Flüchtling aus Nordkirchen über seine Abschiebehaft

Festnahme im Kirchenasyl

Vor einer Woche wurde der in Nordkirchen lebendende Ghanaer Issah Ali aus dem Schutz des Kirchenasyls geholt und sollte nach Ungarn abgeschoben werden. Wir haben mit ihm über die Festnahme und die Asylhaft gesprochen. Außerdem haben wir die zuständigen Behörden gefragt, ob die Festnahme legitim war.

NORDKIRCHEN

, 30.08.2016, 17:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
Flüchtling aus Nordkirchen über seine Abschiebehaft

Issah Ali hat sich schon gut in Nordkirchen eingelebt und jetzt sogar einen Ausbildungsplatz.

Zur Erzählung von Issah Ali geht es hier. Wenn Sie direkt die Meinung der Behörden über die Legitimität der Verhaftung lesen wollen, klicken Sie hier.

Issah Ali versteht immer noch nicht, was da in der vergangenen Woche mit ihm passiert ist. Wir treffen den 31-Jährigen im Pfarrheim St. Mauritius. Links und rechts neben ihm sitzen Rainer Heimann, Bernd Spelsberg und Leo Kortmann, alle sind in der Flüchtlingshilfe Nordkirchen aktiv. Issah Ali ist wieder da, wo er sein will, in Nordkirchen. Vor einer Woche schien von einem Moment auf den anderen fraglich, ob er noch einmal in die Schlossgemeinde zurückkehren könne.

Ali schildert die Ereignisse vom 23. August so: „Es war kurz nach acht, ich lag noch im Bett, als Bruder Markus zu mir kam und sagte: ‚Die Polizei ist hier, sie wollen dich mitnehmen‘.“ Der Ghanaer habe den Kaupuziner-Mönch gefragt, was er gemacht habe. Doch Bruder Markus habe nur wiederholen können, dass die Gruppe, die unter anderem aus Polizisten, Richter, Arzt und Dolmetscher bestand, ihn mitnehmen wolle.

Handschellen trotz freiwilligem Mitkommen

Die Gruppe habe sich anschließend dem Ghanaer vorgestellt und ihm mitgeteilt, dass er wieder zurück nach Ungarn müsse. „Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe“, sagt Issah Ali über den Moment. Er habe nur gefragt, was er gemacht habe, dass er wieder nach Ungarn müsse. Die Antwort: „Sie haben nichts gemacht“, erinnert sich der 31-Jährige. Issah Ali sagt, er habe nachgehakt und wissen wollen, warum er nach Ungarn soll. Er habe auf sein Herzleiden aufmerksam gemacht, geholfen habe es aber nicht.

Der Ghanaer erzählt, er sei über das Verfahren unterrichtet worden, man habe ihm gesagt, dass man ihn nach Büren bringe und er dort Kontakt zu seinem Anwalt aufnehmen könne. Bis dahin sei alles ruhig verlaufen. Dann habe man ihm allerdings Handschellen anlegen wollen, was der 31-Jährige nicht nachvollziehen konnte, wie er berichtet. „Ich habe gesagt, dass ich kein Krimineller bin“, erzählt er. „Es ist kein Problem, ich komme mit“, habe er den Beamten gesagt. Man habe aber darauf bestanden, seine Hände auf dem Rücken mit Handschellen zu fesseln. „Ich habe mich gewehrt“, berichtet Issah Ali über das, was danach passierte.

Polizisten und Behördenvertreter hätten versucht, ihn zu fixieren, jemand habe ihm von hinten um den Hals gegriffen, worauf hin der Ghanaer auch zugebissen habe. „Er hat mich gepackt und ich konnte nicht mehr atmen“, erinnert sich Issah Ali.

Der Vorfall bleibt Issah Ali ein Rätsel

Nachdem der Fall immer größere Kreise zog und sich unzählige ehrenamtliche Helfer für den 31-Jährigen eingesetzt hatten, durfte er die Anstalt für Abschiebehaft in Büren schließlich wieder verlassen. „Ich habe das erst nicht geglaubt“, erinnert sich Issah Ali. Nicht nur ihm bleibt ein Rätsel, was da eigentlich vorgefallen ist.

„Es war ein Glücksfall, dass der Asylkreis Münster sich sofort um den Fall gekümmert hat“, sagt Bernd Spelsberg. „Wir hätten das so nicht in Gang kriegen können und sind den Helfern in Münster auch sehr dankbar“, fügt Spelsberg hinzu.

Jetzt lesen

„Für mich war das schockierend“, sagt Rainer Heimann, der bei einem Telefonat mit der Gemeinde von den Ereignissen erfuhr. Eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit habe er angesichts des Drucks und der Zeitnot gefühlt. Das Unverständnis der Flüchtlingshelfer sei auch gerade im Fall des Ghanaers so groß gewesen, weil er so sehr dafür gearbeitet habe sich zu integrieren, sagt Bernd Spelsberg. Er spreche sehr gut deutsch, er habe monatelang freiwillig im Altenhilfezentrum geholfen und jetzt Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Ausgerechnet er soll gehen müssen?

Unverständlich für die Nordkirchener, die die Flüchtlinge und Asylbewerber kennen wie kaum jemand anderer in der Schlossgemeinde. Issah Ali hat die Aufregung abgeschüttelt. Er darf bleiben und will weiter daran arbeiten, sich eine Zukunft in Nordkirchen aufzubauen.

Jetzt lesen

 

 

Was die Behörden zum Fall Issah Ali sagen

Die Sozialdezernentin der Stadt Münster, Cornelia Wilkens: 

Sie schreibt in einem Brief an die münstersche Ratsfraktion, dass es bekannt sein müsste, dass nach einigen Urteilen eine Abschiebung nach Ungarn nicht rechtmäßig ist. Die Stadt Münster hätte Issah Ali also wohl nicht aus dem Kirchenasyl geholt.

Ansgar Scheipers, Fachbereichsleiter beim Kreis Coesfeld:

Er sieht die Ausländerbehörde des Kreises in der Pflicht, sich an geltendes Recht und Anordnungen der Bundesbehörden zu halten - diese halten bisher daran fest, Asylbewerber nach Ungarn abzuschieben. Also konnte sich die Ausländerbehörde des Kreises nicht anders entscheiden.

Beim Verwaltungsgericht sei die Situation dagegen eine andere. Es habe Anträge gegen die Abschiebung von Issah Ali am 3. Juni schon einmal abgelehnt. Bei dem Verfahren nach der Verhaftung hat dieselbe Kammer am selben Gericht am 23. August anders entschieden. Es sei das "gute Recht" des Gerichts, einen Fall anders zu bewerten.

Lesen Sie jetzt