Wie Geldautomaten-Sprenger aus den Niederlanden die Polizei beschäftigen

Kriminalität

Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen in NRW nimmt drastisch zu. Die Täter stammen meist aus den Niederlanden. Dort sagt ein Experte: Die Behörden wälzen das Problem auf Deutschland ab.

Tilburg/Düsseldorf

01.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schwer beschädigt ist ein Geldautomat nach einer Sprengung an einem Autohof. Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen in Nordrhein-Westfalen nimmt drastisch zu.

Schwer beschädigt ist ein Geldautomat nach einer Sprengung an einem Autohof. Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen in Nordrhein-Westfalen nimmt drastisch zu. © picture alliance/dpa

Für Niederländer sind es „Plofkrakers“. Wörtlich übersetzt: Knallknacker. So heißen die Gangster, die Geldautomaten sprengen. Sie stammen meist aus den Niederlanden, schlagen in letzter Zeit aber vor allem in Nordrhein-Westfalen zu. Dort hat sich die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen in diesem Jahr schon mehr als verdoppelt.

Der Kriminologe Cyrille Fijnaut macht dafür die niederländische Polizei mitverantwortlich. „Es wundert mich, dass der niederländische Justizminister von Deutschland noch nicht einbestellt worden ist“, sagt der emeritierte Professor aus Tilburg der Deutschen Presse-Agentur.

„Hier wird oft gesagt, die Polizei habe erfolgreich gearbeitet, weil die Zahl der Automatensprengungen bei uns abgenommen hat. Ich sage: Das ist kein Erfolg, das ist ein Drama! Das Problem wird auf Deutschland abgewälzt. Ich möchte mal wissen, was im umgekehrten Fall los wäre. Da stünde unsere Regierung schon längst bei Merkel in Berlin auf der Matte.“

Brennpunkt Amsterdam/Utrecht

Fijnaut (74) ist seit Jahrzehnten auf die Erforschung von Überfällen spezialisiert. Mehrfach wurde er von der Regierung in Untersuchungskommissionen berufen, etwa 2002 nach der Ermordung des Rechtspopulisten Pim Fortuyn. 2016 erarbeitete er im Auftrag der Behörden eine Studie mit Handlungsempfehlungen.

Die Automaten-Sprenger kommen zu einem großen Teil aus der Region Amsterdam/Utrecht. „Das ist zum einen ein sehr reiches Gebiet, wo seit jeher viel zu holen ist, und zum anderen gibt es vor allem in Amsterdam seit langem gewachsene Strukturen der organisierten Kriminalität“, sagt Fijnaut. „Man hat da quasi eine Lehrschule. Andere schließen sich dann an, um am Erfolg teilzuhaben. Das ist ähnlich wie in der Wirtschaft.“

Eine Automaten-Sprengung werde professionell vorbereitet und ausgeführt. Beteiligt seien Spezialisten etwa für den Bau von Sprengsätzen, für Waffen und Autodiebstahl. „Es sind weniger einzelne Banden, es sind Cluster, die sich immer wieder neu zusammensetzen.“ Man müsse sich ein loses Netzwerk von schätzungsweise 200 bis 400 Personen vorstellen, meist jungen Männern mit marokkanischen Wurzeln.

Polizei soll entschiedener reagieren

Statt etwa im Supermarkt zu arbeiten, ließen sie sich von Verwandten oder Freunden in die organisierte Kriminalität einschleusen. „Das hat viel mehr Prestige“, sagt Fijnaut. Eine seiner Empfehlungen lautet deshalb, dass jungen Männern in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil bessere Perspektiven geboten werden müssten. „Solange diese jungen Männer erfolgreiche kriminelle Vorbilder vor der Nase haben, ist das allerdings sehr schwer.“

Seine Hauptforderung ist deshalb, dass die niederländische Polizei viel entschiedener und koordinierter gegen die Kriminellen auftreten müsse. Stattdessen werde das Problem privatisiert: Die Banken sollen sich selber schützen - was sie auch getan haben. So verfügen viele Automaten in den Niederlanden über Systeme, bei denen die Geldscheine im Fall von Sprengungen mit Tinte, Farbe oder Leim beschmiert und dadurch unbrauchbar gemacht werden. Scheine, die nur kleine Tintenspritzer abbekommen, könnten die Polizei wiederum über DNA-Spuren zu den Tätern führen.

Fijnaut spricht von einem „Rüstungswettlauf“ zwischen Tätern und Banken. Die immer bessere Absicherung führt zu immer schwereren Explosionen - und eben zu einer Verlagerung ins benachbarte Deutschland.

Banküberfälle als Karrieresprungbrett

Die Niederländer dürften aber nicht glauben, dass eine immer bessere Sicherung der Banken die Lösung des Problems sei, warnt Fijnaut. „Dann werden eben wieder mehr konventionelle Banküberfälle verübt.“ Das einzig wirksame Mittel sei, gegen die Täter vorzugehen. „Ich finde es auch nicht fair, den Banken zu sagen: „Helft euch selbst!“ Natürlich müssen sie sich schützen, klar. Aber man kann sich schwer gegen riesige Explosionen wappnen. Die Polizei darf dem Opfer nicht die Schuld zuschieben.“

Banküberfälle hätten unter Profi-Gangstern ein hohes Prestige, erläutert Fijnaut. „Wer das hinbekommt und sich nicht erwischen lässt, der stellt etwas dar.“ Deshalb seien solche Sprengungen oft das Sprungbrett für eine Karriere im Drogenhandel, wo man dann richtig viel Geld machen könne. Man müsse sich das wie ein Empfehlungsschreiben vorstellen, sagt der Experte. „Mit Überfällen beweist man sich, man macht auf sich aufmerksam und zeigt, dass man imstande ist, Gewalt einzusetzen. Der Staat darf das unter keinen Umständen tolerieren, sonst verstärkt sich das immer weiter.“

Staatsanwaltschaft plädiert für höhere Strafen

Die niederländische Regierung bestreitet, dass im Kampf gegen die Automaten-Sprenger zu wenig getan werde. „Polizei und Staatsanwaltschaft setzen unvermindert auf das Aufspüren und die Verfolgung von mutmaßlichen Geldautomaten-Sprengern“, versichert Julia Rademaker, Sprecherin von Justizminister Ferd Grapperhaus. Dabei arbeite die Polizei sowohl mit Spezialistenteams als auch mit einem landesweiten forensischen Koordinierungsteam.

Die Staatsanwaltschaft habe sich ebenfalls spezialisiert und plädiere durchweg auf höhere Strafen. Die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern Deutschland und Belgien solle noch weiter ausgebaut werden.

RND