Der verblasste Glanz von "Haus Westermann"

Nordkirchener Traditions-Kneipe

Es gab eine Zeit, da gab es an Haus Westermann kein Vorbeikommen. Nicht nur weil es mitten im Nordkirchener Ortskern steht, sondern auch, weil hier über 100 Jahre das Leben pulsierte. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Gäste wurden weniger. Jetzt muss Nordkirchen vom Haus Westermann Abschied nehmen.

NORDKIRCHEN

, 22.08.2016, 16:57 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der verblasste Glanz von "Haus Westermann"

Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.

Wer über die Berg- und Schloßstraße fährt, fährt auch am Haus Westermann vorbei. Bis 2009 pulsierte das Leben in dem Haus, das Kneipe, Restaurant, Biergarten, Hotel und Veranstaltungsort war. Es wird eine Weile dauern, bis man sich an das neue Bild gewöhnen wird. Ohne Haus Westermann.

Bernd Lüring ist fest davon überzeugt, dass die Nordkirchener damit kein Problem haben werden. Von 1992 bis 2011 waren Bernd und seine Frau Antje Lüring Pächter und Betreiber dieses Orts der Gastlichkeit im Herzen Nordkirchens. Mit uns haben sie über die Geschichte von Haus Westermann gesprochen und erklärt, warum ihre Vorstellung vom „Richtigen für jedermann“ am Ende ein Traum blieb.

Seit 1902 in Familienbesitz

1992: Das Gebäude befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit 90 Jahren im Familienbesitz. 1902 übernahm Bernd Lürings Großvater Bernhard Westermann die Gaststätte als Pächter, 1912 kaufte er sie und übergab sie nach dem Zweiten Weltkrieg an seinen gleichnamigen Sohn.

„Das Richtige für jedermann“ sollte Haus Westermann sein, als das Ehepaar Lüring 1993 das Gebäude umbaute. Der Slogan steht noch immer auf der Seite der Klinkerfassade, die tiefrot leuchtet, wenn die Sonne scheint und sich bei wolkenlosem Himmel leuchtend vom Blau absetzt.

„Hotelzimmer, Kegelbahn, Saal, Biergarten, Terrasse vorne“, zählt Bernd Lüring auf. „Viel zu laufen“, erinnert sich seine Frau Antje, die zwischen Kneipe, Festsaal und Biergarten unterwegs war, um den Gästen Essen und Trinken zu bringen. Mit viel Engagement, viel Mühe, viel Herzblut und letztlich auch viel Geld versuchte das Ehepaar, das zu diesem Zeitpunkt schon traditionsreiche Gasthaus noch weiter zu entwickeln.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So sieht es im Haus Westermann in Nordkirchen aus

22.08.2016
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Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Das Gebäude ist entkernt, aber ein einsamer Pokal steht noch herum.© Foto:Dieter Menne
Stammgäste nannten den ehemaligen Wirt Bernhard Westermann auch ihren Vereinswirt.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Eine typische Gasthaus-Szene, dargestellt im Haus Westermann.© Foto:Dieter Menne
Maler, die ihre Zeche nicht zahlen konnten, bemalten statt dessen die hölzerne Decke des Wirtshauses.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Auch die Gästezimmer sind nur noch schwer als solche zu erkennen.© Foto:Dieter Menne
Auch die Gästezimmer sind nur noch schwer als solche zu erkennen.© Foto:Dieter Menne
Auch die Gästezimmer sind nur noch schwer als solche zu erkennen.© Foto:Dieter Menne
Auch die Gästezimmer sind nur noch schwer als solche zu erkennen.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Das war einmal die Küche von Haus Westermann.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Mittlerweile ist das Haus Westermann fast komplett leer. Nur ein paar Überbleibsel aus der Kneipen-Zeit liegen noch herum.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Haus Westermann von außen.© Foto:Dieter Menne
Schlagworte Nordkirchen

Der Euro als Bremse

Irgendwann ging es allerdings nicht mehr nach vorne. Die Lürings, die wie ein Motor versuchten, neue Ideen und Pläne voranzutreiben, konnten nicht verhindern, dass ihr Vorhaben ins Stocken geriet. Es war nicht eine Unebenheit auf dem Weg, den sie eingeschlagen hatten, das Projekt „das Richtige für jedermann“ entwickelte sich zu einer Holperpiste.

Die Probleme waren vielfältig. „Mit der Euro-Umstellung fing alles an“ erinnert sich Antje Lüring. Als im Januar 2002 Euro-Noten und -Münzen die D-Mark aus den Portemonnaies verdrängte, schienen die Menschen ihr Erspartes noch ein wenig mehr festzuhalten. Bernd Lüring: „Die Leute hatten weniger Geld, gleichzeitig hatten wir alle mehr Kosten“, beschreibt er die Situation. Die Folge: Seine Gäste gaben weniger Geld bei ihm aus, kamen auch seltener und gleichzeitig musste der Gastwirt mehr ausgeben, zum Beispiel für die Heizung. „Das ging irgendwann nicht mehr“, so Lüring.

