Wie groß die Unfallgefahr gerade im Herbst ist, wurde am frühen Dienstagmorgen bei einer Aktion der Kreispolizei deutlich. Nach einem Zusammenstoß mit einem Auto konnte Polizist und Jäger Horst Harmelink nur noch den Tod des jungen Wildschweins feststellen. © Thomas Aschwer
Hohe Unfallzahlen

Aktion: Polizei will informieren – und muss einen Wildunfall aufnehmen

Mit einem Wildschwein ist ein Selmer Autofahrer am frühen Dienstagmorgen auf der K2 bei Nordkirchen zusammengestoßen - wenige hundert Meter entfernt von einer besonderen Polizeikontrolle.

Auf diese Bestätigung ihre eindringlichen Warnungen hätte die Polizei gerne verzichtet: Im Kreis Coesfeld passieren viel zu viele Wildunfälle – ganz besonders im Frühjahr und jetzt im Herbst. Die Zahlen sind erschreckend. Der ohnehin schon hohe Anteil von Wildunfällen an allen Unfällen im Kreisgebiet ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Von 22 Prozent in 2018 auf 27 Prozent in 2020. Und auch in diesem Jahr sieht es nicht besser aus. Eher im Gegenteil.

Aus Sicht der Polizei hat das auch mit zu hohen Geschwindigkeiten zu tun. Wie am frühen Dienstagmorgen auf der K2 zwischen Nordkirchen und Selm. Bilanz der Kontrollstelle: 651 gemessene Fahrzeuge, 59 Fahrzeugführerinnen und -führer zu schnell, 11 Ordnungswidrigkeitenanzeigen, 48 Verwarngelder. Tagesschnellster war ein Autofahrer aus Lüdinghausen mit gemessenen 114 km/h in der 70er Zone.

Wild überquert im Herbst viel häufiger die Straßen

Abzüglich der Toleranz bleibt eine vorwerfbare Geschwindigkeitsüberschreitung von 40 km/h. Ab 41 km/h hätte er einen Monat auf sein Auto verzichten müssen.

Auch bei einem anderen Autofahrer staunten die Beamten nicht schlecht. Als die Polizisten ihn auf die besonderen Gefahren von Wildwechseln im Herbst hinwiesen, gab sich der zu schnelle Autofahrer als Jäger zu erkennen. Die besondere Situation – das Wild ist derzeit auf „Wohnungssuche“ – war ihm also bekannt. „Die Felder sind geerntet. Dadurch sucht das Wild sich neue Unterkünfte und überquert dabei, häufiger als sonst, die Straßen“, sagt Thomas Eder, ranghöchster Polizist im Kreis Coesfeld.

Reichlich zu tun hatten die Polizisten bei der Kontrolle im morgendlichen Berufsverkehr. Weil viele Autofahrer zu schnell waren, mussten sie zahlen.
Reichlich zu tun hatten die Polizisten bei der Kontrolle im morgendlichen Berufsverkehr. Weil viele Autofahrer zu schnell waren, mussten sie zahlen. © Thomas Aschwer © Thomas Aschwer

Polizeihauptkommissar Horst Harmelink war am Dienstag ebenfalls vor Ort. Er ist nicht nur Jäger, sondern hat alle Wildunfälle im Kreis Coesfeld in einer interaktiven Karte sichtbar gemacht. Aus seiner langjährigen Polizeiarbeit weiß er, dass Wildunfälle meist weder für Mensch noch Tiere glimpflich enden. „Verletzte Tiere quälen sich oft bis zum Tode. Für den Fahrer eines Unfallfahrzeugs ist der Zusammenstoß mit Schäden, Schock und möglichen Verletzungen verbunden.“ Dazu kommen häufig auch hohe wirtschaftliche Schäden. Nach den Erfahrungen von Harmelink beträgt der durchschnittliche Schaden bei einem Unfall rund 3000 Euro.

Genug Gründe für die Polizei, das Thema Wildunfälle verstärkt anzugehen. Dazu gehöre es auch, mit angemessener Geschwindigkeit zu fahren, sagt Thomas Eder. Zwischen 5 und 8 Uhr fanden deshalb zum dritten Mal in diesem Jahr besondere Geschwindigkeitskontrollen statt. „Wir wollen nicht abkassieren“, sagt Eder mit Nachdruck. Es gehe darum, die Menschen zu informieren und mit dazu beizutragen, dass sie ihr Verhalten ändern. Eine kleine Broschüre liefert dabei kompakt Infos zum Nachlesen.

Kreisjägerschaft ist beim Projekt Partner der Polizei

Mit im Boot ist bei der Aktion die Kreisjägerschaft. Vor Ort war am Dienstagmorgen deshalb auch Stephan Niesert, einer der Geschäftsführer der Kreisjägerschaft. Auch Niesert ruft die Autofahrer dazu auf, gerade auch im morgendlichen Berufsverkehr vorsichtig zu sein. Wie schnell es zu einem Unfall kommen kann, erfuhr unweit der Kontrollstelle ein 26-jähriger Selmer. „Ich war unterwegs zu meinem Arbeitsplatz in Everswinkel“, sagte der Autofahrer.

Beim Zusammenstoß mit dem jungen Wildschwein wurde das Auto des Selmers deutlich beschädigt.
Beim Zusammenstoß mit dem jungen Wildschwein wurde das Auto des Selmers deutlich beschädigt. © Thomas Aschwer © Thomas Aschwer

„Dann habe ich Bewegungen auf der Straße gesehen.“ Bevor der Mann richtig reagieren konnte, hatte er bereits ein junges Wildschwein (Frischling) erwischt. Es lief zwar noch weiter über die Straße auf die andere Seite, starb es dann aber vor Ort.

Der Selmer Autofahrer hatte weitgehend Glück, er blieb unverletzt. Allerdings wurde die Front seines Fahrzeuges beschädigt. Nach Einschätzung von Horst Harmelink hatte der Fahrer Glück im Unglück. Wenn es sich um ein ausgewaschenes Wildschwein gehandelt hätte, wäre der Unfall nicht zu glimpflich verlaufen. „Der Schaden am Fahrzeug wäre mit Sicherheit viel größer gewesen.“ Kein Wunder bei einem Gewicht von rund 80 Kilogramm.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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Thomas Aschwer