Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Wie ein Werner Flüchtlingen beim Arztbesuch hilft

Übersetzungshilfe online

Wo es wehtut, kann ein Flüchtling ohne Sprachkenntnisse noch zeigen. Bei Vorerkrankungen oder psychischen Problemen stehen Ärzte aber meist vor einem Problem. Abhilfe soll ein Modellprojekt schaffen. Wir haben es in einer Arztpraxis in Werne testen lassen. Das Urteil aller Beteiligten ist einstimmig.

WERNE

, 15.01.2016

12.30 Uhr am Mittwochmittag in der Praxis Jakubke mitten in der Werner Fußgängerzone: Als sich die Tür öffnet und Patient Srdan Djordzevic eintritt, spielt sich eine Szene ab, die Allgemeinmediziner Thorsten Jakubke (57) an diesem Vormittag schon drei Mal erlebt hat.

„Ein Patient versucht mir seine Beschwerden zu schildern, ich versuche ihn zu verstehen – und beides klappt nicht.“ Weil er die Sprache der erkrankten Asylbewerber nicht spricht, die noch kein Deutsch können und oft auch keine andere Fremdsprache. „Dann steht man auf dem Schlauch.“

Und sitzt kurz danach vorm Rechner: „Google-Translator ist die einzige Chance, irgendetwas herauszubekommen“, sagt der Arzt. Dass der ältere Mann aus Albanien, der ihn am Morgen besucht hatte, an Zucker leidet, habe er so erfahren. Aber manchmal weiß auch das Übersetzungsprogramm nicht weiter, wie Jakubke weiß.

Welche Schwierigkeiten blumige Sprache mit sich bringt

Und wie Manfred Kindler, Vorsitzender des bundesweiten Netzwerks Krankenhaus-Kommuniations-Centrum (kkc), bestätigt. Der 64-jährige Werner, der selbst Patient bei Jakubke ist, führt ein Beispiel an. Wenn eine türkische Patientin ihre Beschwerden in die Übersetzungsmaschine tippe, spucke Google Dolmetscher folgende Übersetzung aus: „Ein kalter Wind weht mir in den Knochen. Ich habe den Kopf gegessen. Mir brennt die Leber.“ Gehört die Frau zum Orthopäden? Hat sie vielleicht ein Alkoholproblem?

Kindler lacht. Die Patientin habe in blumiger Sprache lediglich sagen wollen: „Ich habe beißende Schmerzen. Langsam drehe ich durch. Das macht mich ganz traurig.“  Das zeige deutlich die Grenzen einer automatisierten Übersetzung. „Ohne Dolmetscher geht es eben nicht.“ 

Die Technik steht - doch ein Problem bleibt

Die müssten aber ganz schnell – am besten innerhalb weniger Minuten – verfügbar sein.  Zum Beispiel in diesem Moment, als  Srdan Djordzevic in Jakubkes Behandlungsstuhl Platz nimmt. Kindler lächelt: „Genau das haben wir organisiert“: Videodolmetschen und Telefon-Dolmetschen auf 65 verschiedenen Sprachen und zusätzlich noch zahllosen Dialekten.

Bundesärztekammer und Bundespsychotherapeutenkammer haben den im August 2015 entwickelten neuen Service bereits zum Modellprojekt erhoben. Die zuständigen Ministerien sind informiert. Mehrere Kliniken – darunter das Clemenshospital in Münster und die Uniklinik Köln - nutzen ihn schon. „Technisch ist das alles kein Problem, nur die Frage der Finanzierung ist noch offen.“ Eine zentrale Lösung soll her, sagt Kindler. Nächste Woche sei er deshalb wieder in Berlin. 

Serbokroatisch über Telefon und Internet

Zurück zu Srdan Djordzevic, der blass im Behandlungsstuhl sitzt. Erst gestikuliert er: Kopf, Schulter, Bein. Dann zuckt er nur noch mit den Schultern. „Verstehe nicht.“ Thorsten Jakubke auch nicht.  Einen Augenblick später hellen sich die Mienen auf – dank einer Dometscherin am Telefon, die sich als Dubravka vorstellt, Dolmetscherin für Serbokroatisch, der Muttersprache des Patienten. Nach wenigen Sätzen weiß der Arzt, wo die Probleme sind. Einige Augenblicke später weiß der Patient, wie er behandelt werden soll: erst röntgen, „dann sehen wir weiter“. 

Das Ganze wiederholen Arzt und Patient wenig später – nicht per Telefon, sondern vorm Monitor. Dieses Mal ist eine blonde Dolmetscherin zugeschaltet: „Atidja“ stellt sie sich vor.  Sie hat Blickkontakt mit dem Patienten – und übersetzt alles genauso. 

Der 38-jährige Serbe und sein Arzt sind zufrieden: „Wir haben jetzt beide Sicherheit“, sagt Jakubke und nickt seinem Gegenüber zu. Der lächelt – trotz der Schmerzen. Endlich habe er sich klar verständlich machen können.

12:45 Uhr: Der Patient verlässt immer noch unter Schmerzen die Praxis – aber mit einem deutlich besseren Gefühl als bei der Ankunft. Das hat auch Jakubke – nicht nur, weil er helfen konnte, „sondern weil die Behandlung mit Hilfe des Google-Übersetzungsprogramms viel, viel länger gedauert hätte.“ 

So finden die Beteiligten das Projekt:

Das sagt der Arzt, Thorsten Jakubke, Allgemeinmediziner in Werne: „Das neue Angebot erleichtert meine Arbeit gewaltig. Es spart auch extrem viel Zeit und gibt Sicherheit. Diese Dolmetscherhilfe sollte ein Standardangebot werden.“

Das sagt der Patient Srdan Djordzevi, Flüchtling aus Serbien, mit Hilfe eines Übersetzers: „Ich bin noch nicht lange genug in Deutschland, um die Sprache gut zu sprechen. Gerade die medizinischen Ausdrücke sind schwierig. Das Videodolmetschen ist eine tolle Hilfe. Jetzt weiß ich, dass der Arzt verstand, was ich ihm erklären wollte.“

Das sagt der Vertreter der Flüchtlingshilfe, Dr. Hermann Steiger, selbst Arzt und Initiator der Flüchtlingshilfe Werne: „Durch den Dolmetscherservice hat auch der Patient Sicherheit, dass er vom Doktor richtig verstanden wurde, und er weiß, was mit ihm gemacht wird. Das ist für den Behandlungserfolg wichtig.“ 

Das sagt ein Dolmetscher, Stefan Salic: „Die beiden Kolleginnen haben super übersetzt. Ich helfe gerne beim Übersetzen. Meiner Meinung ist es auch wichtig, den kulturellen Hintergrund und die Geschichte des jeweiligen Flüchtlings etwas zu kennen. Leider gibt es längst nicht genug Dolmetscher. Das neue Programm kann ich daher nur begrüßen.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt