Zurück zum tagtäglichen Erleben

Signers "Atmende Säule"

LANGENDREER Wie ein kleiner Park wirkt der Carl-von-Ossietzky-Platz im Zentrum von Langendreer. Autoumrauscht, zwischen zwei Amtsgebäuden, beherbergt er eine Rasenfläche, umgürtelt von immergrünen Hecken und Buchen. Inmitten des ovalen Geländes ragt eine Doppelsäule in den Himmel.

von Von Thomas Frank

, 04.01.2010, 16:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei ineinander gesteckte Stahlblechrohre, das äußere schwarz, das innere blank. Die Säule flankieren zwei schwarze, stählerne Pavillons. "Atmende Säule" nennt sich die dreiteilige Installation. Der Schweizer Künstler Roman Signer errichtete sie 1979/80 anlässlich des Bochumer Bildhauersymposions. Der Titel stammt nicht von Signer, sondern aus dem Volksmund. Wenn es regnet, fangen die Pavillondächer das Wasser auf. Von deren Mitte läuft es durch eine Leitung unter die Erde. Schwillt damit der Wasserspiegel an, steigt das Innenrohr der Säule langsam nach oben. Fällt er, senkt es sich wieder.

Das hinein dringende und wieder heraus stoßende Wasser sieht man nicht, wie aus eigener Kraft scheint die Säule auf- und abzusteigen. "Damit ist die Statik und Monumentalität der Säule ausgehebelt. Sie fängt plötzlich an wie ein Organismus zu atmen, zu pulsieren und bindet sich damit in den Naturprozess ein", sagt Kunsthistoriker

(Foto). Das physikalische Prinzip demonstriert in einem gewaltigen, komplexen Versuchsaufbau. "Es macht Spaß zuzuschauen, wie sich die Säule allmählich hebt und senkt, weil man die Ursache dieses Prozesses nachvollziehen kann. Jeder ganz einfache Brunnen funktioniert ja letztlich so", schwärmt Kivelitz.

Unter der Erde befindet sich ein Überlaufbecken. Steigt das Wasser auf 8 Meter an, öffnet sich automatisch eine Klappe und es läuft wieder ins Grundwasser zurück. Zu der filigranen Konstruktion gesellen sich Zufall und Überraschung. Denn ob sich etwas ereignet, hängt ab von der Jahreszeit und der Niederschlagsmenge ab. Tag und Nacht spielen auch mit hinein. "Die Installation möchte auf Menschen reagieren, die aus dem Fenster schauen und wie beim Blick aufs Thermometer beobachten, wenn etwas anders geworden ist."

Das ewige Werden und Vergehen "Einmal haben wir über das Element des Wassers einen Bezug auf das ewige Werden und Vergehen", so Kivelitz. Demgegenüber steht die Nähe zum Alltäglichen: "Die tägliche Kontingenz des Wetters, die wir ja alle über den Wetterbericht verfolgen, bringt das Ganze wieder zurück auf die menschliche Dimension von Zeit."

Unwiderstehlich macht das Kunstwerk zuletzt die mitschwingende Selbstironie. Denn Signer tritt hier mit dem Pathos des Wissenschaftlers an und bezweifelt ihn gleichzeitig. "Da ist eine aufwändige Versuchsanordnung, von der man meint, da würden irgendwelche Wettermessungen vollzogen, dabei vergegenwärtigt sie uns etwas, was wir sowieso wissen, was wir tagtäglich erleben. Dadurch lässt er den ständigen Fortschrittswahn vollkommen ins Wanken geraten", interpretiert Kivelitz. Signer verzichtet auf einen hohen philosophisch-idealistischen Anspruch. Stattdessen ist er Initiator des Ursprünglich-Volkstümlichen, der uns auf etwas zurückführt, mit dem wir täglich leben.