Zufällig erfunden: Was Techno mit Schach zu tun hat

Interview

Vor genau 35 Jahren erfand der Berliner Musiker Manuel Göttsching den Techno. Zufällig. Ein Techno-DJ ist er allerdings nie gewesen und auch nie geworden. Trotzdem begleitet ihn sein Werk bis heute. Techno-Godfather Manuel Göttsching verrät im Interview, warum der Techno zufällig erfunden wurde und was das mit Schach zu tun hat.

Dortmund

, 11.12.2016, 19:44 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Erfindung des Techno war, wie so vieles, ein Zufall. Der Berliner Musiker Manuel Göttsching, zuvor Gitarrist in der Krautrockband Ash Ra Tempel hatte ein bisschen mit Mischpult, Keyboards, Gitarre und einer alten Drum-Maschine experimentiert. Was dabei herauskam ist ein Werk von 58 Minuten, bestehend aus genau zwei Akkorden.

Er nannte das fertige Werk "E2-E4" nach einem Schachzug. Dass diese Musik später einmal in den Clubs New York gespielt werden würde und den Weg für die Techno-Szene bereiten würde, hätte er nicht gedacht. Heute gilt das Aufnahmedatum des Albums, der 12. Dezember 1981 als Geburtsstunde des Techno. Mit uns sprach Göttsching über die Platte, die ihn einfach nicht loslässt.

Man nennt Sie „den Paten des Techno“ ist Ihnen das recht?

(überlegt). Ja. Ich freue mich, dass meine Musik so einen nachhaltigen Einfluss hatte.

 

Hören Sie diese Musik eigentlich selbst, zum Beispiel Minimal oder House?

Das ist für mich nicht so interessant. Was viele Menschen unter Minimal verstehen ist eigentlich ein Missverständnis. Viele denken, Minimal ist, wenn nicht viel passiert. Für mich ist Minimal, aus limitierten Mitteln viel zu machen. Man nimmt sich fünf Töne und schreibt eine Symphonie. Ich höre eigentlich prinzipiell kaum Musik. Wenn ich Musik brauche, dann mache ich mir selber welche.

Aus wenigen Mitteln viel zu machen: War das auch Ihre Intention als Sie E2-E4 geschrieben haben?

Das ist immer meine Intention. Ich habe damals in meinem Studio gearbeitet. Da hab ich ständig Sessions gemacht und E2-E4 ist eine von diesen Sessions. Es hat einfach alles gepasst, die Musik fließt schön, technisch war alles in Ordnung. Ich hatte eigentlich an einer anderen Komposition gearbeitet und dann hatte ich diese Aufnahme. Es hat dann aber nochmal drei Jahre gedauert, bis sie veröffentlicht wurde. 

 

Sie haben Die Platte E2-E4 genannt, wie einen Standardschachzug. Warum?

Der Titel hat mehrere Ursprünge. Ich habe damals schon angefangen mit Computern zu arbeiten und habe Programmiersprachen gelernt. Da arbeitet man viel mit Zahlen und Nummern. Dann kam auch noch dazu, dass "Star Wars" damals rauskam. Da gab es diesen Roboter R2D2, das fand ich lustig. Und beim Schach ist es ein Eröffnungszug. Der sagt nur: 'Fangen wir an'. Man weiß noch gar nicht, was dabei rauskommt. Den Titel hatte ich schon zwei Jahre vorher und habe ihn mir gemerkt. Ich fand ihn dann passend, weil es meine erste Veröffentlichung unter meinem eigenen Namen war.

 

Und im Nachhinein ha t er sich als besonders passend erwiesen, weil Ihr Album als die Geburtststunde des Techno gilt.

Ich hab solche Sachen schon früher gespielt, für Fashion-Events. Früher waren Modenschauen noch sehr schick, die fanden in einem Hotel statt und man trug Cocktailkleidchen. Eine Freundin von mir hat damals aber solche Events mit Musik organisiert. Das sind so die Vorläufer von E2-E4. Meine Musik ist dann von jungen Leuten in den 80ern wiederentdeckt worden, sie wurde dann in New York gespielt und geremixt. Inzwischen gibt es mehr Remixe als ich zählen kann. Am Anfang habe ich nicht viel Resonanz für die Platte bekommen, aber die Reaktionen der Kritiker waren hart. Damals verstand man unter elektronischer Musik das, was Depeche Mode machen. Es hieß, ich hätte die Entwicklung des Techno verschlafen. Die Kritiker haben sich nachher dafür entschuldigt.

