Braucht Nordkirchen überhaupt ein Glasfaser-Netz?

Fragen und Antworten

Bekommt Nordkirchen Glasfaser oder nicht? Das soll nächste Woche geklärt werden, kündigt Hardy Heine, Leiter Marktentwicklung der Breitbandversorgung (BBV) Münsterland, an. Noch bis Freitag können sich die Nordkirchener für einen Glasfaser-Anschluss entscheiden. Doch braucht die Gemeinde die Technologie überhaupt? Und was passiert, wenn sie nicht kommt? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

NORDKIRCHEN

, 27.07.2015, 18:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Braucht Nordkirchen überhaupt ein Glasfaser-Netz?

Wie schnell ist Ihre Internet-Verbindung? Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) braucht mehr Informationen.

Um welche Technologie geht es bei der Diskussion überhaupt? Die BBV Münsterland will in Nordkirchen sogenannte „Fiber-to-the-Home“-Anschlüsse (FTTH) anbieten. Das bedeutet, Glasfaser wird direkt bis zum Haus der Kunden verlegt. Diese Kabel-Infrastruktur wird auch die Heli Net für ihre Anschlüsse nutzen können. Im Gegensatz zu Kupferkabeln ermöglichen Glasfasern eine deutlich höhere Datenübermittlungsrate. Dokumente, Bilder, Videos und sonstige Daten können per Glasfaser bis zu 20-mal schneller übertragen werden als per Kupferkabel.

Warum bemüht sich die Gemeinde überhaupt so intensiv um eine Glasfaserversorgung? Weil eine schnelle Internetverbindung und dementsprechend eine moderne Breitband-Infrastruktur immer mehr zu einem wichtigen Standortfaktor wird. Laut Jürgen Grüner, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung des Kreises Coesfeld, ist das aus Sicht der Unternehmen sogar der zweitwichtigste Standortfaktor. „An erster Stelle kommen Fachkräfte und direkt darauf folgt die Breitbandversorgung“, erklärt Grüner.

Das gelte auch für Privathaushalte, besonders für Eigenheimbesitzer. Wer eine Bestandsimmobilie kaufen möchte, betrachte die gesamte Infrastruktur im Umkreis, so Grüner. Dazu gehören neben der Lebensmittel- und Ärzteversorgung oder der Kinderbetreuung auch das Angebot und die Qualität der Internetversorgung. Das habe sich zuletzt in Capelle gezeigt, bevor es mit Vodafone noch keinen Breitband-Versorger gab. Damals sei es schwierig gewesen, den Ortsteil zu bewerben, so Grüner.

Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg, spricht ebenfalls von einem Standortvorteil für Kommunen, die mit Breitband-Internet versorgt sind. Die meisten Prognosen sagen, so der Experte, dass Kupferkabel für den alltäglichen Bedarf noch etwa fünf Jahre ausreichen werden.

Und was passiert dann? „Natürlich kann man dann noch ins Internet gehen“, sagt Gerpott. Aber wenn mehrere Familienmitglieder gleichzeitig ins Internet gehen und zum Beispiel hochauflösende Film-Streaming-Angebote nutzen wollen, reiche die Übertragungsgeschwindigkeit nicht mehr aus.

Aus Unternehmersicht begründet Jürgen Grüner den Bedarf nach Breitband so: E-Mails, Dokumente, Arbeit von zu Hause aus – die Datenmenge nehme auch für Unternehmen immer weiter zu. Eine Kommune, die mit Glasfasertechnologie versorgt sei, habe einen deutlichen Vorteil gegenüber Nachbarkommunen ohne diese Infrastruktur.

Grüner nennt das Beispiel Speditionen: „Bei Online-Frachtbörsen geht es um Schnelligkeit. Den Zuschlag bekommt das Unternehmen, das am schnellsten ein Angebot liefern kann“, erklärt Grüner – das sei auch eine Frage der Internet-Verbindung.

Lesen Sie auf Seite 2 was passiert, wenn Nordkirchen kein Glasfaser bekommt, warum die Vermarktung bisher so schleppend läuft und ob es noch andere Technologien für schnelles Internet in Nordkirchen gibt.

Wie sieht die Glasfaser-Versorgung im restlichen Kreis Coesfeld aus? Etwa 80 Prozent der Kommunen erreichen laut Jürgen Grüner Übertragungsgeschwindigkeiten von über 50 MBit pro Sekunde, ein Drittel seien mit Glasfaser-Technologie versorgt. Zum Vergleich: Der Bundesdurchschnitt liegt bei nur einem Prozent, was Glasfaseranschlüsse angeht, so Grüner. Die Orte im Kreis, die mit Glasfaser ausgestattet sind, haben dadurch einen klaren Vorteil gegenüber Nordkirchen.

Was ist, wenn Nordkirchen kein Glasfaser bekommt? Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt kommt, sehr gering, sagt Grüner. Die BBV beginne den Ausbau bei einer Vorvermarktungsquote von 25 Prozent der Haushalte (590 Anschlüsse). Andere Anbieter, wie die Deutsche Breitband liegen deutlich darüber (40 Prozent). „Wenn die BBV es hier nicht schafft, warum sollte dann jemand anders kommen und es noch einmal probieren?“, fragt Grüner. Für Investoren wäre Nordkirchen uninteressant.

Gibt es noch andere Technologien für schnelles Internet? Laut Torsten Gerpott könne man die Geschwindigkeit von Kupferkabeln erhöhen, indem man sie mit Glasfaser koppelt. Unter Experten werde diskutiert, ob diese Technologie nicht vorerst ausreichend sei. Gerpott selbst sieht eher reine Glasfaser als Zukunftstechnologie: „Ich denke, wenn man schon Geld in die Hand nimmt, von dem auch ein Teil aus Steuern finanziert ist, dann sollte man es gleich richtig machen“, empfiehlt der Experte.

Warum ist die Glasfaser-Vermarktung bislang so schleppend gelaufen? Zwar kennt Torsten Gerpott die Strategie in Nordkirchen nicht, aus Erfahrung könne er jedoch sagen, dass die Gemeinde in guter Gesellschaft sei: Er berichtet von Kommunen in Schleswig-Holstein, die den Schritt zur Glasfaser-Versorgung ebenfalls erst mit einiger Mühe geschafft haben. Häufig sei das Marketing vor Ort nicht gut, hole die Menschen nicht ab oder beantworte Fragen nicht ausreichend.

Hardy Heine von der BBV Münsterland will keine Vergleiche zu anderen Kommunen ziehen, „das wäre ungerecht“, sagt er.

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