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Ex-Mitarbeiterinnen berichten von katastrophalen Bedingungen

Versandhandel Amazon

Gerüchte über die Arbeitsbedingungen bei Amazon in Werne gibt es viele. Doch bisher war wenig Zitierfähiges dabei - wer meist in Internetforen groß aufspielte, gab sich bei konkreter Nachfrage schnell kleinlaut. Bis jetzt.

WERNE

von Von Daniel Claeßen

, 10.03.2012
Ex-Mitarbeiterinnen berichten von katastrophalen Bedingungen

Der Internetversandhandel Amazon steht stark in der Kritik, wenn es um Arbeitsbedingungen geht.

Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen haben sich an die Redaktion gewandt und über ihre Zeit beim Online-Versandhändler erzählt. Ihre Namen möchten auch sie nicht in der Zeitung lesen - doch sie stehen zu dem, was sie sagen.

Und das hat es in sich. "Laut Arbeitsvertrag mussten wir 150 Pakete pro Stunde verpacken", berichten sie. Dabei sei es nicht von Interesse gewesen, ob es 150 Bücher, 150 CDs oder 150 Staubsauger waren. "Gibt es einmal Stillstand, kommen sofort die ,Supervisors' mit ihrem Laptop und fragen, warum man sich ausruht."Krank zur Arbeit aus Angst vor Kündigung

Gleichzeitig habe es geheißen, dass "doch auch 200 Pakete zu schaffen seien". So werde ein immenser Druck aufgebaut. "Da war zum Beispiel eine Kollegin, die am Packtisch zusammengebrochen ist, weil sie eine schwere Grippe hatte. Sie ging aber trotzdem zur Arbeit, weil sie Angst hatte, sonst ihren Job zu verlieren."

Offenbar nicht ohne Grund: Als man unserer Informantin erklärte, dass sie keinen neuen Vertrag erhält, lautete eine Begründung, dass sie wegen einer Operation zu oft im Krankenhaus gewesen sei. "Andere Leute, die bis zu sieben Monate im Jahr einen Krankenschein hatten, sind im Gegenzug entfristet worden", so die Ex-Mitarbeiterin. "Obwohl sie deutlich weniger Erfahrung hatten."Überstunden wurden nicht bezahlt

Der Stundenlohn habe zu Beginn des Vertrags 9,10 Euro betragen, später 11 Euro. "Insgesamt kam man monatlich auf 1600 bis 1800 Euro brutto. Allerdings musste ich auch vom 7. bis zum 24. Dezember durcharbeiten - ohne freien Tag." Es sei auch vorgekommen, dass man trotz Urlaubs zur Arbeit abkommandiert wurde. "Hat man auf den freien Tag bestanden, sollte man dafür zwei Tage am Wochenende arbeiten." Überstunden wurden nicht bezahlt - wohl aber hätten beide nach ihrem Ausscheiden bei Amazon die verbleibenden Urlaubstage ausgezahlt bekommen. "Auch Arbeitszeugnisse hat man uns ausgestellt." Das Gelände verlassen konnten die beiden allerdings nur in Begleitung: "Das Amazonlager ist wie eine Justizvollzugsanstalt: Die Wachleute haben uns bis zum Tor begleitet."

Die Tatsache, dass ihr Vertrag nicht verlängert wurden, führen eine der beiden ehemaligen Amazonen auf ihren Charakter zurück: "Klar, ich habe im Gegensatz zu manchen Kollegen auch mal den Mund aufgemacht und mich beschwert."

Stellungnahme von Amazon

PR-Managerin Ulrike Stöcker äußert sich auf Anfrage der Ruhr Nachrichten zu den Aussagen der Mitarbeiterinnen wie folgt:  "Die Behauptung einer angeblichen Paketvorgabe ist unzutreffend und entbehrt jeglicher Grundlage. Derartige Vorgaben sind in den Arbeitsverträgen unserer Mitarbeiter nicht enthalten. Sie sind zudem überhaupt nicht denkbar, da das Amazon Sortiment von Kleinartikeln wie CDs bis hin zu großen Elektroartikeln wie Waschmaschinen reicht. Selbstverständlich erfolgt auch die Erstellung der Schichtpläne für unsere Mitarbeiter im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen. Sowohl bei Sonntagsarbeit als auch bei der Leistung von Überstunden wird darauf geachtet, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit nicht überschritten wird und die erforderlichen Ruhezeiten gewährt werden."  "Wir freuen uns, dass wir nach dem Jahreswechsel 2011 alleine in unserem Logistikzentrum in Werne mehrere Hunderte Mitarbeiter in langfristige Anstellung übernehmen konnten. Amazons Ziel ist es, Kundenwünsche zu erfüllen und Kundenerwartungen zu übertreffen. Daran arbeiten alle Mitarbeiter, und gerade unsere Kollegen in den Logistikzentren spielen hier eine wichtige Rolle. Am Spitzentag 2011 wurden über 2,8 Millionen Artikel über Amazon.de bestellt - Voraussetzung dafür, dass auch bei einem solchen Volumen alle bestellten Artikel ihre Empfänger rechtzeitig erreichen, sind eine sorgfältige Planung und die Unterstützung durch engagierte Mitarbeiter. Daher ist eines der Kriterien für eine Übernahme beispielsweise Qualität. Die Dauer der Betriebszugehörigkeit hat keinen Einfluss auf die Entscheidung."

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