völlig verdreckter Industriefluss mit Schaumbergen auf der Oberfläche. Durch Ausbau der Kläranlagen und Abbau der industriellen Einleitungen hat die Lippe aber gewonnen, sagt Olaf Niepagenkämper, Wasserfachmann aus Münster.

Das habe dazu beigetragen, dass sich Tierarten, die vor vielen Jahrzehnten in der Lippe zunächst heimisch und durch die starke Verschmutzung des Gewässers in die Flucht geschlagen worden waren, wieder angesiedelt haben.

Mit Glück gibt es jemanden, der sich kümmert

Dennoch: Die großen Leuchtturmprojekte wie der milliardenschwere Emscherumbau, große Projekte an der Lippe oder der Ruhr in Arnsberg verklären den Blick auf die vielen Tausenden Baustellen und unterschiedlichen Interessen, die das Projekt Wasser in NRW zu einem Jahrhundertprojekt machen.

Eine der zentralen Fragen ist es in den Kommunen, wer sich vor Ort um die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie kümmert. „Ein Bauamtsleiter hat tausend Dinge zu tun“, sagt Joachim Drüke. „Im Zweifel braucht man auch das Glück, dass sich in den Kommunen jemand aus eigenem Antrieb darum kümmern möchte.“

Eine Motivation sei der Hinweis auf Fördermittel, die bis zu 90 Prozent der Projektkosten decken. Und die Verbindung zu anderen Projekten, die auf den ersten Blick gar nichts mit der Wasserrahmenrichtlinie zu tun haben, auf den zweiten aber schon.

„Zum Beispiel, wenn Projekte zum Hochwasserschutz umgesetzt werden, und diese auch dem Erreichen der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie dienen“, sagt Drüke.


Doch die Hindernisse sind nicht das einzige Problem, auch die Wasserqualität lässt noch immer zu wünschen übrig: In den Bereichen mit hohen Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen finden sich vor allem Zink, Kupfer, Cadmium und Blei im Wasser. In der unteren Ruhr wurden PCB-153, Pyren aber auch Arzneimittel wie zum Beispiel Iopadimidol oder Ibuprofen entdeckt.

Der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert die Beibehaltung des Verursacherprinzips und „dementsprechend die stärkere Einbeziehung insbesondere der pharmazeutischen Industrie und Landwirtschaft zur Deckung der Kosten der Wasserdienstleistungen“.

Im Klartext: Wer in großem Maße für den Eintrag der Stoffe verantwortlich ist, soll auch an den Kosten der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung angemessen beteiligt werden. Das Besondere an NRW: Die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen wird hier über die Flüsse gedeckt. In anderen Bundesländern über das Grundwasser.

Auch 2027 werden die Ziele nicht erreicht

Auch der Straßenverkehr belastet die Gewässer in erheblichem Maße. Reifenabrieb, Rückstände von Bremsbelägen, Abgase – all diese Stoffe sammeln sich als Staub auf dem Asphalt.

Bei heftigen Regengüssen werden so giftige Schwermetalle wie Cadmium, Nährstoffe wie Phosphor und viele weitere Schadstoffe in erheblichen Mengen in die Gewässer gespült. Der Gesetzgeber weiß das, bei neuen Straßenbauprojekten wird das auch berücksichtigt. Aber längst sind nicht alle Abschnitte wasserschützend ausgestattet. Ein Vollzugsdefizit.

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Für Joachim Drüke gibt es drei große Felder, die beackert werden müssen: „Wir müssen viele unserer kommunalen Kläranlagen ausbauen und verbessern – auch mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe. Wir müssen Eigentümer gewinnen, Flächen entlang der Gewässer für deren Renaturierung bereitzustellen. Und wir müssen uns verstärkt um die Einträge in die Gewässer aus der Landwirtschaft kümmern.“

Eines aber sei klar: Auch bis 2027 werden die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie in Nordrhein-Westfalen noch lange nicht erreicht sein. Ende März will die Landesregierung den nordrhein-westfälischen Landtag über den aktuellen Stand der WRRL-Umsetzung informieren. Stand jetzt, so heißt es aus dem Umweltministerium, zeichnet sich ab, dass allein im Bereich der Renaturierung der Gewässer jährlich mehrere 100 Einzelmaßnahmen umgesetzt werden.

Das Erreichen der Bewirtschaftungsziele in Nordrhein-Westfalen bleibe aber weiterhin eine Aufgabe, die bis 2027 und wohl auch darüber hinaus großer Anstrengungen bedürfe.

Mitarbeit: Arndt Brede, Reinhard Schmitz, Claudia Engel, Marie Ahlers
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