Wenn Liebesschlösser zum Problem werden

Rombergpark und Phoenix-See

Am Rombergpark, am Phoenixsee und beim BVB - an vielen Orten in Dortmund hängen Liebesschlösser an Brücken oder Zäunen. Manchmal übertreiben frisch Verliebte aber mit ihren Schlössern und oft denken nicht daran, dass die Liebe nicht immer ewig ist und sie das Schloss irgendwann vielleicht wieder entfernen wollen. Und dann werden die Schlösser zum Problem für die Emschergenossenschaft.

DORTMUND

, 21.05.2017, 03:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was aus Liebe geschieht, kann prinzipiell nichts Schlechtes sein. Aber zur Liebe, zumindest im ersten Taumel, gehört naturgemäß die Übertreibung. Auch, wenn man da nicht so weit gehen sollte wie einst der junge Werther. Der, unglücklich verliebt, wird nun für alle Zeiten der junge bleiben, da er sich entleibte und folgerichtig gar nicht erst der alte Werther werden konnte. Auch glücklich verliebte Pärchen übertreiben gerne. Davon kann mittlerweile die Emschergenossenschaft ein Lied, wenn auch kein Liebeslied singen. Schlösser, genauer gesagt Liebesschlösser, werden zunehmend zum Problem.

Wer nicht in Köln wohnt, muss den Brauch nicht kennen. Und sich folgerichtig auch keine Gedanken darüber machen, ob die eigene Liebe stabil ist. Auch wenn das Liebesschloss nicht erst seit gestern in der Welt ist, in Deutschland ist der Brauch erst seit knapp zehn Jahren verbreitet: Paare hängen Schlösser an eine Brücke, werfen den dazugehörigen Schlüssel in das darunter fließende Wasser, auf das niemand ihn je finden und das Schloss öffnen möge.

In Italien, wo auch sonst, soll der Brauch seinen Ursprung haben. In Deutschland kam er 2008 an der Hohenzollernbrücke in Köln an und verbreitete sich weiter. Nach Berlin, nach Hamburg, nach Dortmund auch, hier kann man die Schlösser zum Beispiel an der Brücke über den Teich im Rombergpark finden.

Eine Wand der Liebe beim BVB

Und, da hier von Liebe die Rede ist, darf auch die „echte Liebe“ nicht fehlen, der BVB hat seit Dezember 2013 eine Wand der Liebe – was zwar nicht ganz dem Ursprungsbrauch entspricht, für den es eine Brücke braucht, aber die Liebe zwischen zwei Menschen ist ja auch etwas anderes als die eines Fans zu seinem Verein. Und es heißt ja auch gelbe Wand und nicht gelbe Brücke.

Die Emschergenossenschaft hat Brücken im ganzen Ruhrgebiet und prinzipiell nichts gegen die Liebe – nur die Schlösser dazu, die werden zu einem Problem. Zunächst waren es nur einige Schlösser, die an einer Emscherbrücke am Phoenix-See zeigen sollten, wer sich da auf Ewigkeiten liebt – jetzt aber prangte dort ein Schloss, das einen Metallbügel in Herzform zusammenhielt. Dieses Paar habe es, findet die Genossenschaft, übertrieben, die „Nutzung des Handlaufs der Brücke wurde eingeschränkt“. Es blieb nur eine Möglichkeit: „Schweren Herzens“, sagt Ilias Abawi, Sprecher der Emschergenossenschaft, habe man es abgenommen.

Es ist nicht so, dass er oder sein Arbeitgeber kein Herz hätten, sagt Abawi. Aber sie haben, anders als die, die im frischen Sturm der Liebe stehen, gewisse Erfahrungswerte, was aus einigen Herzen werden kann.

Gewicht und Bolzenschneider werden zu Problemen

So gibt es eine Emscherkunstbrücke in Oberhausen, da waren es zu Beginn nur einige Herzen, dann wurden es mehr, zuletzt waren es über 400. Die wiegen nicht wenig, das ist das eine. Das andere ist, dass die Liebe ein Spiel ist, leicht zu beginnen und schwer zu beenden, denn das Ende tut weh. In Oberhausen explizit der Brücke.

„Als die Liebe bei einigen Pärchen beendet war, haben einige die Schlösser entfernen wollen.“ Mittel der Wahl war der Bolzenschneider, der Stahldrahtzaun der Brücke bekam im Eifer des Gefechts das Gerät ebenfalls zu spüren, der Preis der Liebe lag dann für die Emschergenossenschaft bei mehreren Hunderttausend Euro.

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Scheidungsveteranen mögen über die Summe lächeln, die Emschergenossenschaft tat das nicht, auf der Oberhausener Brücke hat es sich ausgeschlossen. Wie es übrigens auch in Berlin inzwischen verboten ist, Liebesschlösser an Brücken anzubringen. Arm, aber sexy soll Berlin ja sein. Vermutlich die Armut ist der Grund dafür, dass das Anbringen eines solchen Schlosses in der Hauptstadt als Ordnungswidrigkeit mit 35 Euro geahndet wird.

Dortmund ist zweifelsohne kein Krösus, hat aber weniger Brücken im Stadtgebiet und vielleicht deswegen ein wenig mehr Herz. Zwar sind, so Stadtsprecherin Heike Thelen, derartige Schlösser keinesfalls grundsätzlich erlaubt. „Doch da sich das Aufkommen derzeit noch im erträglichen Rahmen bewegt, werden sie bisher stillschweigend geduldet.“

Schlösser werden aus Sicherheitsgründen entfernt

Im Bedarfsfall werden sie aber entfernt, Stichwort ist hier die „Kontaktkorrosion“. Zweifelsohne ist die „Kontaktkorrosion“ ein hübsches Wort im Zusammenhang mit der Liebe. Ilias Abawi von der Emschergenossenschaft denkt aber auch eher an Brücken, wenn er es hört. Jetzt mag im Krieg und in der Liebe zwar alles erlaubt sein, aber wer so denkt, hat die Rechnung ohne das deutsche Versicherungswesen gemacht. „Wir haben eine Verkehrssicherungspflicht“, sagt Herr Abawi, „wenn wir der nicht entsprechen, können wir verklagt werden.“

Was er nicht will. Und so verfährt die Emschergenossenschaft in Zukunft wie folgt: Die Schlösser, die aktuell hängen, werden geduldet, sofern sie niemanden behindern. Von weiteren Liebesbekundungen in Schlossform indes bittet sie abzusehen. „Im Falle weiterer Übertreibungen“, so die Emschergenossenschaft, würden sämtliche Schlösser entfernt.

Wer zuerst kommt, liebt zuerst. Und wer jetzt traurig ist, seiner Liebe in der Form eines eisernen Schwurs keinen Ausdruck geben zu können, der kann sich vielleicht einmal fragen, was das für eine Liebe sein soll, die ein metallenes Schloss braucht, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Denn alte Liebe rostet so oder so nicht. Hat schon der junge Werther erfahren müssen.

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