Zukunftsforscher: Ostern entscheidet sich unsere Zukunft nach Corona

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Ostern, da ist Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sicher, entscheidet sich Deutschlands Zukunft. Er beschreibt fünf Szenarien, wie Corona unser Land verändern könnte. Nicht alle enden gut.

Dortmund

, 02.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Die bisher in Deutschland beschlossenen Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens dauern, grob gesagt, bis Ostern. Deshalb, sagt Sven Gábor Jánszky, sei der 13. April ebenso entscheidend wie Pfingsten (31. Mai), denn bis zu diesem Zeitpunkt liefen die beschlossenen Hilfspakete für die Wirtschaft. Irgendwann um diese beiden Daten herum müssten Entscheidungen getroffen werden, die den Weg in die Zukunft vorzeichneten. Aus seiner Sicht könnten sich fünf Szenarien abspielen.

Jánszky leitet den „2b Ahead Think Tank“ in Leipzig, nach eigenen Angaben das größte Zukunftsinstitut Europas. Er entwickelt aufgrund empirischer Daten und Tiefeninterviews mit führenden Köpfen aus Wirtschaft und Politik Zukunftsszenarien und Strategie-Empfehlungen für Unternehmen, Verbände und die Politik.

Nicht allein die Mediziner entscheiden

In der aktuellen Situation dürfe man das Feld nicht allein den Virologen überlassen, sagt er. Es gehe nämlich um viel grundsätzlichere als rein medizinische Fragen: Wie viel wollen wir opfern, um die besonders gefährdeten Menschen zu retten? Anders gesagt: Wo richtet die Medizin mehr Schaden an als die Krankheit?

Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky.

Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. © Wolfram Kiwit

Die Antwort auf diese Fragen könnten nicht allein Virologen liefern, sondern das sei eine Angelegenheit aller Menschen, der Philosophen, Ethiker und Politiker ebenso wie der Führungspersonen in Wirtschaft, Sport und Gesellschaft sowie letztlich aller Normalbürger. In seinen fünf Szenarien zeigt Jánszky auf, wohin es führt, wenn um Ostern herum die Weichen in die ein oder andere Richtung gestellt werden.

Das 1. Szenario: Als wäre nichts gewesen

Dieses Szenario geht davon aus, dass zu Ostern die Zahl der Infizierten wieder sinkt und die Mediziner wissen, welche Menschen an Covid-19 erkrankt sind. Die Situation wirkt beherrschbar, weil man die Infektionsketten im Griff hat. Bei dieser Ausgangslage sei es wahrscheinlich, dass die Virologen zwar warnen, dass all das nichts zu heißen habe und die Zahlen jederzeit wieder steigen könnten. Andererseits werde der gesellschaftliche Druck auf die Politik, zur Normalität zurückzukehren, um den Totalabsturz nicht nur der Wirtschaft zu verhindern, übermächtig.

In diesem Szenario käme aus Sicht von Jánszky eine „Protection-Strategie“ zum Zug: Nicht mehr alle, sondern nur noch die Kranken würden isoliert, die Risikogruppen würden per Handy und App überwacht, bis sie wieder gesund sind. Parallel werde das gesellschaftliche Leben schrittweise wieder hochgefahren.

Schulen und Firmen blieben noch zwei weitere Wochen geschlossen, dann liefen sie wieder ab. Zu Pfingsten würden Cafés und Restaurants wieder geöffnet und ab Ende Mai spiele die Bundesliga vor leeren Rängen die Saison zu Ende. Am letzten Spieltag und beim Pokalendspiel dürften wieder Zuschauer in die Stadien.

In dieser alten Fabrik entwickelt Sven Gábor Jánszky mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Strategien für die Zukunft.

In dieser alten Fabrik entwickelt Sven Gábor Jánszky mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Strategien für die Zukunft. © Wolfram Kiwit

In diesem Szenario gebe es, so prognostiziert Jánszky, am Ende des Jahres etwa so viele Tote wie in jedem Jahr, man werde eine Konjunkturdelle durchlebt haben und ohnehin schwächelnde Firmen würden vom Markt verschwunden sein.

Mehr aber werde nicht passieren, auch nicht bei der Digitalisierung der Schulen, glaubt Jánzky: „Die Unfähigkeit der meisten Lehrer, mit Webcam und Zoom umzugehen, bleibt unverändert. Wer derzeit Kinder in einer normalen deutschen Schule hat, der weiß, dass sich die Digitalkompetenz der meisten Lehrer weiterhin auf das Scannen von Arbeitsblättern beschränkt. Sie werden immerhin schon freitags per E-Mail verschickt!“

Das 2. Szenario: Die Befreiung vom Italien-Fluch

Im zweiten Szenario geht Jánszky von folgender Annahme aus: Zu Ostern stellen wir fest, dass die Infektionszahlen weiter sinken. Allerdings ist nach wie vor unbekannt, wer genau infiziert ist. Damit sind auch die Infektionsketten noch nicht im Griff.

