Wie ein Tier die Menschen erlebt

"Die Verwandlung" in Oberhausen

Was für ein Schrecken für die Familie, dass Gregor Samsa in Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" zum Ungeziefer mutiert. Aber wie nimmt eigentlich Gregor die für ihn veränderte Umgebung wahr? Das interessiert Andriy Zholdak bei seiner am Freitag herausgekommenen Inszenierung am Theater Oberhausen.

OBERHAUSEN

, 26.10.2014, 13:30 Uhr / Lesedauer: 1 min
Trotz Kunstnase der einzig »Unverwandelte«: Moritz Peschke als Gregor Samsa.

Trotz Kunstnase der einzig »Unverwandelte«: Moritz Peschke als Gregor Samsa.

So dürfen sich die Darsteller zu skurrilen Figuren mit großen Nasen, langen Bärten und falschen Zähnen entstellen. Komplettiert wird die mutmaßliche Insektenperspektive durch verstärkte Geräusche und asynchrone Videobilder der Charaktere.

Gregor-Darsteller Moritz Peschke, der teilweise eine große Ameise mit sich führt, agiert trotz permanenter Video-Observation ruhig und souverän, auch ist er ein brillanter Rezitator des Kafka-Texts. Damit aber nicht der Eindruck einer Theaterlesung aufkommt, werden einzelne Passagen nachgespielt, in Slapstick-Manier. Da schlurft dann etwa der Vater (Michael Witte) als krummer Tattergreis à la Opa Hoppenstedt bei Loriot durch die Szene und fällt schließlich mit dem Hackebeilchen über das brave Dienstmädchen (Nola Friedrich) her. Oder die drei als ältere Juden gezeichneten Untermieter (Klaus Zwick und - als zwei von ihnen - Henry Meyer) treten mit gezücktem Revolver ihren Rückzug an.Viel Leerlauf

Unfreiwillig komisch wird’s, als Gregor sein Smartphone(!) zückt, um die Nachricht "Hab verschlafen" zu schreiben: Auf der Videoleinwand ist zu sehen, dass das Display statt der morgendlichen Stunde die Realzeit 19.48 Uhr anzeigt. Und als er die Nachricht dann abschicken will, erscheint: "Keine Netzverbindung". Daneben gibt es leider schrecklich viel Leerlauf, sodass der Abend letztlich wie das Gregor-Tier qualvolle zweieinhalb pausenlose Stunden dahinsiecht.

Wie nachträglich draufgepappt kommt der Schluss daher: Zu den Klängen der Händel-Arie "Ombra mai fu" mimt ein Schauspieler in Nazi-Uniform den singenden Kontratenor, und wir lesen, dass die Schwestern Kafkas in NS-Vernichtungslagern ermordet wurden.

Fazit: Nach Zholdaks gelungenen Roman-Adaptionen von Henry Millers "Sexus" und Dostojewskis "Idiot" ist seine Oberhausener "Verwandlung" eher ein Flop. Da nehme man lieber das Buch zur Hand oder schaue sich die bühnenwirksamere Fassung im Theater an der Ruhr in Mülheim an.

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Termine in Oberhausen: 5./7./16./17.11.; Karten: Tel. (0208)85781 84; Termine in Mülheim: 18. (ausverkauft) und 19.11.; Karten: Tel. (0208) 5990188.

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