Wutbürger im Internet

Theater Dortmund

Als das Internet kam, hofften viele, es bringe mehr Demokratie, Transparenz und Teilhabe für den aufgeklärten Bürger. Ein schöner Traum. Heute quillt eine Kakofonie von Information und Desinformation aus dem Netz, die sich zur Bedrohung für die Demokratie entwickelt.

DORTMUND

, 26.03.2017, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wutbürger im Internet

Arne Vogelgesang spricht nach, was „Die Stimme des Zorns“ während einer Autofahrt in die Kamera giftet.

Das Internet wurde Plattform einer Gegen-Öffentlichkeit, die den Leuten ungefiltert und ungeprüft die "Fakten" zuspielt, die sie hören wollen, aber angeblich von der "Lügenpresse" verschwiegen werden. Verschwörungstheorien schießen ins Kraut.

Politiker und Journalisten werden systematisch diskreditiert. Dafür erklären "mündige" Bürger mit Schaum vorm Mund in Video-Blogs, wie die Welt in Wahrheit tickt.

Arne Vogelgesang (Konzept, Bühne, Videos) porträtiert solche Welterklärer in seinem Theater-Vortrag "Flammende Köpfe", der am Samstag im Megastore des Dortmunder Schauspiels Premiere hatte. Kein klassischer Bühnenabend, sondern eine Multimedia-Schau, die man als politische Bildung, Reflexion, Diskurs verstehen muss.

Wir sind das Volk!

Wie entsteht ein "viraler Hype"? Wie verbreiten sich Bilder einer Demo am Flüchtlingsheim im Erzgebirge? Wie werden sie instrumentalisiert von Scharfmachern, die Pegida nahestehen? Wer sind diese Leute, wie inszenieren sie sich in ihren Videos?

Vogelgesang führt in die Materie ein, beleuchtet Biografien der Wutbürger im Netz, erläutert geschichtliche Hintergründe. "Wir sind das Volk!", skandiert der Mob am Bus mit den Flüchtlingen. Vogelgesang geht ins Jahr 1989, zu den Demos in Leipzig, verfolgt den Slogan von Montagsdemos gegen Hartz IV bis zu Pegida-Treffen in Dresden. Der Ruf nach Demokratie wird zum Schrei gegen gewählte Politiker, der in der Parole "Merkel muss weg" gipfelt.

13 Propagandisten

Deutsche Interessen werden verraten. Der Islam ist unser Untergang. Vergewaltiger strömen ins Land. Die "Systempresse" ist von der Nato geschmiert, etablierte Parteien sind korrupt: Vogelgesang stellt 13 Propagandisten vor, die ins gleiche Horn stoßen und "Deutschland erwache"  trompeten.

"Flammende Köpfe" zeichnet nach, wie alte Begrifflichkeiten von rechts und links verschwimmen, wie die Rechten linke Protestformen kopieren (Happening, Straßentheater, Liedermacher-Musik). Hass tarnt sich als Satire, als Äußerung einer Kunstfigur ("Die Stimme des Zorns") gehen Gewaltfantasien und Morddrohungen via YouTube in die Welt.

Prediger vor Kameras

Was wir an Beispielen sehen, muss kaum kommentiert werden. Von sich selbst berauschte Prediger kotzen sich vor Kameras aus. Eine Frau verfremdet Juliane Werdings "Am Tag, als Conny Kramer starb" zur Schmäh gegen Flüchtlinge, Arne Vogelgesang und Wiebke Rüter (Co-Regie) lassen 13 animierte Köpfe im Takt dazu nicken. Bissig, wichtig, erhellend und sehenswert.

Termine: 1. /  30. 4: Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.

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