Wie stemmen NRWs Schulen den Schülerboom?

Interview

Jahrelang gingen die Schülerzahlen zurück, jetzt prophezeiht eine aktuelle Studie geradezu einen Schüler-Boom. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit NRWs Schulen das stemmen können? Und wie viel Geld benötigen sie? Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, gibt seine Einschätzungen im Interview.

Berlin

von Rasmus Buchsteiner

, 13.07.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Können NRWs Schulen den prophezeiten Schülerboom stemmen?

Können NRWs Schulen den prophezeiten Schülerboom stemmen?

Herr Meidinger, die Bertelsmann-Stiftung prophezeit nach Jahren mit rückläufigen Zahlen einen Schüler-Boom. Haben die Kultusminister die Entwicklung unterschätzt?

Im Nachhinein kann man immer leicht sagen, dass man etwas falsch eingeschätzt hat. Fakt ist: Die offizielle Prognose der Kultusministerkonferenz ist veraltet. Als die Zahlen erhoben worden sind, waren gewisse Entwicklungen noch nicht absehbar. Gründe für die Zunahme bei den Schülerzahlen sind verstärkte Zuwanderung durch Flüchtlinge und die gestiegenen Geburtenzahlen. Und wir wissen auch, dass die Ballungsgebiete in Deutschland immer attraktiver werden. Allein in München fehlen mittlerweile sechs bis acht zusätzliche Gymnasien. Berlin hat bei den Schulen einen Investitionsrückstand von einer Milliarde Euro.

 

Wie werden sich die steigenden Zahlen in den nächsten Jahren konkret auswirken?

Die Auswirkungen werden erheblich sein. Wir werden deutlich mehr Schulen, Klassen und Lehrer benötigen als bislang in den Planungen der Länder vorgesehen. Das wird ein großer Kraftakt!

 

Die Länder sind darauf nicht oder kaum vorbereitet, oder?

Man ist in den Ländern eigentlich von einer demografischen Rendite in den nächsten Jahren ausgegangen. Durch sinkende Schülerzahlen sollten Lehrerstellen eingespart werden, um die Mittel zum Beispiel in die Hochschulen zu investieren. Das war unter anderem in Bayern und in Baden-Württemberg der Fall. Man muss jetzt die Notbremse ziehen.

Alle Pläne für Stellenabbau müssen jetzt sofort zurückgenommen werden. Auf Deutschland kommt nun ein neuer Schülerberg zu. In den Achtzigerjahren ist in einer vergleichbaren Situation mit Notlösungen gearbeitet worden. Damals gab es auf Rat von Unternehmensberatungen wie Kienbaum Einsparungen, die zu schlechterer Bildungsqualität und größeren Klassen und Kursen geführt haben.

 

Was schlagen Sie vor?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Vorhersagen der Bertelsmann-Stiftung zutreffen. Es muss alles getan werden, um eine Verschlechterung der Bildungsqualität durch Sparmaßnahmen zu verhindern. Wir brauchen massiv zusätzliche Ressourcen im Bildungsbereich.

 

Wieviel Geld muss aus Ihrer Sicht investiert werden?

Eine Lehrer-Planstelle kostet einschließlich der Rückstellungen für Pensionskosten rund 70.000 bis 90.000 Euro. Laut Bertelsmann-Stiftung werden bis 2030 rund 43.000 Vollzeit-Lehrkräfte zusätzlich benötigt. Darüber hinaus müssen zahlreiche Schulen saniert  oder neu gebaut werden. Die Schätzungen für den Finanzbedarf liegen bei rund fünf Milliarden Euro jährlich zusätzlich. Das halte ich für realistisch.

 

Erwarten Sie, dass sich auch der Bund finanziell engagiert?

Ohne Unterstützung des Bundes werden es einige Länder nicht schaffen, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Ich bin für den Bildungsföderalismus, man sollte das Kooperationsverbot aber nicht so strikt auslegen wie in der Vergangenheit.