Darum ist die Zeit der Ärmelschoner in der Finanzverwaltung schon lange vorbei

rnFachhochschule für Finanzen

Seit Herbst 2018 ist Claudia Potthoff-Kowol Leiterin der Fachhochschule für Finanzen. Jetzt hat sie sich zu Berufsaussichten der Studenten, der Mensa und Beleuchtungsfragen im Park geäußert.

Nordkirchen

, 27.02.2019, 12:22 Uhr / Lesedauer: 5 min

In ihrer Vorstellungsrede haben Sie gesagt: „Ich freue mich sehr auf meine neue Aufgabe, denn die FHF ist ein Herzstück unserer Finanzverwaltung.“ Wie groß ist die Freude nach den ersten Monaten in Nordkirchen?
Ich kann sagen, dass sich daran nichts geändert hat. Ich bin erwartungsgemäß hier auf ein tolles Team getroffen. Darüber hinaus ist die Aufgabe so spannend und abwechslungsreich wie ich sie mir vorgestellt habe, denn sie hat eine sehr große Bandbreite. Sie geht von Lehrorganisation und Lehrinhalten über Personal, Unterbringung, Baumaßnahmen bis zur Denkmalpflege. Eine größere Vielfalt kann man sich nicht wünschen. Und das macht es eben sehr spannend.

Wer sich Kommentare über das Studium ansieht, stößt häufig auf Aussagen wie „Sehr schwieriges Studium mit viel Stoff.“ „Selbst die Wochenenden muss man in das Studium investieren.“ Verlangt die FHF so viel, vielleicht sogar zu viel von den jungen Menschen?
Zunächst muss man sagen, dass die Inhalte unseres Studiums und unserer Ausbildung bundeseinheitlich geregelt sind. Der Anspruch gilt also über alle Bundesländer hinweg. Und : Ja, unser Studium ist anspruchsvoll. Das stimmt. Aber man muss auch sehen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen je nach Einsatzgebiet später in der Lage sein müssen, auf Augenhöhe mit Steuerberatern zu diskutieren. Deshalb müssen sie gut ausgebildet sein. Zudem sind die jungen Menschen während der Ausbildung Beamte auf Widerruf und werden besoldet. Deshalb haben sie auch einen Arbeitstag zu leisten.

Welche Vorteile hat aus ihrer Sicht die duale Ausbildung an der FHF?
Ich glaube, dass in der engen Verzahnung von Theorie und Praxis ein großer Vorteil liegt. Unsere Studierenden wechseln immer wieder zwischen dem Studium an der FHF und der Praxis im Finanzamt. Das führt dazu, dass sie nach der Ausbildung bestens für ihren Job gerüstet sind.

Sind Ihnen dennoch Dinge in der Ausbildung aufgefallen, die Sie gerne ändern würden?

Es gibt ein Gremium auf Bund-/Länderebene, das sich stetig mit der Ausbildung und den Inhalten auseinandersetzt. Ich habe in den vergangenen neun Jahren hier mitgewirkt und habe mich so auch schon relativ intensiv mit der Ausbildung beschäftigt. Derzeit habe ich noch keine neuen Änderungswünsche. Das kann sich aber natürlich noch verändern, denn die Innenansicht ist manchmal eine andere.

Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen (Mensa, Unterkünfte) auf dem Schlossgelände?

Aus meiner Sicht haben wir hier ideale Rahmenbedingungen. Die neue Mensa ist sicherlich ein großer Pluspunkt. Wir haben jetzt ein sehr modernes und helles Gebäude mit ganz neuen Ausgabemöglichkeiten. So können wir täglich ein großes Salatbüffet anbieten. Das kommt bei den Studierenden sowie bei den Lehrenden super an. Außerdem bauen wir gerade 150 neue Wohneinheiten auf dem Gelände. Unsere Bedarfe werden hier nach und nach erfüllt. Und wir haben hier natürlich ein tolles Ambiente.

Ist Nordkirchen nicht fast zu klein für eine Fachhochschule? Oder benötigt die FHF keine Infrastruktur wie andere Hochschulen und Universitäten mit Kino, Theater und interessanten Kneipen?

Nordkirchen ist ein sehr, sehr schöner Ort. Und was man nicht vergessen darf, die Fachhochschule hat sich in der Gemeinde immer sehr willkommen gefühlt. Schön wäre natürlich die ein oder andere Studierendenkneipe und vielleicht auch mal ein Kino. Das wäre schon klasse.

Kann die FHF selbst dazu beitragen, den Standort attraktiver zu gestalten?

Mit dem großen Gelände haben wir gerade für den Sommer ideale Rahmenbedingungen, die umfassend zum Radfahren, Joggen oder Fußballspielen genutzt werden. Das ist das, was sich von selber anbietet. Zudem organisiert das Studierendenparlament besondere Events wie den Nikoball, also festliches Essen in historischen Räumen mit Abendgarderobe und allem was dazu gehört. Im Sundernbistro gibt es zudem Mottoabende, die ganz gut angenommen werden. Und schließlich haben wir unsere Datscha. Hier können die Studenten sommertags auch grillen. Gleichwohl machen wir uns immer wieder Gedanken, was wir für die Studierenden zusätzlich anbieten können. Das ist jedoch derzeit noch nicht spruchreif.

Ist das eher unaufgeregte Umfeld gerade perfekt für die FHF, denn Finanzverwaltungen stehen nicht unbedingt in dem Ruf, besonders „sexy“ zu sein? Stimmt das eigentlich?

