Die Sucht- und Drogenberatungsstelle und die Fachstelle Substitution der AWO Münsterland-Recklinghausen betreuten 2019 insgesamt 513 Menschen mit Suchtproblematik. Auch aus Olfen und Nordkirchen.

Nordkirchen, Olfen

, 01.06.2020, 15:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Droge Nummer 1 im Kreis Coesfeld bleibt Alkohol. Das teilen die Sucht- und Dogenberatungsstelle und die Fachstelle Substitution der AWO Münsterland-Recklinghausen in ihrem Jahresbericht für 2019 mit. 513 Menschen mit einer Suchtproblematik nahmen Beratungen wahr. 205 davon nahmen erstmalig Kontakt zur Beratungsstelle auf.

Welche Dimensionen Sucht hat, das weiß Lioba Krüger-Rosenke, Leiterin der Beratungsstelle: „Wenn jemand ein Suchtproblem hat, leidet die Person in der Regel nicht alleine unter der Erkrankung. Meist sind es die oder der Partner, die Kinder, Eltern oder Freunde, die sich Sorgen um den betroffenen Menschen machen und teilweise nicht wissen, wie die dem nahestehenden Menschen helfen können.“ Hilfe leisten die Mitarbeiter der Beratungsstelle.

Lioba Krüger-Rosenke leitet die Suchtberatungsstelle.

Lioba Krüger-Rosenke leitet die Suchtberatungsstelle. © AWO

Wer sind diese Menschen, die sich an die Beratungsstelle gewandt haben? Wie ist die Geschlechterverteilung beim Thema Sucht? Wo wohnen sie? Hier sind einige Antworten:

Wie in den vergangenen Jahren - so liest man aus der Statistik - ist der Großteil derer, die betreut werden, männlich (357). Alkohol ist dabei der häufigste Grund, Beratung in Anspruch zu nehmen (193). Auch bei den Frauen (156) ist Alkohol die Substanz, die den häufigsten Beratungsanlass bot (62).

Ein großer Teil der Menschen, nämlich 94, die eine Beratung hatten, waren von Krankenhäusern vermittelt worden. 156 Menschen nahmen ohne Vermittlung Kontakt auf. 54 Personen waren von ihrem sozialen Umfeld - Familie, Freunde - vermittelt worden.

12 Prozent Schüler und Studenten

Von den 513 Menschen, die eine Beratung bekamen, waren 113 (22 Prozent) Angestellte. 16 Prozent (85) waren erwerbslos und immerhin 12 Prozent (66) waren Schüler und Studenten (einschließlich Bezieher von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II).

Der Großteil der Klienten der Beratungsstelle, nämlich 213, wohnt in Dülmen. Aus Olfen kamen elf Menschen, aus Nordkirchen zwei.

Wie sieht eigentlich eine Expertin für Suchtproblematiken die derzeitige Corona-Krise? Ist abzusehen, ob die Corona-Krise mit vielen psychischen Belastungen für die Menschen Auswirkungen auf die Arbeit der Sucht- und Drogenberatungsstelle haben wird?

Öffnungszeiten und Kontakt

AWO-Sucht- und Drogenberatungsstelle im Kreis Coesfeld, Bahnhofstraße 24, 48249 Dülmen, Tel. (02594) 91000 Sprechzeiten: In Dülmen montags, mittwochs und donnerstags 9 -12 Uhr und 13 - 16 Uhr, dienstags 9 - 12 Uhr und 13 - 19 Uhr, freitags 9 -12 Uhr sowie nach Vereinbarung. In Coesfeld (in den Räumen des Ambulanten Sozialdienstes der Justiz, Borkener Straße 13) mittwochs 10 - 17 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Lioba Krüger-Rosenke sagt dazu auf Anfrage der Redaktion: „Es ist anzunehmen. Wir gehen davon aus, dass psychische Belastungen einen missbräuchlichen Konsum begünstigen, der letztlich zu einer Suchterkrankung führen kann. Die gilt insbesondere dann, wenn alternative Bewältigungsstrategien bei Belastungen nicht mehr greifen, beziehungsweise nicht in einem ausreichenden Maß vorhanden sind. „Der Konsum von Alkohol oder anderen Drogen vermittele Menschen kurzfristig das Gefühl entspannter zu sein. Ist der Konsum von Substanzen das einzige Mittel zur Entspannung, könne der Konsum einen hohen Stellenwert einnehmen, was weitere Probleme nach sich zieht. „Wir hoffen natürlich sehr, dass sich Menschen dann bei den Beratungsstellen Hilfen und Unterstützung einholen.“

Werden in der Corona-Krise mehr Menschen die Beratungsstelle aufsuchen?

„Wir hoffen es“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. „Die Suchterkrankung gehört jedoch nach wie vor zu einer Gruppe von Erkrankungen, die einem hohen Stigma ausgesetzt ist. Menschen schämen sich für ihren Konsum. Daher wenden sich viele Menschen oft erst bei fortschreitender Problematik an die Beratungsstelle. Aktuell erleben wir jedoch, dass sich vermehrt Angehörige an uns wenden, da das Konsumverhalten der Menschen in der jetzigen Situation vermehrt auffällt, da die Menschen in den Familien mehr Zeit miteinander verbringen.“

Die Corona-Krise könnte sich negativ auf das Konsumverhalten der Menschen auswirken.

Die Corona-Krise könnte sich negativ auf das Konsumverhalten der Menschen auswirken. © picture alliance / dpa

Welche Auswirkungen hat eine Krise wie die Corona-Krise aus der Erfahrung auf das Suchtverhalten der Menschen?

„Jede psychische Belastung und jede Veränderung der Lebenswelt kann sich negativ oder auch positiv auf das Konsumverhalten von Menschen auswirken“, berichtet Lioba Krüger-Rosenke. Dabei sei es entscheidend, wie viel Ressourcen dem Menschen zur Verfügung stehen. Es gebe Menschen, die besser mit Belastungen umgehen können als andere. Einige Regulative fallen jedoch zurzeit bei vielen Menschen weg. „Nehmen wir mal das Beispiel Homeoffice. Jemand, der abends schon immer sein ,Feierabendbier‘ getrunken hat, hat vermutlich darauf geachtet, dass er nicht so viel trinkt, dass am nächsten Morgen Restalkohol vorhanden ist. Erstens, weil er eventuell mit dem Auto zur Arbeit fährt und weil er zweitens dem Chef nicht mit einer Alkoholfahne gegenüberstehen möchte. Durch das Homeoffice, muss er aber nun kein Auto mehr fahren und trifft seinen Chef nicht persönlich. Daher kann es unter Umständen passieren, dass einzelne am Vorabend mehr Alkohol trinken als gewöhnlich.“

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