Zum Tod von Hellmuth Karasek

Nachruf

Die Geschichte. Die Erinnerung. Zwei Begegnungen mit dem Autor, Journalisten und Literaturkritiker; mit dem Talkgast, Moderator und Witzeerzähler; mit einem Tausendsassa. Vor allen Dingen mit dem Mann, der Bücher liebte und auch sich selbst. Mal weniger, mal mehr.

FRANKFURT

, 30.09.2015, 17:41 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zum Tod von Hellmuth Karasek

Autor und Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist am Dienstagabend mit 81 Jahren gestorben.

Hellmuth Karasek ist tot, gestorben mit 81 Jahren am Dienstagabend. Er, der Erzähler, der Dramaturg der Sätze, der die Kunst beherrschte, von Autoren einforderte, „eine Katze mit maximalem Effekt aus dem Sack zu lassen“, hätte wohl gesagt: „Ich starb drei Tage vor dem Versuch, das Literarische Quartett wiederzubeleben.“

Und ich bin sicher, er würde den Applaus abwarten, still genießen, trügerisch gelangweilt, fast mürrisch geradeaus schauen, um dann doch noch mit seinem verschmitzten Lächeln einen Spruch rauszuhauen, seinem Motto zu huldigen: „Eine gute Pointe ist besser als eine schlechte Welt.“

Feiner Humor

Unser erstes Treffen, eine Podiumsdiskussion mit Theodor-Wolff-Preisträgern im Schloss Bellevue; Hellmuth Karasek war 1974 mit dem Preis ausgezeichnet worden. Er war kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, und so sah er auch aus.

Obwohl: Eigentlich sah er häufig so aus: die Krawatte eher vernachlässigend lässig gebunden, den obersten Hemdknopf geöffnet, die Haare zerzaust, die Haut blass, den Blick müde bis nachdenklich. Um dann plötzlich hellwach zu argumentieren, zu analysieren; hintergründig, witzig, fachkundig sowieso.

Augenzwinkernd

Er hielt der Journaille, unserer gesamten Zunft, den Spiegel vor, wohl wissend und augenzwinkernd, schließlich war ihm bewusst, es war nicht zu leugnen, dass er an Vergangenheit und Zukunft mitgeschrieben hatte. Als Jungredakteur der „Stuttgarter Zeitung“, Theaterkritiker und Feuilleton-Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, für den „Spiegel“ als Kulturchef und später als Autor, danach für den „Tagesspiegel“ und und …

Was mir an diesem Abend auffiel: Der Mann, der hat uns viel zu erzählen, der hortet Stoff, besitzt einen riesigen Fundus, einen Mix aus erlesenen Weisheiten und gelebten Straßenabitur-Erfahrungen. Ein Meister der Worte, der Struktur der Sätze, der abgerundeten Geschichte, der übermannt von großen Emotionen so überzeugend sympathisch überschäumen konnte; es aber nur selten übertrieb.

Gute Bücher

Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, zumal im Schloss des Bundespräsidenten, der damals noch Johannes Rau hieß, über die Stränge zu schlagen, dem eher feinfühligen, leisen Moderator, „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo, die Schau zu stehlen. Dafür war Hellmuth Karasek zu sehr Dramaturg in eigener Sache, zu sehr Medienprofi. Er brauchte die Öffentlichkeit, die Kameras, um für gute Bücher zu werben. Und für sich selbst.

 

 

„Das Fernsehen hat mein Leben am meisten verändert“, sagte er über seine Zeit beim „Literarischen Quartett“. 13 Jahre lang waren in der Sendung die Rollen verteilt. Marcel Reich-Ranicki, na klar, der Boss, der Poltergeist, der so häufig Ungerechte.

Zwischentöne

Hellmuth Karasek, der Widersacher mit feinem Humor und Zwischentönen, nicht selten die Stimme der Zuschauer; der Gutmütige, der es verstand, zwischen den Welten, den Meinungspolen von Marcel Reich-Ranicki und der so oft abgekanzelten Sigrid Löffler und unsicherer Gästen zu navigieren.

Im Schatten des zuweilen selbstherrlichen Literaturkritikers stand er nicht. Reich-Ranicki besprach zu Werbezwecken das Telefonbuch, Karasek wenige Wochen vor seinem Tod mit Selbstironie den neuen Ikea-Katalog.

 

Unsere zweite Begegnung, diesmal in Bottrop, in meiner Stammkneipe Hürter, am kleinen, runden Tisch rechts von der Tür. Die Lesung in der Stadtbücherei hatte er gerade beendet; zu kühl, zu geschäftstüchtig, zu abrupt, wie ich fand. Aber jetzt hatte er Durst, und plötzlich war sie wieder da, diese ansteckende Leidenschaft für gute Texte.

Der Plauderer

Da war er wieder der Plauderer, der von seinen fünf Fluchten erzählte, von den zwei Diktaturen, in denen er gelebt hatte; von den Büchern, die ihn immer begleiteten, von seiner Kindheit im Dritten Reich. „Durch den Krieg“, sagte er, „hat man gelernt, dass kein Stein auf dem anderen steht, nichts Bestand hat und man immer misstrauisch bleibt.“

Nie zuvor hatte ich mit einem Menschen an einem Tisch gesessen, der so belesen war, der so trefflich zitieren konnte, der so pointiert die Geschichten zu Ende brachte. Und dennoch: Er war ein Erzähler, ein Entertainer, der auch zuhören konnte; wissbegierig, wie an seinem ersten Tag in einer Redaktion. Ein Stoffsammler, immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen.

Genialer Lebemann

Er schrieb selbst; viel, unermüdlich, schnell, manchmal zu schnell; humorvoll, autobiografisch, erklärend; dabei keineswegs uneitel. Von den Problemen mit dem Altwerden und der schwindenden Anziehungskraft auf Frauen; von erotischen Jugendsünden, einer Beichte in der dritten Person. Sein Debütroman war sein bester. „Das Magazin“, die Geschichte über das intrigante Innenleben eines Hamburger Verlags.

Weit nach Mitternacht habe ich ihn zum Hotel gefahren. Durch die Scheiben der Tür konnte ich erkennen, dass er die Bar ansteuerte. Die Geschichte mit ihm, nur noch Erinnerung. Hellmuth Karasek war ein Lebemann. Ein fleißiger, genialer Lebemann.