Weltstar Cate Blanchett begeistert bei "Groß und Klein"

Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ein 15-minütiger Monolog ist nicht eben ein leichter Einstieg. Schauspielerin Cate Blanchett spricht ihn bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen so lebendig, mit solch fesselnder Präsenz, dass man gleich merkt, dass der Weltstar des Kinos ein rassiges Theater-Tier ist. Die Australieren überzeugte bei Botho Strauß' "Groß und Klein".

RECKLINGHAUSEN

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 28.05.2012, 16:55 Uhr / Lesedauer: 1 min
Cate Blanchett als Lotte ist das Kraftzentrum der Inszenierung von "Groß und Klein" bei den Ruhrfestspielen.

Cate Blanchett als Lotte ist das Kraftzentrum der Inszenierung von "Groß und Klein" bei den Ruhrfestspielen.

Am Freitag spielte die Australierin bei den Ruhrfestspielen "Groß und Klein" von Botho Strauß. Der Abend war ein Triumph sondergleichen. In erster Linie Blanchetts wegen, die die Hauptrolle der Lotte mit grandioser manischer Verzweiflung ausstattet und das Kraftzentrum des Stückes bildet. Martin Crisps englische Bearbeitung und Benedict Andrews' Inszenierung für die Sydney Theatre Company nehmen das ursprüngliche Lokalkolorit - Essen, Saarbrücken, Sylt sind Stationen -, doch als bundesrepublikanisches Gesellschafts-Panorama würde "Groß und Klein" (uraufgeführt 1978) in Sydney kaum funktionieren.Drama einer Verlorenen Also konzentriert sich alles auf Blanchetts Lotte, auf das Drama einer Verlorenen, wie es bei Strauß schon angelegt ist: Nähe sucht sie, Zuneigung und Nestwärme. Je dringlicher ihre Kontaktversuche, desto irritierter die Ablehnung durch Bekannte oder Fremde. Lotte bleibt ein Zaungast des Lebens, der aus Fetzen aufgeschnappter Gespräche Honig saugt, weil er niemanden zum Reden hat. Sie redet ohne Unterlass, aber mit sich selbst, und Blanchett trifft jeden Ton dabei. Lotte steht in permanentem Kampf zwischen Wollen und Reflektieren, ist verkapselt in lähmender Selbstbespiegelung. Diagnose: Neurose.Phänomenales Spiel In dieser Gestörten steckt der Kommunikations-Autismus unserer Zeit. Blanchetts phänomenales Spiel macht aus einer Chiffre einen atmenden Charakter. Zur Seite steht ihr ein gutes Ensemble, das gleichwohl zu Stichwortgebern verblasst. Superb die Bühne von Johannes Schütz: Kluger Minimalismus, starke Bilder. Eine Telefonzelle wie ein gläserner Schneewittchensarg. Prima auch der Hauseingang, wo Lotte abgekämpft im Flur kauert. Tieftraurig, aber auch saukomisch - dieses Bravourstück muss man gesehen haben!

Termine: 29./30./31.5., 1.6., 20 Uhr, 2.6., 13 und 18.30 Uhr; Karten: Tel. (02361) 9 21 80.