Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

rnSo kämpfen Städte gegen wilde Müllkippen

Durch wilde Müllkippen entstehen in NRW Kosten in Millionenhöhe. Ekel-Abfälle wie vergammelte Lebensmittel sorgen dabei für große Einsätze. Selbst Bußgelder schrecken die Nacht- und Nebelkipper nicht ab. Wir zeigen, welche Strafen den Tätern blühen und warum jeder Einzelne von uns dafür zahlen muss.

NRW

, 21.05.2018, 15:03 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das Phänomen erinnert an eine längst vergangene Praxis: Bis zum ersten Abfallwirtschaftsgesetz im Jahr 1972 wurde Hausmüll vielerorts einfach an Steilhängen und Böschungen in die Landschaft gekippt. In den 60er-Jahren gab es bundesweit rund 50.000 unkontrollierte Müllkippen. Städte kippten ihren Abfall sprichwörtlich auf die grüne Wiese. In Dörfern gab es die sogenannten „Bürgermeisterkuhlen“, in denen der Müll landete. Alles ganz legal.

Das Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ gilt längst nicht mehr für die heutige Entsorgung – wohl aber für Nacht- und Nebelkipper, die jedes Jahr tonnenweise Müll illegal in Wäldern, neben Altglascontainern, auf Parkplätzen oder an den Straßenrändern ablagern – auf Kosten der Umwelt und der Allgemeinheit. Die Schäden in NRW gehen in die Millionen. Die Kosten trägt jeder.

Extremer Anstieg von wilden Müllkippen in Dortmund

In Dortmund stieg das Jahresaufkommen wilder Müllkippen im vergangenen Jahr extrem an: Während 2016 in 2307 Fällen 346,05 Tonnen Müll beseitigt wurden, waren es im vergangenen Jahr in 3607 Fällen schon 541,05 Tonnen wild entsorgter Müll. EDG-Sprecherin Petra Hartmann relativiert die Entwicklung allerdings: „Der Anstieg von 56,4 Prozent ist begründet im neuen Erfassungssystem, das alle Ablagerungen erfasst, auch die an Depotcontainer-Standorten, die nicht nur über die Sonderdienste, sondern über die Straßenreinigung beseitigt werden.“

So hoch sind die Strafen für illegal entsorgten Müll:

Eindeutiger Trend in Werne: Wenn schon etwas liegt, wird etwas dazu geschmissen

Detlef Bruns, Leiter des Baubetriebshofes Werne, sieht auch für die Lippestadt ein großes Problem mit wilden Müllkippen. Bei der Erkennung von solchen Müllkippen sei man auch auf die Bürger angewiesen, sagt er. Müll werde oft illegal in den entferntesten Ecken entsorgt, sodass die Stadt gar nicht alle im Blick haben könne. Er sehe einen Trend, „wenn schon was daliegt, noch etwas dazuzuschmeißen“. Deswegen lege man Wert darauf, die Abfallhaufen so schnell wie möglich zu entfernen.

Auf dem Schwerter Bauhof sind die wilden Müllkippen ebenfalls ein Dauer-Ärgernis. Leiter Gerhard Krawczyk hat keine Hoffnung, dass sich daran etwas ändert. „Damit werden wir leben müssen“, sagt er. Regelmäßig finde man irgendwelche Hinterlassenschaften: „Das kommt immer wieder vor, auch wenn man alle Sperrgutannahmen umsonst macht.“

Dabei sind die Gebühren für die legale Abgabe am Wertstoffhof an der Konrad-Zuse-Straße bewusst niedrig gehalten. „2,50 Euro für den Kofferraum, 5 Euro für einen Kombi“, rechnet Krawczyk vor. Da lohnt es sich eigentlich nicht, eine Ordnungswidrigkeit zu riskieren. Die Zeche müssen alle Gebührenzahler begleichen: Der Aufwand für die Beseitigung wilder Müllkippen wird auf die Gebühren für die graue Restmülltonne aufgeschlagen.

Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

Tonneweise Lebensmittelabfälle wurden an der Schwerter Ruhrtalstraße abgekippt. © Mühlbauer

Viele Hinweise auf wilde Müllkippen in Castrop-Rauxel

In Castrop-Rauxel sind die sogenannten wilden Müllkippen ebenfalls ein großes Ärgernis. „Hinweise auf wilde Müllkippen gehen sehr häufig ein. Die genaue Anzahl können wir nicht beziffern“, sagt die EUV-Pressesprecherin Sabine Latterner. Den letzten großen Fall gab es im Januar hinter der Böschung an der Bochumer Straße in Obercastrop.

Die kaputte Rückbank eines Autos, ein alter Hochsitz, mehrere alte Matratzen und sogar eine komplette Wohnzimmerschrankwand wollte der ehemalige Besitzer wohl loswerden. Es dauerte zwei Monate, bis der Müll endlich entsorgt wurde. Denn: Wie EUV-Chef Michael Werner im Januar mitteilte, lag die wilde Müllkippe auf einem Privatgrundstück, sodass der Grundstückseigentümer aktiv werden musste.

Wohnzimmer und Badezimmer in den Lüner Wald gestellt

Auch in Lünen hat jemand in Schwansbell gleich ein komplettes Wohnzimmer entsorgt. Und das, obwohl das Wertstoffzentrum der Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft Kreis Unna (GWA) nur wenige Meter entfernt lag. Auch Jäger Ernst Overtheil merkt hier, dass immer mehr Menschen achtlos Dinge wegwerfen. „In diesen Graben schmeißen die Leute einfach alles rein“, erklärt der Jäger beim Gang durch sein Revier. „Altöl oder Sperrmüll werden immer wieder im Lebensraum der Tiere abgestellt“, bedauert er. Letztens erst hat Overtheil ein Badezimmer im Wald entdeckt, ein weißes Sofa steht noch immer da. „Das ist einfach traurig.“ Immer wieder hebt er einzelne Taschentücher auf, auch ein größeres Plastikstück sammelt er an diesem Tag ein. Insgesamt erkennen sowohl die Stadt Lünen als auch die dortige Entsorgungsgesellschaft WBL eine deutlich steigende Tendenz an wilden Müllkippen. 78 gab es allein in den ersten drei Monaten des Jahres.

Um die wilden Müllkippen zu beseitigen, planen die Städte mittlerweile mehr Geld ein, als noch vor einigen Jahren. 59.699 Euro veranschlagt die Stadt Lünen für das Jahr 2018. Das erklärte Stadtsprecherin Marie-Christin Lux. 2017 war die Summe die gleiche, in den vergangenen zehn Jahren sei sie aber deutlich gestiegen. Als Vergleichswert nennt Sprecherin Lux den Wert für 2006. Da plante die Stadt Lünen noch rund ein Drittel weniger ein: nämlich 39.374 Euro.

Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

Auch an den Kanälen in der Region liegt der Müll herum – hier ein extremes Beispiel aus Lünen. © Schmidt

Schleichende Vergiftung von Erdreich und Grundwasser

Das Umweltbewusstsein in Sachen Müll änderte sich in den 60er-Jahren. Damals fanden sich erste „Anzeichen von einer schleichenden Vergiftung von Grundwasser- und Erdreich an vielen Orten“, wie es in der Chronik zum 40-jährigen Bestehen des Umweltbundesamtes heißt. Seitdem wurde dem Müllproblem mehr Aufmerksamkeit geschenkt, Umweltstandards wurden eingeführt, Gesetze verabschiedet und nach und nach verschärft. Bereits im Jahr 1984 waren von den einst rund 50.000 Müllkippen nur noch 385 übrig.

Heute gibt es Rücknahmeverpflichtungen des Handels, Recyclinghöfe oder Errungenschaften wie eine kostenlose Sperrmüll-Abholung durch Städte und Gemeinden. Und dennoch „fühlen sich offenbar immer noch viele unserer Zeitgenossen bemüßigt, ihren Abfall einfach in die Natur zu kippen“, sagt Dirk Jansen, Geschäftsleiter beim BUND in NRW.

