Chancen und Sorgen: Die Wirtschaft im Münsterland

Achtes Forum Politik und Mittelstand

2,9 Prozent die Arbeitslosenquote, 2000 Betriebe, 1800 Auszubildende, 160.000 Mitarbeiter: Dem Münsterland, vor allem dem Kreis Coesfeld, geht es grundsätzlich gut. Trotzdem gibt es Anlass zur Besorgnis. Über die Herausforderungen für den Mittelstand im Kreis diskutierten Freitag in Coesfeld Politik und Mittelstand miteinander.

KREIS COESFELD

, 21.05.2016, 13:46 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ferdinand Limberg, Kreishandwerksmeister und Unternehmer in Nordkirchen: Das Handwerk steht in der Mitte der Gesellschaft. Austausch unter den Akteuren ist ein wichtiges Signal dafür, dass die Region gemeinsam gestaltet wird. Erfolg hängt von der Anzahl der Akteure ab, die mitarbeiten.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind bei uns im Kreis Coesfeld sehr positiv. Die Wirtschaftskraft und Investitionsbereitschaft ist groß. Das darf aber nicht bedeuten, dass wir nicht hinschauen müssen. In der Landbautechnik, im Maschinenbau und in der Landwirtschaft sind wir nicht auf Rosen gebettet. Es dürfen aus der Politik nicht nur Regulierung kommen, sondern auch Förderung. Wir haben 2000 Betriebe, 1800 Auszubildende, 160.000 Mitarbeiter: Darauf sind wir stolz. Die Arbeitskräfte werden aber zur Mangelware. Das ist in Zukunft die Achillesferse.

Klar, wir brauchen auch Akademiker. Aber es gibt einen großen Bedarf an handwerklich ausgebildeten Fachkräften, da wir sonst bei der Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft die Spitzenstellung in NRW nicht halten können.

Michael Oelck, IHK-Hauptgeschäftsführer: Natürlich könnten wir versucht sein zu sagen, bei 2,9 Prozent Arbeitslosenquote hätten wir die besseren Ideen und Potenziale gehabt. Aber das sagen wir nicht. Es gab auch bei uns Krisen: Schauen wir nur auf die Textilindustrie, die im Münsterland einst sehr stark war. Darum ist unsere Region ein Vorbild, wie man solche Krisen überwinden kann.

Sorgen machen wir uns trotzdem: Schon heute bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Vielen Unternehmen fehlen Nachwuchskräfte und Nachfolger. Die Arbeitsagentur reagiert mit Förderung, aber wir müssen aktiv Ausbildungsstellen und Karrieremöglichkeiten deutlich und interessant machen.

Wir reagieren auch mit Innungsversammlungen: Wie können wir Fachkräfte besser bei uns halten, die heute schon da sind? Wir versuchen, mehr Frauen in die Berufe hereinzubekommen. Und dann geht es auch um politische Maßnahmen: Wir begrüßen die Einigung der Bundesregierung zur Flexi-Rente. Das wird dazu beitragen, Erfahrungsschätze zu erhalten.

Wir sehen Chancen in der Digitalisierung: Neue Arbeitsplätze entstehen. Aber andere werden dadurch auch vernichtet. Ein Themenfeld, auf dem wir uns bewegen, ist zum Beispiel der 3-D-Druck. Wir haben keine Stadt, sondern eine Flächenregion. Da gilt es, Fehler aus der Vergangenheit zu vermeiden. Eine Faustregel besagt: Gesellen werden nicht geboren, sie werden gemacht. Wir müssen nicht alles auf die Hochschulen fokussieren.

Die Arbeitsmarktintegration kann bei Flüchtlingen erst später erfolgen als gesellschaftliche, sprachliche, kulturelle Integration. Wir stimmen uns im Einzelfall mit anderen Behörden und Einrichtungen ab – soweit ist es Gottseidank gekommen. Ein Erfolgsprojekt ist die Arbeit mit 16 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen an den Berufskollegs. Elf konnten wir erfolgreich vermitteln. Die Hürden sind sehr hoch, aber wir müssen daran arbeiten. Es gibt kein Feld, auf dem es wichtiger ist, dass Organisationen und Behörden zusammen arbeiten.

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Rainer Schmeltzer, Minister für Arbeit, Soziales und Integration in NRW: Ich wurde heute gefragt, ob ich mein Amt noch mag. Nach acht Monaten muss man darüber nicht nachdenken. Ich mag mein Amt noch und bin hochmotiviert. Ich habe noch einiges an die Ideen, werde auch einiges davon in NRW umsetzen und einiges will ich auch gerne noch nach Berlin tragen.