Stammlokal vieler Vereine

Dabei wurden die Lürings in ihren ersten Jahren als Betreiber von Haus Westermann für ihren Mut belohnt. Bis zur Euro-Umstellung habe die Gaststätte einen Höhenflug erlebt. Von den Schiedsrichterversammlungen, über Hochzeiten, Vereinstreffen, Kegelklubs – „es war alles da“, erklärt Antje Lüring. Egal ob Motorradclub, BVB-Fanclub oder Angelverein - viele nutzten Haus Westermann als Vereinslokal oder Stammtisch-Treffpunkt. Kaum jemand kam daran vorbei. „Wir hatten einen sehr guten Ruf“, sagt Bernd Lüring. Aber das nütze alles nichts, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen. Es entscheide eben nicht die Optik.

So richtig glauben können das laut Bernd Lüring noch immer nicht alle, die den Betrieb Haus Westermann in seiner besten Zeit erlebt hatten. „Eine Goldgrube“ müsse dieses Gasthaus doch sein, sagen sie teilweise auch heute noch zu ihm. „Na dann hättet ihr es doch kaufen und den Betrieb übernehmen können“, antwortet der ehemalige Besitzer dann. Das habe aber keiner gewollt.

Aus im Jahr 2013

Nach Hunderten, Tausenden Stunden und rauschenden Festen mit Stammgästen, Besuchern aus Nah und Fern kam der Abschied in Etappen: 2009 verkündeten die Lürings, den Betrieb nur noch für besondere Veranstaltungen zu öffnen und zu vermieten. Der letzte Tag des normalen Kneipenbetriebs war der Nelkendienstag. Ausgerechnet am Nelkendienstag – der Tag im Jahr, an dem der Betrieb im Haus Westermann zuverlässig wie die Atomuhr so richtig brummte. Wenn die Karnevalisten nach dem Umzug durch den Ortskern ihr Fest zu den Lürings verlegten und am Ende alle gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden feierten.

2013 kam dann das endgültige Aus. Die Gemeinde kaufte den Lürings das Gasthaus ab, das so lange in Familienbesitz war und ein Treffpunkt für so viele Nordkirchener.

Staub bedeckt den alten Glanz

Geht man heute durch die Räume von Haus Westermann sieht man an jeder Ecke Zeugen dieser ausgelassenen Stunden: In der Küche liegen noch vergilbte Fotos, eins zeigt die Schloßstraße beim Festumzug der Nordkirchener Schützen, ein weiteres zeigt die Kneipe im Eingang in besten Zeiten – voller Gäste. Heute liegen dort in einer Ecke schwarze Pumps, als hätte sie eine Besucherin nach vielen Stunden des Feierns und Tanzens dort ausgezogen, um ihren Füßen Erholung zu gönnen. Eine dünne Staubschicht bedeckt die Damenschuhe.

Auch sonst ist vom alten Glanz nicht mehr viel übrig: Der Großteil der Möbel ist weg, die Kneipe hat weder Theke, Tische noch Stühle. Trotzdem steckt in den wenigen Quadratmetern der ehemaligen Kneipe noch jede Menge Geschichte. Betritt man den Gastraum, fällt sofort die kunstvoll bemalte Holzdecke auf, die aus der Not einiger Handwerker entstanden war.

Platz für Neues

Lange vor seiner Geburt wohnten Maler vorübergehend in dem Gasthaus, „die auch abends jede Menge getrunken haben“, weiß Lüring aus Erzählungen seiner Eltern und Großeltern. Ihre Zeche konnten die trinkfreudigen Handwerker, die in Nordkirchen waren, um bei der Kirchenrenovierung zu helfen, aber nicht bezahlen und haben stattdessen die Decke des Gastraums bemalt.

Mittlerweile hat sich ein Schleier aus Gilb über die kunstvolle Bemalung gelegt und auch nebenan im großen Saal haben Feuchtigkeit und Schimmel große, dunkle Flecken hinterlassen. So setzt sich das Bild in den ehemaligen Gästezimmern in den Obergeschossen fort.

Bald wird dann das Haus selbst Geschichte sein. Es macht Platz für ein neues, multifunktionales Gebäude in bester Kernlage. Bernd Lüring wird Haus Westermann nicht fehlen, sagt er und er glaubt auch, dass die Nordkirchener sich schnell an das neue Bild gewöhnen werden.  

Jetzt lesen

Nachdem die Gemeinde Nordkirchen das Gebäude Haus Westermann im Jahr 2013 gekauft hatte, war schnell klar, dass die Traditionsgaststätte abgerissen und der Platz für neue Ideen genutzt werden soll. Auf der Suche nach einem geeigneten Investor für einen neuen Gebäudekomplex wurde die Gemeinde bei dem Schwerter Architekten Thomas Buhl fündig. Im Dezember 2015 stellte Buhl der Politik schließlich drei mögliche Entwürfe für Haus Westermann vor: zwei voneinander getrennte Gebäude, und zweimal ein größerer, zusammen hängender Komplex, jeweils mit verschiedener Fassade und Aufteilung. Im Januar 2016 stimmten die Politiker für den Entwurf A, zwei getrennte Gebäude. Weil der Investor in einer der nachfolgenden Ausschusssitzungen aber noch einmal einen veränderten Entwurf vorstellte, geht die Diskussion seitdem in der Politik weiter. Damit verzögert sich das Vorhaben aktuell, einen festen Abriss-Termin gibt es nicht. In das neue Gebäude soll unter anderem Betreutes Wohnen, die Postagentur und das Tourismusbüro einziehen.

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