FHF wollte nur Toilette bauen: Darum dreht sich jetzt ein Baukran über Schloss Nordkirchen

rnSchloss Nordkirchen

Eigentlich keine große Sache: Handwerker sollten eine öffentliche WC-Anlage ins Barockschloss bauen. Die Klos sind immer noch nicht da. Dafür dreht sich jetzt ein Baukran über dem Schloss.

Nordkirchen

, 09.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Fast auf den Tag genau 316 Jahre ist es her, dass Friedrich Christian von Plettenberg zu einem besonderen Festakt nach Nordkirchen reist. Es ist der 13. Juni des Jahres 1703, als der Fürstbischof von Münster mit dem Architekten Gottfried Laurenz Pictorius und den anderen Verantwortlichen anstößt auf das Gelingen ihres großen Projekts.

Fürstbischof verfolgt ehrgeizige Pläne

Der Kirchenfürst will da, wo die 500 Jahre alte Burg der von Morriens steht, mehr eine Ruine als ein repräsentatives Gebäude, etwas Neues bauen. Etwas, das selbst dem französischen König gerecht werden würde: Schloss Nordkirchen - das westfälische Versailles. Ein stolzer Plan, dessen Verwirklichung der Bauherr aber nicht mehr erleben wird.

Nicht einmal drei Jahre nach Baubeginn stirbt der kirchliche Landesherr im Alter von 61 Jahren. Seinen Nachfolger hat er noch selbst bestimmt: seinen damals 16 Jahre alten Neffen Ferdinand von Plettenberg. Der hat die Leidenschaft fürs Bauprojekt von seinem Onkel übernommen. Auch bei den Architekten geht die Verantwortung in jüngere Hände. Nach dem Tod von Pictorius vollendet Johann Conrad Schlaun die Arbeiten- und das mit Liebe zum Detail. Die schließt auch die Waschbecken mit ein.

Warum die 300 Jahre alte Wand plötzlich feucht war

Beispiel Speisezimmer: Den vertäfelten Raum im Hauptgebäude schmückt eine sogenannte Buffetwand: in der Mitte eine Fläche mit viel Platz zum Abstellen von Speisen und Erfrischungen, rechts und links davon Waschbecken mit vergoldeten Hähnen und muschelförmigen Becken.

FHF wollte nur Toilette bauen: Darum dreht sich jetzt ein Baukran über Schloss Nordkirchen

Die meisten Arbeiten sind bereits erledigt. © Sylvia vom Hofe

Diese edlen Becken sind allerdings nicht das Vorbild, als die Finanzverwaltung NRW den Auftrag gibt, im Untergeschoss des Westflügels eine öffentliche WC-Anlage einzubauen. Das Land NRW hatte 1949 die damals einsturzgefährdete Schlossanlage gemietet und dort ein Jahr später die Landesfinanzschule eingerichtet: die Keimzelle für die heutige Fachhochschule für Finanzen Nordrhein-Westfalen (FHF) mit rund 1500 Studenten. 1958 erwarb das Land die Schlossinsel mit dem Hauptgebäude und dem angrenzenden Teil des Schlossparks und restauriert seitdem beständig die Anlage - jetzt auch an einer Stelle, die bislang gar nicht als sanierungsbedürftig aufgefallen war.

Bei der Planung der Toiletten entdecken sie es: Die Wand ist nass. Eine Undichtigkeit der Fassade, wie Martin Küpers von der Verwaltung auf Anfrage mitteilt. Im Bereich des Innenhofes sei der Schaden aufgetreten. Die Ursache ist schnell gefunden: ein großer Lichtschacht, durch den die Feuchtigkeit in die mehr als einen Meter dicken Mauern dringt. Besonders fatal: Dahinter ist der Stromverteiler für das Gebäude untergebracht. Die Klempner und Fliesenleger, die für die Gäste-WC zuständig sind, müssen warten. Erst müssen andere Handwerker ran.

Tonnenschwere Säcke schweben übers Dach

Seit etwa zwei Wochen steht im Innenhof des Schlosses, links neben dem Hauptflügel, ein Baukran. Mit weißem Kunststoff bedeckte Bauzäune schirmen neugierige Blicke von Touristen ab - und stören auf Erinnerungsfotos. Mit leisem Ächzen zieht der Kran tonnenschwere Säcke vom Vorplatz in die Höhe und hievt sie hoch über das herrschaftliche Gebäude aus roten Ziegeln und hellem Sandstein auf die andere Seite des Gebäudes. Die meiste Arbeit ist inzwischen getan.

Die vor 300 Jahr gemauerte Wand ist trocken gelegt, gereinigt und versiegelt, der Lichtschacht erneuert. Kies und Boden sind angefüllt. Am Freitag, 14. Juni, wird der Kran voraussichtlich wieder abgebaut. Danach widmen sich die Handwerker dem ursprünglichen Projekt: dem stillen Örtchen für Gäste.

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