Ausgerechnet Freitag, der 13., war ein Glückstag. An diesem Tag im September 1913 wurden die Weichen gestellt für Nordkirchens helle Zukunft. Bis das Licht aufging, dauerte es aber noch.

Nordkirchen

, 06.10.2019, 19:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hildegard Schlutius lebt seit 1965 in Nordkirchen. Genauso lange interessiert sie sich für die Geschichte des Ortes, forscht, schreibt und publiziert. Passend zum Beginn der dunklen Jahreszeit erzählt sie hier die Geschichte der Straßenbeleuchtung:

„Energie zu sparen das ist für uns alle eine wichtige Devise, aber es gibt Bereiche, wo es notwendig ist, ein wenig großzügiger zu sein. Zahlreiche Bürgern und Bürgerinnen beklagen, die Straßen seien nicht genügend ausgeleuchtet. Das ist allerdings harmlos im Vergleich zu früheren Zeiten.

Als Lichtverschmutzung noch ein Fremdwort war: Nordkirchens langer Weg aus der Dunkelheit

Hildegard Schlutius erforscht die Nordkirchener Vergangenheit. Dieses Mal hat sie die Entwicklung der Straßenbeleuchtung erhellt. © Sylvia vom Hofe

Damals waren die Nächte in den Städten und Dörfern pechkohlrabenschwarz, wenn der Mond nicht schien. Vor 600 Jahren wurde in manchen Städten den Bürgern verboten, nachts die Häuser zu verlassen. Zuviel Raubgesindel trieb im Schutz der Dunkelheit sein Unwesen, und Mord und Totschlag drohte überall.

Bei Vollmond blieben die Öllampen aus

Später sorgte auf den wichtigen Straßen das Licht von Öllampen für eine noch schwache Beleuchtung. Allabendlich sah man nun die Laternenanzünder mit Leiter, Dochtschere und Zündhölzern durch die Straßen ziehen. Wann und wie viel Licht es gab, war in Leucht- und Mondscheintabellen genau festgelegt. Bei Vollmond blieben die Laternen dunkel.

Ins Münsterland, wo glücklicherweise weniger Gefahren drohten als in den großen Metropolen, fand diese segensreiche Einrichtung ihren Weg erst im späten 19. Jahrhundert. Einerseits lag es daran, dass man hier Neuerungen immer vorsichtig begegnete, andererseits scheute man vor allem die damit verbundenen hohen Kosten.

Der Bürgermeister von Werne lehnte Beleuchtung ab

Lehnte doch der Bürgermeister von Werne noch 1857 die Anschaffung dieser teuren Beleuchtungskörper ab, zu deren täglicher Bedienung man auch noch einen Laternenanzünder hätte einstellen müssen. In der Dunkelheit sollte jeder Bürger seine eigene Laterne mit sich tragen.

Auch in den Häusern herrschte am Abend beinahe noch Finsternis und wenn nur der magere Schein von Kerzen und Petroleumlampen die Küche und den Weg zum Bett beleuchtete, war es kein Wunder, dass ängstliche Menschen in dunklen Ecken Gespenster sahen und dass sie abends mit den Hühnern schlafen gingen.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts aber gab es mit der Erfindung des elektrischen Generators durch Werner von Siemens eine gewaltige Neuerung. Die mechanische Energie, die in Elektrizität umgewandelt wurde, konnte über große Strecken strömen und somit überall angezapft werden.

Ein neues Lebensgefühl hielt Einzug

Diese neuartige Kraft war ideal für Straßenbeleuchtungen, aber auch für das Licht in den Häusern, das nun bei den Menschen in ganz neues Lebensgefühl hervorrief.

Freitag der 13. September 1913, war der große Tag, an dem zum Zweck der Elektrifizierung die Begehung des Ortes Nordkirchen stattfand. Der Ort war damals noch sehr klein. Die Bebauung der Mühlenstraße, damals Meinhövelerstraße, endete kurz vor Kappenbergs Mühle, die Lüdinghauserstraße an der Einbiegung zum Wehrturm und die der Bergstraße an der Lämmerstraße.

Man beschloß drei ganznächtige und elf halbnächtige Lampen aufzustellen. Eine großartige Neuerung, die 1914 tatsächlich die Straßen des Dorfes erhellte.

Der Erste Weltkrieg machte einen Strich durch die Rechnung

Nun allerdings stellte sich ein neues Problem. Der weitere Ausbau der Stromleitungen wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 jäh unterbrochen. Erst Jahre später konnte er für sehr viel höhere Kosten fortgesetzt werden.

Die ständig steigenden Preise vor der Inflation 1923 machten eine genaue Kalkulation unmöglich. Schließlich im Jahre 1924 - zehn Jahre nach der Elektrifizierung des Dorfes - erstrahlte auch in den Außenbezirken das Licht per Knopfdruck.

Die Überlandleitungen zu den einsam gelegenen Höfen waren sehr aufwendig gewesen. Während zum Beispiel in Nordkirchen die Bewohner des Dorfes keinen Beitrag hatten leisten müssen, wurde von den Bauern der volle Preis verlangt: pro Morgen 15 Goldmark, von einem Hof in Altendorf, zum Beispiel bei 189 Morgen 2835 Goldmark.

Reicht die Straßenbeleuchtung aus?

Ja, die Beleuchtung gibt es nicht umsonst. Heute [betragen die Kosten für die 1150 elektrischen Leuchten in Nordkirchen, Südkirchen und Capelle und das Anstrahlen der drei Kirchtürme an Strom und Wartung der Lampen 78000 Euro. Das sind 0,5 % des Gemeindeetats.“

Die Heimatforscherin Hildegard Schlutius schließt ihren Blick in die erst dunkle, aber zunehmend heller gewordene Nordkirchener Geschichte mit einem persönlichen Appell, der auch Widerspruch auslösen mag.

„Es wäre wünschenswert“, so Schlutius, „dass dieser Etat trotz der Bemühungen zur Energieeinsparung erhöht würde. Dann können alle Bürger ihren Abendspaziergang ohne Furcht vor Belästigungen oder vor Stürzen richtig genießen“.

Lichtverschmutzung wächst weltweit

Laut des deutschenGeorforschungszentrum Postdam, das Satelitenbilder ausgewertet hat, wächst die beleuchtete Fläche in Deutschland jährlich. Sowohl die beleuchtete Fläche als auch die Intensität des Streulichts haben in den letzten Jahren zugenommen: ein weltweites Phänomen mit negativen Folgen: 80 Prozent der Menschheit lebten dadurch unter einem anomal hellen Nachthimmel. Dafür gibt es längst einen Namen: Lichtverschmutzung.

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