Wie der Mindestlohn Theater knebelt

8,50 Euro die Stunde

Wenn es ein Thema gibt, das Geschäftsführern in der deutschen Kulturlandschaft die Schweißperlen auf die Stirn treibt, dann ist es das liebe Geld. Gekürzte Subventionen sind da so ein Schweißtreiber. Die Einführung des Mindestlohns am 1. Januar 2015 scheint dagegen nicht das größte Problem zu sein - behaupten zumindest die Theater in der Region. Doch es gibt Verlierer.

DORTMUND

, 08.05.2015, 17:28 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie der Mindestlohn Theater knebelt

Immer seltener und kürzer können Praktikanten an Theatern im Ruhrgebiet mitwirken. Der Mindestlohn mach ihr Engagement über drei Monate hinaus zu teuer.

8,50 Euro pro Stunde, das haben die meisten Theater-Angestellten im Ruhrgebiet bereits vor der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns Anfang dieses Jahres verdient. Die Mindestgage nach Tarifvertrag in Höhe von 1650 Euro liegt über dem gesetzlichen Mindestlohn - vorausgesetzt, die Wochenarbeitszeit bleibt in einem akzeptablen Maße. Sprich: nicht mehr als 47 Stunden pro Woche.

Problem liegt woanders

Jürgen Hennemann, Verwaltungsdirektor am Theater Oberhausen, ist mit der Zahl 8,50 bestens vertraut. An seinem Theater sei "schon immer Mindestlohn bezahlt worden". Das Problem, so Hennemann, liege nicht bei den Angestellten, sondern bei den Praktikanten.

Seit dem 1. Januar 2015 bekommen auch sie den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, sofern ihr Praktikum länger als drei Monate dauert und außerhalb einer Ausbildung stattfindet. Viele kommunale Theater in der Region können sich das angesichts klammer Kassen nicht mehr leisten - selbst wenn sie es wollten. "Das tut mir vor allem für diejenigen Leid, die sich mit einem Praktikum im Theaterbetrieb orientieren wollen", gibt Jörg Stephan zu.

Finanzielle Belastung

Stephan ist Personalleiter im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. Praktika, die länger als drei Monate dauern, würden dort nicht mehr vergeben. Ähnlich ergeht es Praktikanten am Theater Dortmund. "Es können weniger Praktikums- oder Hospitanzstellen angeboten werden, weil diese die Theater finanziell zusätzlich belasten", sagt Bettina Pesch, geschäftsführende Direktorin. Dabei sind es gerade Praktika, vor allem die länger als drei Monate dauernden, die Orientierung ermöglichen. Einerseits bieten sie den Praktikanten die Chance, einen profunden Blick in den Theateralltag zu werfen, andererseits können die Theater die möglichen Mitarbeiter von Morgen genau unter die Lupe nehmen.

Stephan bezeichnet das Verhältnis als eine "Win-Win-Situation" - beide Seiten gewinnen. Vor allem junge Dramaturgen oder Regisseure rutschen nach ihrer Ausbildung über den Weg des Praktikums in ihren Wunschberuf.

Aus einem Gesetz, das sich für vor allem für Praktikanten zu einem Vorteil entwickeln sollte, hat sich die Einführung des Mindestlohns somit zumindest für Praktikanten in den Theatern und Opernhäuserin in der Region als Nachteil herausgestellt.

Bühnenverein fordert Ausnahmen

Der Deutsche Bühnenverein als Bundesverband deutscher Theater und Orchester fordert bereits seit Mitte letzten Jahres weitere Ausnahmeregelungen für Praktikanten vom Mindestlohn. Bislang ohne Erfolg.

Ein Betrieb, der den Mindestlohn für Praktikanten zahlt und sie auch für länger als nur drei Monate beschäftigt, ist das Schauspielhaus in Bochum. Dessen Kaufmännischer Direktor, Matthias Nowicki, bezeichnet den Mindestlohn zwar als notwendig, kompensiert die Mehrausgaben für Praktikanten allerdings mit einem simplen Trick. Während er die gesetzlich vorgeschriebenen 8,50 Euro pro Stunde zahlt, kürzt er gleichzeitig die Stundenkontingente der Praktikanten. Unter dem Strich bleibt derselbe Lohn wie vor der Einführung des erhöhten Stundenlohns. Immerhin: Praktikanten erhalten in Bochum die Chance, länger als nur drei Monate in den Theaterbetrieb zu schauen, was in vielen anderen Häusern in der Region inzwischen abgeschafft wurde.

Freie Schauspieler

Und was ist mit der Gruppe der freien Schauspieler, also Ensemble-Mitgliedern, die nicht fest angestellt und sozialversichert sind, stattdessen Gagen für Proben und Aufführungen bekommen? Dass viele von ihnen in prekären Verhältnissen leben müssen, wird die Einführung des Mindestlohns nicht verhindern. Zu gering sind die Gagen derzeit, von Mindestlohn kann da nicht die Rede sein. Doch zumindest als Argument in Verhandlungen fairer Künstlergagen kann der Mindestlohn als Vergleichsmachstab dienen.

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