"Wer ist die Waffe, wo ist der Feind" zeigt 1913 vor der Katastrophe

Ruhrfestspiele

Die Bühne wird dominiert von zwei Wällen. Blutrot ist ihre Farbe, es sind die Schanzen des nahenden Weltkriegs. Sie stehen auch symbolhaft für die Verwerfungen und Grabenkämpfe einer Zeit, in der das Alte mit dem Neuen ringt.

RECKLINGHAUSEN

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 24.05.2013 / Lesedauer: 3 min
"Wer ist die Waffe, wo ist der Feind" zeigt 1913 vor der Katastrophe

Hier fahren die jungen Leute in Meinhard Zangers Inszenierung noch fröhlich im Rausch der Geschwindigkeit

Das Jahr 1913, am Vorabend der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, macht gerade Furore. Im Roman von Christian Kracht ("Imperium"), in Florian Illies' Panorama-Mosaik "1913".

Und jetzt im Theater, in Oliver Bukowskis "Wer ist die Waffe, wo ist der Feind", am Donnerstag uraufgeführt. - Ein Auftragswerk der Ruhrfestspiele, realisiert vom Wolfgang Borchert Theater aus Münster unter Regisseur Meinhard Zanger. In Münster feiert die Inszenierung am 3. Oktober Premiere.

Zwei Stunden über "Aufbruch und Utopie", in diesem Jahr das Motto in Recklinghausen. Bukowski hat die Epoche beflissen recherchiert, mehr in die Breite als in die Tiefe. Sein Personal umfasst nur fünf Figuren, anhand derer er einen Riesenkatalog von Themen beackert.

Rucksack voller Ideen

Alles drin: Ideengeschichte, Kunsthistorie, Zeitläufte. Untertanengeist kontra Revolution. Expressionismus wider den Biedersinn in Wort und Bild. Frauen, die gegen die Männer rebellieren. Dem Kolonialismus liest Bukowski auch noch die Leviten. Da rauscht vieles vorbei - Bebel, Luxemburg, Trakl, Wedekind, Nietzsche, Klimt, Einstein, Freud. Das sind längst nicht alle beim großen Namens-Appell.Jede Figur für ein Prinzip

Fünf Figuren. Thea, die Gerechtigkeits-Fanatikerin (Mara S. P. Stroot). Ihr Bruder Klaus (Florian Bender), ein Mitläufer. Deren Vater (Jürgen Lorenzen), Preuße und Großbürger. Karl (Sven Heiß), Künstler, Freidenker, Skeptiker. Wilhelm (Emanuel Fleischhacker), Chauffeur und Proletarier. Jeder steht für ein Prinzip, trägt einen Rucksack voller Ideen mit sich herum.

Dass die Figuren nicht alle als Chiffren und Ideen-Trompeter stagnieren, ist die eigentliche Überraschung des Abends und die Leistung von Darstellern und Regie. Stroot und Lorenzen formen trotz des funktionalen Korsetts der Rollen atmende Charaktere, die anderen können nicht ganz mithalten.

Im Stahlgewitter

Egal, in welchem Lager sie auch stehen. Dem Krieg als reinigendem "Stahlgewitter" ziehen sie freudig entgegen, diese tragischen Narren. Auch wenn Bukowski dem Personal zu viel aufbuckelt - er punktet mit geschliffenen Dialogen, lässt sogar Komik anklingen und vermittelt eine Ahnung vom Geist einer Zeit, die vom Schrecklichen ins noch Schrecklichere stolpert. Das ist nicht wenig.