Ich glaube, dass der Ruf der Finanzverwaltung der Realität schon länger hinterherhinkt. Dieses Bild verändert sich derzeit auch in der Öffentlichkeit. So ist auch das Steuermagazin in einem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit der Ärmelschoner in der Finanzverwaltung schon lange vorbei ist. Ich beziehe das insbesondere auf die praktische Tätigkeit in unserer Verwaltung. Die Finanzverwaltung bietet extrem vielfältige Aufgabenbereiche. Hier findet jeder das, was er gerne macht. Außerdem übernimmt der Computer zunehmend die Routineaufgaben, das heißt, man kann sich den anspruchsvollen Fällen widmen. Dazu gibt es gute Entwicklungsmöglichkeiten.

Geht das etwa konkreter? Welche Aufstiegsmöglichkeiten sehen Sie für FHF-Absolventen an Finanzämtern und in der freien Wirtschaft?

Man muss zunächst sagen, dass die Fachhochschule ausschließlich für die Finanzverwaltung ausbildet, die sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Es gibt hier gute Beförderungsmöglichkeiten innerhalb der Laufbahngruppe 2.1 (ehemals gehobener Dienst) aber auch mittlerweile viele Modelle wie man sich in die Laufbahngruppe 2.2 (ehemals höherer Dienst) entwickeln kann. Hier gibt es unterschiedliche Modelle mit Masterstudiengang oder gesponsertem Jurastudium. Das einige wenige später von der Privatwirtschaft abgeworben werden, ist bedauerlich, spricht am Ende aber für die Qualität unserer Ausbildung.

Zurück zur Situation in Nordkirchen. Wie gehen Sie mit der Kritik aus dem Ort um, dass die FHF-Studenten viele öffentliche Parkplätze blockieren, dass sie lieber ihr Auto im Einkaufszentrum abstellen statt den längeren Weg auf dem Schlossgelände zu nehmen?

Wir haben schon auf dem Gelände sehr, sehr viele Parkplätze im Vergleich zur Studierendenzahl – rund 1000. Zudem haben wir uns in der Vergangenheit immer bemüht, wegfallenden Parkraum – wie beim Bau der neuen Mensa – im Voraus zu ersetzen. Außerdem bemühen wir uns am An- und Abreisetag zusätzlichen Parkraum auf dem Gelände zur Verfügung zu stellen, um den Ort zu entlasten. Andererseits ist es auch so: Wenn ich einen Ort belebe, nehme ich auch Parkraum in Anspruch. Das ist einfach so.

Wie gut kennen sie mittlerweile Ort und vor allem Schlossgelände?

Am Anfang lernt man ganz viel neu kennen oder sollte es kennenlernen. Und das alles gleichzeitig. Aber es kann natürlich nur nach und nach passieren. Ich erkunde auf dem Schlossgelände und in der Gemeinde immer eine Ecke mehr. Stückchen für Stückchen.

Was haben Sie dabei bereits besonders schätzen gelernt? Ist es die herrliche Natur oder das besondere Ambiente der Schlossanlage oder etwas ganz anderes, was Sie bislang noch an keinem Arbeitsplatz hatten?

Ich würde ehrlich gesagt erst einmal bei den Menschen anfangen. Ich habe ein tolles Team hier vorgefunden, mit dem das Arbeiten Spaß macht. Das ist für mich auch immer der größte Wohlfühlfaktor. Hinzu kommt natürlich das tolle Ambiente. Wenn man mal den Kopf freibekommen möchte, macht man einen Gang durch die Schlossanlage. Da denkt es sich schon besser nach.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Kritik aus der Bürgerschaft, dass wichtige Wege auf dem großen Areal nicht beleuchtet sind. Können Sie den Menschen eine Perspektive eröffnen?

Es ist in der Tat ein sehr, sehr großes Gelände. Es wird uns deshalb nicht gelingen, alle Wege durchgängig zu beleuchten. Aber wir versuchen es für die Hauptwege zu gewährleisten. Ich weiß, dass der Sternbusch ein Stück weit in der Kritik stand. Durch wiederholten Vandalismus sind die Lampen mittlerweile ziemlich kaputt. Auch die Verkabelung werden wir neu legen müssen. Wir müssen sehen, was in diesem Jahr insgesamt ansteht, da ist das ein oder andere vorrangig zu leisten. Vielleicht werden wir die Beleuchtung im Sternbusch aber auch hinbekommen. Versprechen kann ich es aber nicht. Wichtig ist mir der Appell, dass die Dinge nicht wieder mutwillig zerstört werden. Sonst können wir eine Beleuchtung der Wege auf Dauer nicht gewährleisten.

Zurück zum Thema Finanzverwaltung. Macht eine Steuer-Expertin wie Sie ihre Steuererklärung selbst?

(Die FHF-Leiterin lächelt und sagt dann:) Nein. Mein Mann ist selbstständig, deshalb macht ein Steuerberater unseres Vertrauens unsere Steuererklärung.

Aber Sie könnten es?

Ich würde es hinbekommen.

Gibt es nach den ersten Monaten in Nordkirchen bereits einen ersten Wunsch für die Fachhochschule, den sie öffentlich benennen würden?

Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich mir wünsche, dass alles so gut weiterläuft wie bisher.

Wenn Sie aber den Blick nach vorne wagen, wird sich an der FHF in Nordkirchen und in der Finanzverwaltung Grundsätzliches ändern?

Die Digitalisierung der Verwaltung ist ein ganz großes Ziel unserer Landesregierung. Hier an der FHF manifestiert sich das ein Stück weit dadurch, dass wir die Anwärter seit einigen Jahren mit iPads ausstatten. Sie werden in Teilen im Unterricht eingesetzt, können aber auch für die Nachbereitung genutzt werden.

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