Was dann geschieht, nennt Jánszky „Befreiung vom Italien-Fluch“. Die aktuellen deutschen Entscheidungen orientierten sich seiner Einschätzung nach nahezu ausschließlich an der verheerenden Lage in Italien. Obwohl die Entwicklung in Südkorea und China ganz anders sei als in Italien, vertraue man den Zahlen aus Asien weniger als denen aus Italien. Zu Ostern aber werde man feststellen: Hoppla, bei uns verläuft die Entwicklung doch anders als in Italien, eher wie in Asien.

Diese Erkenntnis, glaubt Jánszky, könne zu einem Umschwenken in der Strategie führen. Mit Massentests werde man dann möglichst rasch herausfinden, wer wirklich infiziert ist. Dafür nutze man die Zeit bis Pfingsten. Solange, also bis Ende Mai, blieben auch Schulen und Betriebe geschlossen, die Kontaktsperre bleibe bestehen. Dann gleite dieses Szenario in das 1. Szenario über. Das Leben normalisiere sich langsam wieder, allerdings blieben Infizierte und Ältere weiter in Quarantäne.

In diesem Szenario blieben die Grenzen zu den Nachbarländern mit hohen Corona-Zahlen noch geschlossen, hier gebe es erst in der zweiten Jahreshälfte eine Normalisierung, wenn auch mit Tests und Quarantäne-Gefahr an den Grenzen. Dauerhafte Schäden auf die langfristige Entwicklung des Landes gebe es auch in diesem Szenario nicht.

Das 3. Szenario: Ein neuer Generationenvertrag

Dir Grundannahme lautet beim 3. Szenario wie beim vorhergehenden: Die Zahl der Infizierten sinkt zu Ostern, aber niemand weiß, wer infiziert ist. Deshalb gebe es noch einige Wochen länger Isolation für alle und gleichzeitige Massentests. Doch ab Pfingsten, so Jánszky, verlaufe dieses Szenario anders. Wenn man Ende Mai die Infektionsketten noch immer nicht im Griff habe, müsse die Bundesregierung entscheiden, ob die drastischen Einschränkungen bestehen bleiben.

Jánszky geht davon aus, dass dies nicht geschieht, da das in einem demokratischen Land schlicht unmöglich sei. Zwar wolle Angela Merkel nicht als die Kanzlerin mit den meisten Toten in ihrer Amtszeit in die Geschichte eingehen. Ganz sicher wolle sie aber auch nicht als die Frau in Erinnerung bleiben, die eine funktionierende Wirtschaft „komplett gegen die Wand gefahren und nebenbei auch noch die jahrhundertelang erkämpften Freiheitsrechte geschreddert hat“.

Also werde es, sagt Jánszky, dazu kommen, dass Menschen ab 60 Jahren für weitere drei Monate in ihren Häusern bleiben müssten, für alle Jüngeren würden aber die Einschränkungen ab Ende Mai wieder gelockert. Die Älteren würden an der Tür ihrer Häuser versorgt, die Jüngeren gingen wieder arbeiten und wenn sie erkranken, stünden sie die Infektion durch. Das wäre unterm Strich, so argumentiert Jánszky, so etwas wie ein „neuer Generationenvertrag“.

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In diesem Szenario würde die Isolierung der Älteren und die „Herdenimmunisierung“ der Jüngeren bis Ende September dauern. Den Sommerurlaub könne man vergessen. Möglich sei dieses Szenario auch nur durch einen gewaltigen Ausbau der Technik, denn die Jüngeren müssten nicht nur einmal, sondern immer wieder getestet werden, wie in Südkorea. Wer den Virus in sich trage, werde isoliert. Kontaktpersonen würden per Handy und App entdeckt. Wer sich angesteckt habe, sei über GPS als Corona-Träger sichtbar, sodass alle anderen Abstand halten.

In diesem Szenario würde es, glaubt Jánszky, ein wachsendes Vertrauen in die Technologie geben, denn erst diese ermögliche den meisten die Rückkehr zur Normalität. Politisch müsste man sich auf eine stärkere Zentralisierung und eine vorübergehende massive Einschränkung der Freiheitsrechte einstellen. Die Wirtschaft käme mit einem blauen Auge davon, die aktuelle Fußballsaison wäre beendet.

