Zukünftige Pflegekräfte sitzen einen Tag lang im "Rolli"

Sensibilisierungs-Projekt

Wie fühlt es sich an, im Rollstuhl zu sitzen, die Blicke auf offener Straße zu spüren und auf Hilfe angewiesen zu sein? 23 Altenpflegeschüler der Diakonie Ruhr haben diese Erfahrung am Donnerstag gemacht.

INNENSTADT

von Von Carsten Christian

, 13.09.2012, 17:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach der ersten Runde durch die City seien ihr vor allem die Blicke der Menschen aufgefallen. „Manche haben regelrecht gestarrt“, wundert Serwatka sich. „Ach, da heißt es einfach: zurück gucken!“, so Liliane Zilske, ihre Begleitung, die bereits vorher den Platz im Rollstuhl einnahm. In viele Geschäfte in der Bahnhofstraße kommen die beiden ohne Probleme rein. Rampen ermöglichen den Zutritt. An der Bahnhofstraße sieht es häufig anders aus. Treppen versperren den Weg. Bei einem Lokal müssten fünf Stufen überwunden werden. „Selbst zu zweit kämen wir dort nicht rein. Ich würde mir nicht zutrauen, Svenja im Rollstuhl die Stufen hochzuziehen“, erklärt Zilske.

Ziel der Aktion, die seit 13 Jahren stattfindet, ist, die zukünftigen Pflegekräfte innerhalb der dreijährigen Ausbildung für die Thematik zu sensibilisieren. „Es ist ein bewusster Rollenwechsel“, so Kursleiterin Eva Hartmann. Angekommen bei der Fleischerei Sommer auf der Ruhrstraße stehen die Frauen vor der Fleischtheke. Svenja Serwatka fällt ein Problem auf. „Die Theke ist sehr hoch. Die Waren anzunehmen wäre schwer für mich“. Doch Mitarbeiterin Petra Heiermann versichert: „Natürlich käme ich um die Theke herum und direkt zur Kundin“.

Nicht zu bewältigen hingegen seien die Stufen der Straßenbahn-Linie 310. „Da ist nichts zu machen“, so Liliane Zilske. Ein Unding, wie beide finden. In der Sparkassen-Filiale an der Ruhrstraße wollen sie ausprobieren, wie gut die Tasten der Geldautomaten zu erreichen sind. An die Knöpfe der herkömmlichen Geräte kommt ein Rollstuhlfahrer nur mit Mühe. Doch ein Automat ist niedriger gebaut und so konstruiert, dass Menschen mit ihrem Rollstuhl näher heran fahren können. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, gibt Svenja Serwatka zu. Das Sanitätshaus Richter stellte die zwölf Rollstühle für die Aktion zur Verfügung. „Wir finden toll, dass so Pflegekräfte mit Ahnung ausgebildet werden. Das erleichtert auch unsere Arbeit“, freut sich Mitarbeiter Jörg Meesmann.

Das Team will auch checken, wie gut es sich im „Rolli“ shoppen lässt. Es führt sie zu Esprit. Viele Waren liegen unerreichbar hoch und eine behindertengerechte Umkleidekabine gibt es nicht. „Die Aktion ist auf jeden Fall eine Anregung für uns, über Behinderten-Umkleiden nachzudenken“, so Mitarbeiterin Jessica Labuch. Am Ende tun Svenja Serwatka die Arme ziemlich weh: „Die Erfahrung war spannend, aber ich bin froh, gleich wieder aufstehen zu können“.