Integration über Erwerbsarbeit zu erreichen, steht bei meinem Handeln weit oben. Das gilt für Langzeitarbeitslose, Ältere, aber auch für Flüchtlinge. Der Kreis Coesfeld ist überdurchschnittlich stark, die Beschäftigung ist überdurchschnittlich gestiegen, die Arbeitslosenquote ist doppelt so stark zurück gegangen wie in NRW insgesamt, vor allem der kräftige Rückgang bei den Langzeitarbeitslosen: Er ist fünfmal so groß wie im NRW-Durchschnitt. Aber darauf kann man sich nicht ausruhen.

Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter geht zurück. Die Beschäftigung nimmt zu, die Erwerbsbeteiligung ist hoch – aber die der Frauen ist unterdurchschnittlich. Die Ausbildungsquote ist hoch, die Zahl der Schulabgänger nimmt ab, aber jeder fünfte Auszubildende im Münsterland bricht die Ausbildung ab. Die Herausforderung besteht darin, die vorhandenen Fachkräftepotenziale zu nutzen, um Stellenbesetzungsprobleme zu mindern oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Entwicklung einer Strategie ist Grundlage für die Verteilung von Fördergeldern des Landes.

Die regionalen Arbeitsmarktakteure erkennen als erste, wo Fachkräfte knapp werden. Darum rufe ich auf, sich an der Fachkräfte-Initiative zu beteiligen. In manchen Regionen des Landes gibt es Betriebe, die sich vor Bewerbungen nicht retten können: Es kommt auch auf die Attraktivität der Unternehmen an. Wer schlecht bezahlt und Mitarbeiter schlecht behandelt, muss sich über wenige Bewerbungen nicht wundern.

Wir haben das Erfolgsprojekt Mindestlohn erfolgreich unterstützt. Aber die Mehrheit der Arbeitgeber in NRW bietet faire Arbeits- und Entlohnungsbedingungen. Diese Betriebe müssen wir stärker sichtbar machen. Auch bei den Minijobbern schlummert Fachkräftepersonal, und viele Minijobber würden gerne mehr arbeiten. Der Anteil der Minijobber im Münsterland ist verhältnismäßig hoch.

Die duale Ausbildung ist ein Schwerpunkt: Ausbildung ist das Mittel, nachhaltig Fachkräfte zu finden. Sie ermöglicht den Jugendlichen die Sicherung der Zukunftschancen und der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Wir bereiten Jugendliche schon in der 8. Klasse darauf vor über das Projekt „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Wir erreichen alle 175.000 Jugendlichen in der 8. Klasse in NRW. Das ist auch eine Chance für die Unternehmen. Unser duales Ausbildungssystem ist weltweit einzigartig. Viele Länder bewundern uns darum. Es verhindert hohe Jugendarbeitslosigkeit. 

Aber bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Land nicht, darum wird es in Deutschland selbst nicht als besonderes Merkmal wahrgenommen. Um der zunehmenden Akademisierung zu begegnen, ist es wichtig, dass die duale Ausbildung nicht als zweite Wahl angesehen wird, sondern als Sprungbrett in eine erfolgreiche Berufstätigkeit.

Wir müssen auf die Lehrer und Eltern auch an Gymnasien zugehen, dass das Abi ein wichtiger Schulabschluss ist. Aber man muss ihnen auch einreden, dass es für sie nicht nur eine existenzielle Perspektive gibt, wenn sie zur Hochschule gehen. Das ist ein falscher Ratschlag. Bei 20 bis 30 Prozent Studienabbrechern tun wir keinem einen Gefallen. Wir müssen den Jugendlichen deutlich machen, dass eine Ausbildung nicht das Ende der Fahnenstange ist – zum Beispiel kann ein Meister oder ein späteres Studium folgen.

Über 1 Millionen Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen, 330.000 waren zunächst in NRW, über 230.000 Menschen, die 2015 kamen, sind bis jetzt in NRW geblieben. Unser aller Ziel ist es, dass in ihren Heimatgebieten wieder Frieden einkehrt. Dann werden viele in ihre Heimat zurückkehren. Die Menschen zu integrieren, ist aber jetzt eine riesige Aufgabe. Die Landesregierung hat für 2016 4 Milliarden Euro für Unterbringung und Integration veranschlagt, mehr als die Hälfte davon geht an die Kommunen.

