Wiener Philharmoniker zwischen Triumph und Ohnmacht

Philharmonie Essen

Tschaikowskis Violinkonzert - unspielbar? Schon lange nicht mehr. Joshua Bell hatte es sogar schon mit 14 drauf. Die große Vertrautheit merkte man dem 49-jährigen Amerikaner an, als er es am Dienstag mit den Wiener Philharmonikern in der Philharmonie Essen aufführte.

ESSEN

, 25.01.2017 / Lesedauer: 2 min
Wiener Philharmoniker zwischen Triumph und Ohnmacht

Joshua Bell spielte mit den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Ingo Metzmacher in der Philharmonie Essen das Violinkonzert von Tschaikowsky.

Von Technik braucht man da gar nicht erst zu reden: Natürlich trifft Joshua Bell auch bei rasantesten Läufen jeden Ton, sitzen die Doppelgriffe perfekt. Aber Virtuosität ist nie Selbstzweck, sondern stets Grundlage emotionaler Durchdringung. Seine Ausdruckspalette reicht dabei von zuckriger Süße über elegante Wehmut bis hin zu ausgelassener Freude. Sein Ton ist fein und brillant, die Stradivari noch in zartesten Passagen deutlich präsent.

Perfektes Miteinander

Und das, obwohl auch die Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher ein Wörtchen mitzureden haben, bisweilen sogar - bei aller Klangkultur - heftig auftrumpfen. Doch Solist und Orchester korrespondieren eben auch perfekt miteinander, werfen sich die Themen wie Bälle zu und schalten gemeinsam blitzschnell um, wenn Stimmung und Tempo wechseln.

Danach blieb es russisch, und dennoch hätte der Kontrast kaum größer sein können: Die Wiener spielten - wie tags zuvor (mit mutigerem Beiprogramm) in der Hamburger Elbphilharmonie - Schostakowitschs elfte Sinfonie "Das Jahr 1905". Darin geht es um den "Petersburger Blutsonntag", bei dem der Zar eine Menge demonstrierender Arbeiter zusammenschießen ließ.

Totale Vereinnahmung

Das könnte heute wie Musik zu einem historischen Filmepos klingen, zu der man sich mehr oder weniger entspannt zurücklehnt. Metzmacher und die Wiener Philharmoniker aber gestatteten solch unbeteiligtes Hören nicht, sondern zielten auf totale Vereinnahmung.

Mit fahlen, bedrohlich-düsteren Klangflächen zogen sie das Publikum unmittelbar in die Situation hinein und ließen es 65 Minuten lang nicht mehr los.

Als Schostakowitsch seine Sinfonie 1957 schuf, hatte er auch die brutale Niederschlagung des Ungarn-Aufstands im Jahr zuvor im Blick. Heute, 60 Jahre später, mag man an anderes, neues Grauen denken.