Zurück gehen? Rashid Ahmed flüchtete nach Deutschland - nun möchte er zurück nach Bangladesch

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Rashid Ahmed hatte viele Träume, als er sich nach Deutschland aufmachte. Erfüllt haben sie sich nicht. Nun überlegt er, zurück nach Bangladesch zu gehen. Kein untypischer Fall.

Nordkirchen

, 20.02.2020, 19:34 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Rashid Ahmed (32) im Jahr 2013 nach Deutschland kam, hatte er große Hoffnungen. „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt er. Er wollte einen Job finden, irgendwann seine Freundin nachholen, sie heiraten und vor allen Dingen wollte er ein Leben in Freiheit leben.

Mit der Politik in seinem Heimatland Bangladesch ist er nicht zufrieden. „Ich gehörte zur Opposition“, sagt Rashid Ahmed ohne genau zu benennen, mit welchen Aktionen und in welcher Funktion er tätig war. Er fürchtete jedenfalls, so sagt er, dass er jederzeit von der Polizei zu Hause aufgesucht und verhaftet werden könnte.

Minderheiten werden unterdrückt

Die Volksrepublik Bangladesch liegt im Süden Asiens zwischen Indien und Myanmar und hat mehr als 168 Millionen Einwohner. Beobachter stellen in Sachen Demokratie eine schlechte Bilanz aus.

Die Nichtregierungsorganisation Freedom House hat Bangladesch in ihrem Überblick „Freedom in the World 2019“ mit 41 von 100 möglichen Punkten (0 bedeutet nicht frei, 100 bedeutet komplett frei) „als partiell frei“ beurteilt. Religiöse und ethnische Minderheiten würden von der Regierung unterdrückt, die Pressefreiheit sei quasi nicht gegeben. Oppositionsmitglieder und Menschen, die im Verdacht stehen, mit der Opposition in Verbindung zu stehen, würden verfolgt.

Bangladesch ist gleichzeitig eine der wichtigsten Produktionsstätten der internationalen Bekleidungsindustrie, wie die Bundeszentrale für Politische Bildung in ihrem Länderatlas schreibt. Und Bangladesch ist eines der Länder, die am stärksten von Klimawandel betroffen sind. Hunderttausende suchen ihr Glück im Ausland, um dort zu arbeiten.

In Deutschland ist die Zahl an Asylanträgen aus Bangladesch sehr gering. Laut Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden im Jahr 2015 nur 808 Anträge gestellt.

Eine Reise mit Schattenseite

Rashid Ahmed reiste durch verschiedene Länder, um nach Deutschland zu kommen. Er reiste mit dem Flieger, dem Auto, via Boot und zwischendurch auch zu Fuß. Sein Traum, nach Deutschland zu kommen, erfüllte sich, aber hatte Schattenseiten.

Sein Asylantrag wurde abgelehnt, Rashid Ahmed ist geduldet. Das heißt: Seine Abschiebung wurde vorübergehend ausgesetzt. Jedes halbe Jahr muss er seine Duldung verlängern lassen. Inzwischen denkt er immer wieder daran, zurück nach Bangladesch zu gehen. An der Situation im Land habe sich nichts geändert, sagt er. Dennoch. Er möchte versuchen, einen Handel aufzumachen. Dann müsste er auch die Regierung unterstützen, gegen die er eigentlich ist. Aber er hat Gründe. „Meine Freundin wartet in Bangladesch“, sagt er.

Die Chance, sie nachzuholen, ist gering. Außerdem ist seine Mutter krank, und er möchte für sie da sein. Aber alles aufgeben, woran er in den letzten Jahren gearbeitet hat? Immer wieder hat Rashid Ahmed den Termin nach hinten verschoben, an dem er zurückkehren möchte. Er ist unsicher.

Ein klassischer Fall für die Flüchtlingshilfe

„Das ist durchaus ein klassischer Fall“, sagt Leo Kortmann von der Flüchtlingshilfe in Nordkirchen. Etwa die Hälfte aller Flüchtlinge, die aktuell in Nordkirchen lebten - 164 sind es - hätten nur eine Duldung. Die Perspektiven sind dann schlecht. „Rashid ist hierhergekommen und hatte einen Lebenstraum“, sagt Kortmann. Nun aber lebe er in der Ungewissheit der Duldung. „Das ist schon eine psychische Belastung“, sagt der Flüchtlingshelfer.

Rashid arbeitet auch. Er hat einen Vollzeitjob als Tellerwäscher und im Zimmerservice bei einer Gaststätte. Das heißt aber, dass Rashid Ahmed es nicht schafft, in die Sprachkurse zu gehen, die in der Regel vormittags stattfinden. „Das ist ein großes Problem“, sagt Leo Kortmann. So könnten nur Ehrenamtliche abends einspringen, um Sprachkenntnisse zu vermitteln. „Aber das reicht nicht.“

Große Hürden

Seit dem 1. Januar gibt es ein neues Migrationspaket der Bundesregierung. Darin heißt es unter anderem, dass jemand, der eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhalten möchte, seinen Lebensunterhalt eigenständig sichern muss, seit mindestens 18 Monaten einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung von mindestens 35 Wochenstunden nachgehen und „hinreichende mündliche Kenntnisse der deutschen Sprache“ besitzen muss.

