Der Karnevalsumzug in Nordkirchen ist inklusiv und damit etwas Besonderes in ganz Deutschland. Aber: Wie ist er vor genau 40 Jahren eigentlich entstanden? Die Antwort kennt Rudolf Müller.

Nordkirchen

, 04.03.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass es sich manchmal lohnt, nicht nur „warum?“ zu fragen, sondern auch „warum nicht?“ - dafür ist der Karnevalsumzug in Nordkirchen in gutes Beispiel. Vor genau 40 Jahren - am 27. Februar 1979 - fand der inklusive Karnevalsumzug zum allerersten Mal statt. Ursprung des Zuges ist die Kinderheilstätte in Nordkirchen, eine Einrichtung für Kinder mit Behinderung.

Die Geschichte des Ursprungs

Rudolf Müller, gebürtig aus dem Rheinland kommend, war damals Lehrer an der Kinderheilstätte. Sein Sohn Jürgen, der mittlerweile 56 Jahre alt ist, damals aber Teenager war, lernte an derselben Schule, an der sein Vater auch unterrichtete. Er hat das Down-Syndrom. Und er liebt Musik. „Wenn irgendwo Musikgruppen waren, dann stand er davor und hat sie dirigiert, hat den Takt angegeben“, erinnert sich sein Vater heute.

„Der Müller ist verrückt“: Wie vor 40 Jahren die Idee für den Karnevalsumzug entstand

Rudolf Müller aus Lüdinghausen hat er den karnevalistischen Stein an der Kinderheilstätte damals ins Rollen gebracht. © Marie Rademacher

Diese Begeisterung seines Sohnes und die Überzeugung, so sagt er, dass behinderte Menschen an allem teilnehmen können und sollen, an dem auch Menschen ohne Behinderungen teilnehmen, bringen Rudolf Müller 1976 dazu, an der Schule eine AG zu gründen. Eine Trommel-AG. Warum nicht?

Kurz vorher hatte er mit seinem Sohn den Auftritt einer holländischen Drumband gesehen. „Und ich habe gedacht: Das, was die da machen - links, rechts - das können wir auch“, sagt Rudolf Müller heute.

1976 hat er als gelernter Tischlermeister gerade seine Fortbildung zum Fachlehrer für Menschen mit Behinderung abgeschlossen, hat in Nordkirchen seine eigene Klasse. Karneval spielt da schon vor dem ersten großen Umzug 1979 eine große Rolle. „Wir haben zum Beispiel Hitparaden gemacht und uns verkleidet“, sagt Rudolf Müller.

„Der Müller ist verrückt“: Wie vor 40 Jahren die Idee für den Karnevalsumzug entstand

Im Werkraum der damaligen Schule der Kinderheilsätte fanden 1976 die ersten Proben des Trommelzuges statt. © Repro Marie Rademacher

Bei Fanfarenzügen der Umgebung beschafft der Lehrer ausgediente Trommeln für seine neue AG, übt regelmäßig mit den Schülern im Werkraum der Kinderheilstätte.

„Der Müller ist verrückt, haben sie damals gesagt“, erinnert sich Rudolf Müller heute. Durchaus, so sagt er, hatte er nämlich damals mit ein paar Widerständen zu kämpfen. „Einige Kolleginnen haben gesagt: Das ist Blödsinn, da schicken wir unsere Klassen nicht hin.“

Die 1970er-Jahre sind eben noch eine andere Zeit. Zum Beispiel erinnert sich Rudolf Müller auch, dass er einmal, als er mit einer Gruppe behinderter Kinder in eine Eisdiele in Nordkirchen wollte, man ihn nicht reingelassen habe. „Das könnte heute nicht mehr passieren“, sagt er.

Vor mehr als 40 Jahren allerdings schon.

Veränderung spiegelt sich in Geschichte des Umzuges

Die Gründung des Trommelzuges ist da ein großer Schritt in eine andere Richtung, in ein neues Denken. Das spiegelt sich auch in der Entwicklung, die der Karnevalszug in den folgenden 40 Jahren nimmt. Als er zum ersten Mal stattfindet, führt der Trommelzug ihn an.

Es ist der erste offizielle Auftritt der Musikgruppe. Rudolf Müller hat im Kollegium ein paar närrische Mitstreiter gefunden, die mit ihm im Team die Organisation des Umzuges übernehmen. Beteiligt sind ausschließlich Kinder und Mitarbeiter der Kinderheilstätte.

Die Resonanz geht aber darüber hinaus. Die Ruhr Nachrichten beispielsweise berichten einen Tag nach der Veranstaltung, dass ganz Nordkirchen „fest in der Hand kleiner Narren“ gewesen sei.

Im Artikel, den Rudolf Möller in einer Klarsichthülle in einem großen Aktenordner aufbewahrt hat, heißt es: „Im Vordergrund dieses fröhlichen Nachmittages stand neben dem Spaß an der Freude auch eine therapeutische Absicht: Die Kinder sollten - durch das gemeinsame Vorbereiten und den gemeinsamen Umzug - ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt bekommen und erkennen, dass sie nicht isoliert leben.“

„Der Müller ist verrückt“: Wie vor 40 Jahren die Idee für den Karnevalsumzug entstand

1979 - vor genau 40 Jahren also - hat in Nordkirchen der erste Karnevalsumzug stattgefunden. © Repro Marie Rademacher

Diese „Absicht“ wird erfüllt, wie ein Blick auf die vergangenen 40 Jahre zeigt. Schon im zweiten Jahr ist der Umzug wesentlich größer, immer mehr Kollegen ziehen mit, erzählt Rudolf Müller. Und irgendwann ist das ganze Dorf involviert. Mittlerweile gibt es einen Verein, der sich um die Organisation des Zuges kümmert. Er ist zu einer festen Größe geworden - und mit seiner Ursprungsgeschichte etwas ganz Besonderes geblieben.

Das bestätigte auch Klaus-Ludwig Fess, Präsident des Bund Deutscher Karneval, bereits im vergangenen Jahr im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: Einen inklusiven Karnevalszug dieser Art gibt es nur hier.

Trommelzug gibt es immer noch

Immer noch ist der Trommelzug, den einst Rudolf Müller gegründet hat, fester Bestandteil. Rudolf Müller leitet ihn seit 2006 zwar nicht mehr, aber immer noch kommt er einmal in der Woche zur Probe, spielt Trompete, während die Kinder und Jugendlichen auf ihren Trommeln den Takt angeben. Musikalischer Leiter ist Jörg Krause-Zimmermann, Axel Vieth dirigiert die Truppe.

„Der Müller ist verrückt“: Wie vor 40 Jahren die Idee für den Karnevalsumzug entstand

Im Altenwohnheim Nordkirchen war der Trommelzug der Maximilian-Kolbe-Schule am Donnerstag zu Gast und machte ordentlich Stimmung. © Marie Rademacher

Beim Martinsumzug in Nordkirchen geht der Trommelzug als Musikgruppe mit, jetzt zu Karneval hat er ein ganzes Programm zu absolvieren. Am Donnerstag, Weiberfastnacht, zum Beispiel ging es - das ist schon Tradition - in das Altenwohnheim in Nordkirchen. In einem stimmungsvollen Auftritt ließen es die Trommler der Maximilian-Kolbe-Schule da richtig krachen.

Beim Umzug am Nelkendienstag fährt die Truppe seit einigen Jahren auf einem eigenen Wagen mit - hat so alles im Blick, wirft Kamelle. Alle Besucher feiern zusammen - egal ob mit und ohne Behinderung. Alle zusammen nehmen teil. Warum nicht? Oder besser: Warum nicht!

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