Paula Vortmann (19) hat neun Jahre in der Kinderheilstätte gewohnt. Jetzt zieht sie aus. Die Kinderheilstätte war nicht einfach eine Unterbringung für sie - sondern ein Zuhause.

Nordkirchen, Cappenberg

, 24.07.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Paula ist „rausgehüpft“: Das Wort benutzt Kathrin Vortmann, um zu beschreiben, wie der letze Tag ihrer Tochter als Bewohnerin der Kinderheilstätte in Nordkirchen war. Es gab Kaffee, Kuchen und Luftschlangen im Garten, ein kleines Fest mit Geschenken und Musik. Und dann ist Paula, die mit einer geistigen Behinderung auf die Welt gekommen ist, lachend und unter dem Klatschen von Mitbewohnern und Betreuern aus der Wohngruppe „Wirbelwind“ herausgehüpft.

„Es war schön“, sagt ihre Mutter. „Aber auch traurig.“

Für neun Jahre war die Kinderheilstätte in Nordkirchen das zweite Zuhause von Paula Vortmann - unter der Woche war sie dort, am Wochenende zu Hause bei ihren Eltern und Geschwistern in Cappenberg. Dieses Jahr hat die 19-Jährige allerdings die Maxi-Schule, die sich ebenfalls auf dem Gelände der Kinderheilstätte befindet, abgeschlossen. Und das heißt auch: Für sie muss ein neuer Lebensabschnitt beginnen. „Die Aufnahme hier ist nun mal immer auf eine gewisse Zeit begrenzt“, erklärt auch Holger Bußmann, der stellvertretende Leiter des Wohnbereichs der Kinderheilstätte. Die Einrichtung ist eine für Kinder und Jugendliche - sobald sie erwachsen sind, müssen sie umziehen. Ein Leben als Erwachsene beginnen.

„Der Auszug ist auch immer ein Ziel, das erreicht wird“

„Es gibt da immer ein lachendes und ein weinendes Auge, wenn wir als Betreuer sehen, dass ein Bewohner auszieht“, sagt Holger Bußmann. „Wir tun hier unser Bestes, die Jugendlichen auch gut durch die Zeit der Pubertät zu bringen. Und ein Auszug ist dann auch immer ein Ziel, das erreicht wird“, erklärt er weiter.

So ähnlich sieht es auch Kathrin Vortmann. Sie freut sich sehr, für ihre Tochter einen neuen Wohnort gefunden zu haben: das Karthaus in Dülmen. Ein besonderes Anliegen ist es ihr aber, sich bei der Kinderheilstätte zu bedanken. Im Namen ihrer Tochter. Aber auch als Mutter eines Kindes mit Behinderung. „Ich konnte mich immer darauf verlassen, dass Paula in guten Händen ist. Ich bin wirklich so gut zufrieden“, sagt sie.

Die 48-jährige Küsterin aus Cappenberg erinnert sich noch gut an die Zeit, als sie zusammen mit ihrem Mann beschlossen hat, für Paula einen Platz in der Kinderheilstätte zu suchen.

Damals hatte Paula gerade eine OP an der Hüfte gehabt. „Ich war fast ein halbes Jahr mit ihr im Krankenhaus.“ Und dann war irgendwann einfach der Punkt erreicht, an dem Kathrin Vortmann, die auch noch einen Sohn und eine weitere Tochter hat (22 und 14 Jahre alt), gesagt hat: Ich kann nicht mehr.

„Es war der richtige Weg für sie“

Die Kinderheilstätte war Paula nicht fremd. Schon seit sie drei Jahre alt war, war sie dort zum Kindergarten gegangen. Außerdem war sie schon mehrmals in der Kurzzeitpflege gewesen, als sie mit elf Jahren dann fest in eine Wohngruppe der Einrichtung in Nordkirchen zog. „Zum Üben“, wie Kathrin Vortmann sagt.