Umweltschädliches Kühlmittel auf den Straßen

„Die private illegale Abfallentsorgung ist kein Kavaliersdelikt“, sagt Jansen. „Wird zum Beispiel Altöl abgekippt, muss saniert, sprich ausgekoffert werden, um weitere Wasser- und Bodenverunreinigungen zu vermeiden. Auch die Säure aus Autobatterien ist gefährlich. Treten Kühlmittel aus, ist auch das umweltschädlich.“

Allein Straßen NRW kosten die Hinterlassenschaften der Umweltsünder rund sieben Millionen Euro. Jedes Jahr. „Wir haben ein Müllproblem auf den Straßen“, sagt Thomas Bruns, Betriebsdienstleiter der Straßenmeisterei Unna. Täglich sammeln die Straßenwärter auf den Bundes- und Landesstraßen des Kreises Unna Müll ein. „Windeln von Pflegediensten, Fahrräder, Automotoren, Kanister – sie finden einfach alles“, sagt er.

Die Straßenmeisterei in Unna steht exemplarisch für alle anderen: 6000 Tonnen illegal weggeworfenen Müll sammelt Straßen NRW jedes Jahr entlang der Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen sowie von den Park- und Rastplätzen Nordrhein-Westfalens.

Die Straßenwärter entsorgen jedoch nicht nur Snack- und Getränkeverpackungen, Hausmüll und ganze Wohnzimmer-Garnituren an den Autobahnen der Region, sondern auch die Körperflüssigkeiten von Lkw-Fahrern. „Die urinieren während der Fahrt in PET-Flaschen – und werfen diese dann aus dem Fenster“, sagt eine Sprecherin von Straßen NRW.

In Werne müssen die Müllkippen zum Teil mit Kränen entfernt werden

Auch beim Landesbetrieb Wald und Holz kennt man das Phänomen. Grundsätzlich sei zwar die allgemeine Vermüllung eher rückläufig, „es landen weniger Flaschen und Tüten in der Natur“, sagt Marc Messerschmidt von Wald und Holz NRW. „Zugenommen haben jedoch die Fälle, bei denen sich die Verursacher von Siedlungsmüll, Müllsäcken oder Bauschutt kurzfristig oder schnell entledigen möchten“, sagt Messerschmidt.

In Werne sei das wilde Wegwerfen gerade in den vergangenen Wochen sehr massiv geworden, sagt Detlef Bruns vom Bauhof. Ein „Riesenproblem“ gebe es etwa in Ortsteil Stockum. An einem Bolzplatz häuft sich hinter einem der Tore eine Menge Grünabfall. Außerdem sei der Baubetriebshof jede Woche am Wanderparkplatz an der B 54 am Schieferkamp unterwegs, um den Müll hier zu entfernen. Die Größe der Müllhaufen sei sehr unterschiedlich. „An dem Wanderparkplatz ist es teilweise so, dass wir mit dem Kranwagen kommen müssen“, so der Leiter des Bauhofes.

In Haltern war die Lage im Jahr 2016 besonders schlimm. Zum Start des Jahres wurden mehrere hundert abgefahrene Reifen in einem Waldstück an der Bundesstraße 58 zwischen Haltern und Lippramsdorf gefunden. Im Juni hatten Unbekannte elf große Mülltonnen voller Lebensmittelabfälle an der Ecke Granatstraße/Rekener Straße in Lavesum abgeladen.

Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

Dauerärger Altreifen: In Wäldern und auf Feldwegen werden oft in großem Stil Altreifen abgekippt, um Entsorgungskosten zu sparen.

Solche Fälle gab es damals in mehreren Städten der Region. An der Stadtgrenze zwischen Dorsten-Lembeck und Lippramsdorf wurden im September 2016 dann noch größere Mengen Fischkadaver illegal entsorgt. Zuletzt wurde im März 2018 ein anderer Fall bekannt: Mehrere Tüten prall gefüllt mit nur schwer identifizierbarem Abfall wurden direkt neben einem Kleidercontainer in Sythen abgelegt. Es könnte sich um Glaswolle oder Tierhaare gehandelt haben.

Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

Die vielen freiwilligen Helfer sammeln bei der Frühjahrs-Aktion „Sauberes Haltern“ große Mengen Abfall auf dem Stadtgebiet. © Pascal Albert


Mit dem schönen Wetter beginnt die Zeit von zugemüllten Wäldern in Selm

Erst im April sorgten in Selm illegal entsorgte Gartenabfälle im Cappenberger Wald für Ärger. „Leider beginnt mit dem schönen Wetter wieder die Zeit, wo unsere Wälder von allen Seiten zugemüllt werden, wo Gartenabfälle an vielen Stellen einfach in den Wald gekarrt werden“, sagte Elmar Berks, der Leiter der Forstwirtschaft des Grafen von Kanitz im April.

Aber: Wo kein Kläger, dort kein Richter über Umweltsünder. „Der Strafrahmen dafür ist hinreichend. Nur: Die Kontrolldichte ist so gering, dass niemand fürchten muss, erwischt zu werden“, sagt Dirk Jansen. Helfen würden nur Präzedenzfälle mit abschreckenden Bußgeldern. Aber selbst bei den größten Müllskandalen der Republik seien die Täter bislang überwiegend glimpflich davongekommen.

Kreative Lösung in Schwerte

Die Dunkelziffer ist also vermutlich hoch, die Statistik daher mit Vorsicht zu genießen: Der Kreis Unna ermittelte im vergangenen Jahr in 155 Verfahren wegen illegaler Müllablagerung und führte 107 Ordnungswidrigkeitsverfahren, die im Erfolgsfall mit einem Bußgeld enden. Ansonsten zahlt das der Bürger über Müllgebühren. Auf Privatgrundstücken trägt der Eigentümer die Kosten für die Abfallbeseitigung. Auch, wenn gegen seinen Willen Abfälle widerrechtlich abgelagert wurden.

In Schwerte ist man kreativ geworden, um die Probleme in den griff zu bekmmen. Am Ruhrtal-Radweg sind zwei „Piccobello“-Mitarbeiter mit ihrem Elektroauto ständig im Einsatz. Diese „schnelle Eingreiftruppe“ bekommt die Meldungen direkt vom städtischen Beschwerde-Management im Rathaus.

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In Olfen hatte im März der Hegering zum Müllsammeln aufgerufen. 65 Helfer machten sich daran, Wälder, Büsche und Straßengräben in Olfen von achtlos weggeworfenem Müll zu befreien. Dabei ließe sich auch ein Trend erkennen, sagte Heribert Birken, der Organisator der Aktion und Mitglied beim Hegering.

Während früher, vor Einführung des Flaschenpfandes, vor allen Dingen Getränkedosen aufgesammelt werden mussten, finden die ehrenamtlichen Müllsammler heute oft ganz andere Hinterlassenschaften. Zum Beispiel Hundekotbeutel samt Inhalt.

Schüler und Vereine sammeln Müll in Stadtlohn

Auch die Stadt Stadtlohn organisiert eine Aktion gegen Müll: An der „Aktion saubere Landschaft“ nehmen Vereine und Schulen teil. Müllsammelaktionen von Nachbarschaften außerhalb dieses Zwei-Jahres-Turnus wurden in der Vergangenheit ebenfalls durch die Stadt unterstützt.

Wilder Müll kostet Millionen - und jeder zahlt dafür

Alle zwei Jahre organisiert die Stadt Stadtlohn die „Aktion saubere Landschaft“ mit Vereinen und Schulen.

Peter Queitsch, Hauptreferent für Umweltrecht beim Städte und Gemeindebund NRW, sieht auch einen Zusammenhang zwischen den wachsenden Problemen mit wilden Müllkippen und der Größe der Müllgefäße.

„Je kleiner die Tonnen werden, desto größer wird das Problem mit wilden Müllkippen“, sagt Queitsch. So würden die gesetzlich gebotenen Anreize zur Abfallvermeidung zu einer Art Bumerang.

„Wenn nichts mehr in die Tonne passt, kommen die Leute auf krumme Ideen“, sagt Queitsch.

Mitarbeit: Carolin Rau, Wilco Ruhland, Sabine Geschwinder, Ulrike Böhm-Heffels, Kevin Kindel, Jennifer Riediger, Reinhard Schmitz, Marcel Witte, Stefan Grothues