Ihre Musik ist verknüpft mit der Techno-Szene, auch wenn Sie nie Techno-DJ waren. Können Sie die Entwicklung der Szene beurteilen?

Dazu kann ich gar nicht so viel sagen. Schon in den 90ern hatte ich Probleme, die einzelnen Richtungen auseinanderzuhalten. Ich fand aber gut, dass wieder mit Musik gespielt und ausprobiert wurde. Heute sehe ich das zwiespältig für junge Musiker. Es ist sehr preiswert Musik zu machen, aber man bekommt auch sehr viel fertig geliefert. Man muss beim Keyboard nur auf einen Knopf drücken. Ich hab das damals noch mit einem Synthesizer gemacht. Der hat 7.000 Mark gekostet, viel Geld damals, und da kam nichts raus. Man brauchte ein Verständnis dafür, wie das funktioniert und musste probieren.

Heute kann man ganz einfach ein Orchester nachmachen, aber das macht noch niemanden zu einem Beethoven. Man braucht Verständnis für die Musik. Mich hat neulich jemand gefragt, was man von E2-E4 lernen kann. Man kann lernen, wie man eine komplette, stimmige Komposition macht. Ich hab das zwar damals aus dem Stegreif improvisiert. Das ging aber nur, weil ich das gelernt hatte. Mit Ash Ra Tempel haben wir ganze Shows nur improvisiert und uns überhaupt nicht abgesprochen. Die Erfahrung ist wichtig, man muss raus auf die Bühne.

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Ganz kurz gesagt: Was bedeutet Ihnen die Platte heute? 

Sie ist mein bekanntestes Werk, aber es ist auch eine lange Entwicklung gewesen. Die Platte war kein Senkrechtstarter. Es ist eine endlose Geschichte. Mit dem Zeitkratzer Orchester aus Berlin habe ich sie als Orchester-Stück aufgenommen. Und es gibt Ideen, mit Gregor Seyffert (ein deutscher Tänzer, Regisseur und Choreograph, Anm. d. Red.) ein Ballett aufzuführen. Wir haben überlegt, ein Schachspiel als Ballett zu machen, 60 Minuten mit der Musik von E2-E4. Vielleicht mit mir. Vielleicht ohne mich.

Wieder das Schachspiel. Spielen Sie eigentlich Schach?

Ja, früher habe ich Schach gespielt. Mein Vater hat mir das beigebracht. Der hat sich auch selber ein Schachbrett gebaut, da sind die Feldbezeichnungen drauf, also E2 und so weiter. Deshalb kann er auch aus dem Kopf spielen. Wenn man ihm einen Zug sagt, muss er nicht auf das Brett gucken, um zu wissen wohin. Sein Schachbrett befindet sich auch auf der "E2-E4"-LP, die dieses Jahr herausgekommen ist. Die Rückseite ist vollkommen leer. Das wollte ich so, damit man die Platte als Schachbrett benutzen kann. Früher habe ich wirklich gerne Schach gespielt, aber die Spiele wurden immer länger. Bei der ersten Aufnahme habe ich mit einem Kollegen gespielt, das Spiel habe ich bis heute nicht beendet.

Zur Person:
- Manuel Göttsching wurde 1952 in Berlin geboren
- In den 70er Jahren wurde er mit der Krautrockband Ash Ra Tempel bekannt, später trat er unter dem Namen Ashra solo auf.
- E2-E4 war seine erste Soloplatte. Sie wurde 2016 neu herausgebracht und erreichte unter anderem Platz 1 der Charts der Charts des Indie-Labels Piccadilly Records.
- Er spielte in verschiedenen Ländern, unter anderem trat er im Auftrag des Goethe Instituts in Peking auf. 
- Im Tokio Tower in Japan stand Göttsching in einem Wachsfigurenkabinett neben den Figuren von Marilyn Monroe, Abraham Lincoln und Queen Elizabeth. Der Besitzer des Centers suchte selber aus, wer in dem Kabinett stehen sollte, so Göttsching, "und er mochte mich."
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