Die Menschen brauchen berufliche Perspektiven – wir sind weit davon entfernt, zu glauben, dass aus Syrien nur Ärzte zu uns kommen. Es kommen Qualifizierte, gut Qualifizierte, aber auch solche, die noch nie in ihrem Leben eine Schule von innen gesehen haben. Deshalb müssen die Regelinstrumente angewendet werden, und zwar so, dass keine Verdrängung gegenüber Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten entsteht. Wir müssen den Menschen sofort Angebote zum Spracherwerb aufzeigen und ihnen helfen, zu zeigen, was sie können.

Wenn ich aus Berlin vom Minister höre, dass man die Flüchtlinge mit Sanktionen belegen muss, wenn sie Sprachkurse nicht besuchen, dann muss ich erst einmal ein Angebot schaffen, das für alle Interessierten ausreicht. Es macht auch keinen Sinn, dass ein Flüchtling einen Ausbildungsvertrag unterschreibt aber ein paar Monate später den Abschiebungsbescheid bekommt. Ich bin froh, dass die Unternehmen in NRW bereit sind, an der Integration mitzuwirken. Das ist elementar für die Entwicklung unserer Gesellschaft.

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Aus der anschließenden Podiumsdiskussion:

Ferdinand Limberg: Wir hatten eine Flüchtlingswelle vor 20 bis 25 Jahren. Da stand ein junger Mann, 1,65 Meter groß, aus Sri Lanka vor mir, der sich um einen Arbeitsplatz bewarb. Der kannte nur ein deutsches Wort: Arbeit. Der stand am nächsten, am übernächsten Morgen wieder da – naja. Er machte ein Praktikum, machte dann Lehrgänge mit, heute ist er einer der besten Spezialschweißer bei uns im Unternehmen. Seit 24 Jahren bei uns im Unternehmen, einer unserer besten Mitarbeiter. Heute ist er verheiratet, hat zwei Kinder, ist integriert, hat ein Haus gebaut, lebt in Nordkirchen und ist glücklich.

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Christian Schulze Pellengahr, Landrat des Kreises Coesfeld: Rund 3800 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr im Kreis Coesfeld angekommen. Sie kommen aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Viele aus Balkanländern, die darum keine gute Bleibeperspektive haben. Aber gut ein Drittel hat gute Aussichten auf einen festen Bleibestatus. Da überlegen wir nun gemeinsam mit der Arbeitsagentur, mit den Jobcentern in den Gemeinden, um passgenaue Angebote mit den Berufskollegs zu entwickeln. Aber Integration ist ein Projekt über Jahre, bei dem wir Geduld und Zeit mitbringen müssen.

Klar ist auch: Die Menschen müssen selbst auch die Bereitschaft haben, sich zu integrieren und Arbeit zu suchen. Es gibt laut Auswertungen aus unserem Integration Point auch Flüchtlinge, die die Motivation nicht unbedingt mitbringen. Da wird es dann schwer, gute Rezepte zu finden. Es gibt aber sehr viel mehr gute Beispiele: die, die in den Integrationsklassen der Berufskollegs sind, sind ungeheuer motiviert. Da hören wir oft genug: Von deren Fleiß könnte sich manch ein deutscher Schüler eine Scheibe abschneiden. Am Ende bleiben also rund 1300 Menschen im Kreis Coesfeld – ich denke, das ist zu schaffen, mit allen Anstrengungen und bei gutem Willen der Beteiligten.

 

Andre Stinka, NRW-SPD-Generalsekretär, befragt zur Lage der SPD als Volkspartei: Für mich ist klar, dass die SPD die gesellschaftlichen Veränderungen zu spüren bekommt. Die Milieus, die früher die SPD getragen haben, haben sich verändert. Es gab Teile, die sich nach den Schröder-Reformen in Die Linke verabschiedet haben. Die SPD hat derzeit 111.000 Mitglieder in NRW. Die zentrale Frage: Wie kriegen wir junge Menschen wieder in die politische Arbeit der SPD? Wer sich heute für ein Ehrenamt in einer Partei entscheidet, dem muss man klar machen, warum er das tut. Wir wollen, dass Mitglieder unser Programm mitentwickeln - und nicht, dass es in verrauchten Hinterzimmern entsteht.

Was mir viel mehr Sorge macht: Wir müssen schauen, welchen Zustand die Demokratie insgesamt hat. Facebook wird mit der Tagesschau verwechselt und die Menschen werden dort immer mehr empfänglich für vermeintlich einfache Lösungen. Unsere Prozesse dauern nun mal länger. Die demokratischen Parteien haben unser Land geprägt. Wenn uns das Fundament wegrutscht, bekommen wir eine andere Gesellschaft. Ich sage unseren Genossen immer, dass ein Blick in die Vergangenheit nicht reicht. Es geht um den Zusammenhalt, der ist zentral in unserer Gesellschaft. 

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