Das 4. Szenario: Der Ausnahmezustand

Das 4. Szenario setzt bei der Annahme an, dass auch zu Ostern die Zahl der Infizierten weiter exponentiell steigt. Niemand weiß, wer infiziert ist. In diesem Fall sei der Ausnahmezustand mit italienischen Verhältnissen zu erwarten. Die Kliniken könnten die Kranken kaum noch angemessen versorgen. Der Ausnahmezustand werde verhängt mit wiederholten Massentests und Ausgangssperren.

Bundeswehr und Polizei würden wesentliche Teile der Infrastruktur übernehmen, glaubt Jánszky. Bundeswehr-LKW seien die einzige Laster, die noch fahren dürften. Sollte sich, so Jánszky, mit diesen Maßnahmen die Lage bis Pfingsten verbessern, werde man zum 3. Szenario übergehen, also zur Isolierung der Älteren und Herdenimmunisierung der Jüngeren.

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Auch in diesem Szenario würde sich das Leben ab Ende September wieder langsam normalisieren. Zwar würde die Isolation für die Älteren auch langsam gelockert werden, sie würden aber wie die Noch-Infizierten weiter mit GPS und App überwacht, bis es dann 2021 eine Schutzimpfung gebe.

Auch in diesem Fall komme, so glaubt Jánszky, die Wirtschaft mit einem blauen Auge davon und die Sozialsysteme könnten ebenfalls gerettet werden. Allerdings werde der Föderalismus stark geschwächt, die Kompetenzen des Bundes würden stark ausgebaut. Und: Fußball werde erst wieder ab September gespielt, dann aber in vollen Stadien.

Das 5. Szenario: Der dauerhafte Shut-Down

In diesem 5. Szenario geht Sven Gábor Jánszky von der Annahme aus, dass die Zahl der Infizierten zu Ostern zwar weiter steigt, aber nicht mehr so stark. Es gibt weiter Hunderttausende unbekannte Infizierte. Trotzdem entscheide sich die Politik gegen einen Ausnahmezustand, vertraue weiter den Einschränkungen.

Also werde die Kontaktsperre zuerst um drei, dann erneut um drei Wochen verlängert. Bis Pfingsten. Und bis dahin stellt sich heraus, dass die Strategie, die Kurve der Neuinfektionen durch die Kontaktsperre abzuflachen, Erfolg hat. Die Krankenhäuser funktionieren weiter. Die Politik ignoriert in diesem Szenario die Warnungen der Wirtschaft und hält an den bisherigen Maßnahmen und Einschränkungen fest, bis ein Impfstoff verfügbar ist.

Was dann geschieht, sei kaum vorhersagbar, sagt Jánszky, denn es sei völlig ungewiss, wann ein Impfstoff auf den Markt komme. Im schlimmsten Fall müsse man mit zwölf Monaten rechnen. Wenn es so komme, so Jánszky, werde Deutschland in eine dauerhafte Rezession abrutschen. Die Folgen wären wohl schlimmer, glaubt Janszky, als bei einem vorübergehenden Ausnahmezustand. Der Zusammenbruch der Marktwirtschaft wäre absehbar, eine demokratisch gewählte Regierung werde, sagt Jánszky, diese Entwicklung kaum überstehen.

So würde der Zukunftsforscher handeln

Ob eines dieser fünf Szenarien so oder in abgewandelter Form kommen wird, ist offen. Jánszky geht nicht davon aus, dass es zum 5. Szenario kommen wird. Er bereite sein eigenes Unternehmen auf die Szenarien 1 bis 4 vor, sagt er.

Und welche Maßnahmen würde der Zukunftsforscher ergreifen, wenn er das Sagen in unserem Land hätte? Sven Gábor Jánszky beantwortete diese Frage unserer Redaktion so: „Wenn ich Entscheidungsgewalt hätte, würde ich sofort folgende Dinge starten: 1. Maskenpflicht; 2. Massentests und Ergebnisse auf Smartphone-App, in der jeder Bürger anhand seines Tests seine individuelle Eingruppierung bekommt und für alle anderen sichtbar wird.“

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Dabei könne man sich Südkorea und Taiwan zum Vorbild nehmen mit ihren drei Kategorien: rot=Quarantäne, gelb=Kontaktverbot, grün=freigegeben. „Die Nutzung der Smartphone-App ist prinzipiell freiwillig. Allerdings: Wer sie nicht nutzt und seine Daten nicht einträgt, der erhält automatisch das gelbe Label und erhält keine Lockerung der Einschränkungen“, sagt Jánszky.

Und auf die Frage, wie er die Einschränkungen wieder aufheben würde, antwortet Jánszky: Sie sollten sofort für Geheilte und Immunisierte aufgehoben werden. Wenn die Infektionszahlen wieder sinken, würde er Schulen und Kitas wieder öffnen. Sobald die Smartphone-App sinnvoll nutzbar sei, könnten die Einschränkungen für alle Gesunden mit grünem Label aufgehoben werden.

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