Wie die Polizei Täter unter Opfern suchte

Film "Kuaför aus der Keupstraße"

Auf der Bühne hat die Mordserie des NSU zu Stücken wie "Schmerzliche Heimat" oder Elfriede Jelineks "Das schweigende Mädchen" geführt. Im Kino läuft nun "Der Kuaför aus der Keupstraße", eine Doku von Andreas Maus, die die Ermittlungen nach dem Anschlag vom 9. Juni 2004 in Köln beleuchtet.

04.03.2016, 15:06 Uhr / Lesedauer: 1 min
Wie die Polizei Täter unter Opfern suchte

Taner Sahintürk in einer Verhör-Szene aus dem Film „Der Kuaför aus der Keupstraße“.

Jemand deponierte eine Bombe vor Özcan Yildirims Friseursalon in der Keupstraße. Es gibt Bilder einer Überwachungskamera, die zeigen, wie ein Mann ein Fahrrad mit Koffer schiebt. In ihm sind hunderte Nägel, die ein Blutbad mit 17 Verletzten anrichten. Wie hat die Polizei gearbeitet auf der Suche nach dem Täter?

Sture Eindimensionalität

Der Friseur sagt, man habe ihn noch am Tatort gefragt, ob sein Laden versichert sei? Ein Versicherungsbetrug? Der Film bringt O-Töne aus den Nachrichten von damals: Fremdenhass als Tatmotiv ausgeschlossen, die Spur führe ins kriminelle Milieu. In diese Richtung hat die Polizei stur ermittelt.

Aus Opfern wurden Verdächtige, die man observierte, mit V-Leuten ausspionierte und stundenlang verhörte. In einer traurigen Mischung aus Unterstellung, Verbohrtheit, Betriebsblindheit wurden Familienväter in Nähe zu Mafia und Rotlicht gerückt.

Im Zentrum der Hexenjagd

Auf den Mordversuch des NSU folgte der Rufmord durch die Ermittler. In diesem Film kommen Betroffene selbst zu Wort, Friseur, Bäcker, Juwelier, die Frau vom Modegeschäft. Sie standen im Zentrum einer Hexenjagd, wurden in den Dreck gezogen, ihr seelisches Befinden kümmerte niemanden.

"Der Kuaför" ist eine beschämende (deshalb wichtige) Lektion über Dünkel, Schuld und Arroganz. Sieben Jahre haltloser Kriminalisierung hinterließen Spuren, die mit Entschuldigungs-Gesten und Politikerbesuchen nicht zu tilgen sind. Dass nicht alle in der Keupstraße restlos verbittert sind, ist das Tröstliche an einer ansonsten trostlosen Geschichte. Sehenswert.