Wenn Shopping und Smartphone zur Sucht werden

Neue Sprechstunde

Alkohol-, Nikotin- und Drogensucht sind als Krankheiten anerkannt. Bert te Wildt, Oberarzt am LWL-Uniklinikum Bochum, sieht jedoch auch Verhaltenssüchte wie Kaufsucht,Spielsucht oder Internetsucht auf dem Vormarsch. Dafür gibt es jetzt eine neue Sprechstunde.

BOCHUM

, 06.07.2016, 17:37 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Glücksspielsucht wird von der Sucht nach Online-Spielen oder Smartphone-Kommunikation abgelöst.

Die Glücksspielsucht wird von der Sucht nach Online-Spielen oder Smartphone-Kommunikation abgelöst.

„Die einzige bisher anerkannte Verhaltenssucht ist die Glücksspielsucht“, erklärt Psychotherapeut Bert te Wildt, der die Institutsambulanz in der Klinik für Psychosomomatische Medizin und Psychotherapie am Stadtpark leitet. In den USA sei man schon einen Schritt weiter, da werde in der Suchtforschung die Sucht nach Online-Spielen genauso erforscht wie Alkohol- und Nikotinsucht.

„Die Internet-Sucht zieht in der Häufigkeit ihres Auftretens mit der Glücksspielsucht gleich, ist drauf und dran sie zu überholen“, sagt der Arzt und Forscher.

Kontrollverlust

Genau wie bei den „körpernahen“ Verhaltenssüchten wie Sex- und Sportsucht, werde bei der Kauf- oder Onlinesucht das Belohnungssystem angesprochen, die Endorphinausschüttung. Problematisch wird es, wenn Menschen in einem dieser Handlungsfelder beginnen, die Kontrolle zu verlieren: Wenn sie zum Beispiel aggressiv werden, wenn der Sport, der Sex, das Shopping- oder Spiel-Erlebnis fehlt. Wenn immer Zeit dafür reserviert wird und soziale Kontakte oder die Arbeitsfähigkeit unter dem zur Sucht werdenden Verhaltensauffälligkeit leiden.

Im Konferenzraum der LWL-Klinik berichtet eine Patientin Anfang dreißig, warum sie sich entschlossen hat, die psychologische Gruppentherapie in Bochum zu besuchen. „Ich bin richtig aufgeregt, wenn ich Dinge kaufe, mein Puls geht hoch“, sagt sie. Manchmal beschäftigt sie sich stundenlang im Internet mit der Kauf-Vorbereitung: „Zuletzt habe ich lange nach Teekannen gesucht – obwohl ich gar keinen Tee trinke.“ 

Depression wird größer

Zur Kauf- und Onlinesucht dazu kommt bei ihr eine Sucht nach Online-Spielen. Das Smartphone bleibt manchmal viele Stunden in der Hand. „Die Depression, in die man nach der Handlung rutscht, wurde irgendwann immer größer“, berichtet die Patientin.

Bert te Wildt bestätigt, dass hinter einer Suchterkrankung oft eine Depression, Angsterkrankung oder ADHS liege. Die gilt es im Laufe des oft mehrstufigen Therapieprozesses zu erkennen. Die neue Sprechstunde für Verhaltenssucht ist ein sinnvoller erster Schritt.

Termin ausmachen

Neben Kaufsucht, Sport-, Sex- oder Internetsucht gibt es auch andere Verhaltensmuster, die zur Sucht führen können, zum Beispiel Arbeit („Workoholismus“) oder das Verlangen nach Haut-Bräunung. Diese Sucht-Formen sind allerdings noch umstritten.

Betroffene können sich in der Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter der Telefonnummer (0234) 5077-3333 melden, um einen Termin für die Sprechstunde zu vereinbaren.