Die hat Rashid Ahmed aber nicht. Wenn er Deutsch spricht, ist er schlecht zu verstehen, oft fehlen ihm die Worte. In dem Migrationspaket geht es auch darum, hoch qualifizierte Menschen einfacher zuwandern zu lassen. Dazu zählt Rashid Ahmed nicht. Doch auch Menschen, wie er, die Arbeiten verrichten, die viele Deutsche nicht machen möchten, werden gebraucht, ist Leo Kortmann sicher. Die Flüchtlingshelfer wünschen sich von der Politik mehr Verlässlichkeit. Das neue Gesetz sei ein „Baustein aus vielen Kompromissen“, sagt Kortmann.

Anforderungen werden immer komplexer

Und auch auf kommunaler Ebene haben die Flüchtlingshelfer einen Wunsch: Sie wünschen sich von der Gemeinde eine Stelle, eine Integrationsmanagerin oder einen Integrationsmanager, der als Koordinator zwischen verschiedenen Stellen fungiert. So eine Stelle gibt es bereits über das DRK. Es ist allerdings keine ganze Stelle. Die Flüchtlingshelfer wünschen sich aber eine Aufstockung.

Renate Müller (v.l.), Leo Kortmann und Monika Berkenfeld von der Flüchtlingshilfe Nordkirchen.

Renate Müller (v.l.), Leo Kortmann und Monika Berkenfeld von der Flüchtlingshilfe Nordkirchen. © Sabine Geschwinder

„Wir haben das Problem, dass die Aufgaben und Anforderungen in der Flüchtlingshilfe nicht kleiner werden“, sagt Leo Kortmann. Die Zeit der ersten Hilfe, als es darum ging, Kleidung und täglichen Bedarf bereitzustellen, sei vorbei. Nun gehe es darum, Menschen in Arbeit zu bringen, ihnen dabei zu helfen, Kindergartenplätze für die Kinder zu bekommen und Ähnliches. Die Aufgaben sind komplexer geworden, und die Helfer der Flüchtlingshilfe müssen sich auch erst mal einarbeiten.

„Wir möchten eigentlich soziale Arbeit machen“, sagt Leo Kortmann. Veranstaltungen organisieren, damit die Geflüchteten in Kontakt mit den Nordkirchenern kommen und umgekehrt. Leo Kortmann möchte etwas von der vielen Verantwortung, die die Flüchtlingshelfer tragen, abgeben. Und meint damit eine übergeordnete Stelle.

Aktuell geplant sei dahingehend nichts, sagt Mechthild Kammert von der Gemeinde Nordkirchen, aber: „Da sind wir im ständigen Gespräch“, sagt sie. Noch in diesem Monat ist ein Gesprächstermin vereinbart. „Da werden wir hören, was besonders wichtig ist und welche Herausforderungen hinzugekommen sind“, sagt Mechthild Kammert.

Es gar nicht erst versuchen?

Und Rashid Ahmed? Nach etwa sieben Jahren, in denen er erst Asylbewerber und dann Geduldeter war, wird er wohl in seine Heimat zurückkehren. Wäre es für den Mann aus Bangladesch dann besser gewesen, es gar nicht erst in Deutschland zu versuchen?

„Es war ja eine Notsituation, aus der er geflüchtet ist“, sagt Leo Kortmann. Und auch, wenn er letztlich kein Asyl erhalten habe, so gehe es doch darum, dass er sein Leben verbessern wollte. „Das sind für mich keine Wirtschafts-, sondern Armutsflüchtlinge“, sagt er. Und das sei ja nicht verwerflich. Schließlich sei es ja Zufall, ob man nun in Deutschland geboren ist, oder nicht.

„Niemand verlässt sein Land nur aus Spaß“, sagt auch Monika Berkenfeld, die sich mit Kortmann in der Flüchtlingshilfe engagiert. Und für die Entscheidung, zurück zu dem zu gehen, was man eigentlich hinter sich lassen wollte, ist „Spaß“ auch kein Beweggrund.

Unterstützung der Flüchtlingshilfe: Die Flüchtlingshilfe Nordkirchen existiert seit Dezember 2014 und wird von der Pfarrcaritas der St. Mauritius Gemeinde organisiert. Insgesamt 150 Menschen gehören ihr an. Viele der Teilnehmer sind im Rentenalter, wie Leo Kortmann sagt. Die Flüchtlingshilfe würde sich daher mehr Unterstützung auch von jungen Menschen wünschen. Kontakt unter Tel. (02596) 972918100
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