Ihr Kind in die Wohngruppe zu „geben“, hat sie nie bereut, wie sie im Gespräch mit der Redaktion klar sagt. Auch für Paula sei das besser gewesen. „Es war der richtige Weg für sie.“ In Nordkirchen habe sie viele Freunde gefunden - zu Hause in Cappenberg hätte sich das soziale Lebens Paula vermutlich auf die Familienmitglieder beschränkt. „In Nordkirchen war das anders. Da sind ihre Freunde. Sie konnten stundenlang zusammen auf dem Boden sitzen und spielen“, sagt Kathrin Vortmann.

Außerdem, das sagt sie immer wieder, habe sie sich auf die Betreuer vor Ort immer so gut verlassen können. Als Beispiel nennt sie eine Situation, in der Paula sich verletzt hatte und schnell ins Krankenhaus musste. Kathrin Vortmann und ihr Mann waren zu dem Zeitpunkt im Urlaub - konnten nicht sofort da sein. Mit der Oma, die aber zur Stelle war, fuhren die Betreuer mit Paula ins Krankenhaus. „Und sie sind auch mit ihr dageblieben, bis sie wieder aufgewacht ist. Sie haben sie dort nicht einfach abgeliefert“, erzählt Kathrin Vortmann liebevoll, wie dankbar sie den Betreuern vor Ort ist.

Rund 20 Kinder ziehen jährlich aus

Dankbarkeit, so sagt es der stellvertretende Wohnheimleiter Holger Bußmann, spiegeln die Eltern der Kinder, die in Nordkirchen wohnen, den Mitarbeitern vor Ort schon häufig. Trotzdem freut er sich natürlich über die lieben Worte von Kathrin Vortmann. Rund 20 Kinder, so schätzt er, verlassen die Kinderheilstätte jährlich nach dem Abschluss der Schule. Dass nicht alle so gut wie Paula eine neue Unterbringung finden, mit der die Familie zufrieden ist, sagt auch Holger Bußmann.

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Das weiß auch Kathrin Vortmann nur zu gut: Gemeinsam mit 41 anderen Eltern hat sie sich im vergangenen Jahr zusammengetan, um beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das Menschenrecht durchzusetzen, das lautet: „Menschen mit Behinderung müssen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben.“

Ein Wohnheimplatz für Menschen mit Behinderung in der Nähe des Wohnorts der Eltern zu finden, der allen Wünschen entspricht, ist allerdings nicht gerade einfach: Die Wartelisten sind lang - das Angebot, so die Ansicht der Eltern-Initiative, reiche einfach nicht.

Auch wenn es für Paula jetzt gut gegangen ist und sie direkt nach der Schule einen neuen Platz bekommen hat, betont Kathrin Vortmann, dass das Problem für andere Familien auf jeden Fall weiter bestehe. Sorge und Verzweiflung sind groß: Weil die Frage, was passiert mit meinem erwachsenen Kind, wenn ich einmal nicht mehr kann oder nicht mehr bin?

Vertrag geht „bis zum Lebensende“

Umso erleichterter ist Kathrin Vortmann, dass Paula nun in der nächsten Woche ins Karthaus nach Dülmen zieht - und ein neues Kapitel in ihrer Lebensgeschichte beginnt. Sie wird, so erzählt es Katrin Vortmann, auf einem Doppelzimmer wohnen und in der Werkstatt arbeiten. Sobald das angesichts von Corona wieder möglich ist.

Dass die Schule vorbei ist - darüber ist Paula ein bisschen traurig. Ihre Lieblingslehrerin kann sie jetzt nicht mehr jeden Tag besuchen. Und die Heißwurst, die sich sich im Essensraum immer abgeholt hat, liegt in Dülmen wahrscheinlich auch nicht sofort für sie bereit. Beim Abschied aus der Wohngruppe hat sie aber viel gelacht, erzählt ihre Mutter. Vermutlich, so sagt sie, hat sie das alles noch nicht so ganz realisiert.

Im Vertrag mit der Einrichtung in Dülmen steht, dass Paula dort „bis zum Lebensende“ wohnen kann. „Es war schön, das zu lesen“, sagt Kathrin Vortmann, die hofft, dass das Karthaus für ihre Tochter zu einem Ort wird, der - wie schon die Kinderheilstätte - keine Unterbringung, sondern ein Zuhause ist.

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